Wenn Tumbleweed im Western durch die Wüste weht, herrscht Stille. Nichts passiert. Voller Fokus auf die wie ein Strohball aussehende Pflanze, auf die Langeweile. Denn nichts symbolisiert sie mehr. Formel-1-Fans könnten sich Tumbleweed letzte Woche beim Mercedes-Doppelsieg beim Grand Prix in Frankreich geistig vorgestellt haben, wie es neben Lewis Hamilton und dessen Teamkollegen Valtteri Bottas über die Ziellinie huscht. Die Königsklasse des Motorsports kämpft gegen die Langeweile, diese Woche ist der Strohball in Spielberg angekommen.

Ein Strohball als Symbol der Langeweile.
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Im Vorfeld herrscht aber Hoffnung, dass dieser diesmal nur für die wüstenartigen Temperaturen steht. Die Hitzewelle in Österreich hat auch die Steiermark erreicht. Die Sonne brennt unbarmherzig auf den Red-Bull-Ring. Am Donnerstag trudelten trotzdem die ersten Fans ein. Insgesamt erwartet der Veranstalter 200.000 von ihnen. Das wäre Rekord seit dem GP-Comeback 2014. Die Campingzelt-Stadt steht jedenfalls in Reih und Glied. Eine eigene Fanzone in Gedenken an den verstorbenen Niki Lauda gibt's auch. Vereinzelte Verstappen-Anhänger tragen ein Fußballtrikot der Niederlande und sahen sich die mitten in die Natur gebaute Rennstrecke an. Deren Charakteristik und ausgerechnet das Wetter stimmen den Tross mehr oder weniger optimistisch, dass Mercedes nicht auch den neunten WM-Lauf für sich entscheiden wird.

In Spielberg wird auch des verstorbenen Niki Lauda gedacht, sein Ferrari 312T wird im Paddock ausgestellt.
Foto: Photo by Jerry Andre / LAT

Hoffnung Hitze

Für Sonntag erwarten die Meteorologen 30 Grad Celsius, der Asphalt heizt sich dann auf 60 Grad Celsius auf und interagiert anders mit den Reifen der Fahrzeuge. Das Problem: Die Teams können in dieser Saison die Auswirkungen selbst kaum abschätzen. "Es ist verwirrend", sagt Sergio Perez von Racing Point. Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko hofft, dass die Hitze das Feld durcheinanderwürfeln wird. "Wir brauchen Glück", drückt es sein Schützling Max Verstappen aus. Ansonsten gibt sich der Vorjahressieger wenig Chancen. Die Honda-Motoren liefern noch immer nicht genug Topgeschwindigkeit, in den Kurven seien sie nicht so stark wie in der letzten Saison.

Anders Ferrari. Die Flitzer der Scuderia besitzen die höchste Geschwindigkeit auf den Geraden, von denen Spielberg einige zu bieten hat. Die Strecke sollte dem italienischen Traditionsteam besser liegen, der Abstand auf Mercedes zumindest schrumpfen. Hat Ferrari Siegchancen? Fahrer Charles Leclerc: "Schwer zu sagen". Für Stallrivale Sebastian Vettel ist Spielberg "der schönste Grand Prix im ganzen Jahr". Aber: "Ich bin ja Deutscher, also muss man ja auch was finden, worüber man sich beschweren kann. Also einen Tick länger wäre perfekt", sagt der vierfache Weltmeister über die Strecke, die zu den kürzesten der Saison zählt. "Die Favoritenrolle liegt sicher nicht bei uns."

Die Ferrari-Piloten Vettel und Leclerc wollen Mercedes und Hamilton diesmal wieder mehr ärgern.
Foto: Paul Chiasson/The Canadian Press via AP

Hoffnung Kühlung

Die Mercedes-Dominanz wirft unter der steirischen Sonne einen alles einnehmenden Schatten. Zu souverän agierten die Silberpfeile zuletzt. Und so scheint es, als wären es sie selbst, die der Konkurrenz am meisten Hoffnung machen.

"In Spielberg haben wir nicht gerade das größte Selbstvertrauen", sagt Weltmeister Hamilton. Randnotiz: Das ist jener Hamilton, der die letzten vier Rennen allesamt gewonnen hat. Der Doppelausfall in der letzten Auflage des Österreich-GP verunsichert. Da ist es auch nebensächlich, dass Mercedes hier von 2014 bis 2017 jeweils den Sieg einfuhr.

Sportchef Toto Wolff schlägt in dieselben Curbs, also Kerbe. Der Österreich-GP ist das Gegengift zum Mercedes-Set-up. Die Kühlung, bei den Temperaturen ein entscheidender Faktor, und die langen Geraden kämen Ferrari eher entgegen. Teilweise hört sich's mehr wie Zureden an einen Studenten an, der monatelang nichts gelernt hat, das Buch in der Nacht vor der Prüfung zum ersten Mal aufschlägt und dem man in der Früh aus Mitleid Mut zusprechen will: "Wird schon. Ihr habt sicher eine Chance."

Die sportlichen Antworten werden die ersten Trainingseinheiten am Freitag bieten. Nur ein Wort kann kein Vertreter der Formel 1 mehr hören. Perez: "Ich würde nicht sagen, dass es langweilig ist." Verstappen: "Irgendein Team hat immer dominiert. Früher halt Red Bull oder Ferrari." Und ganz früher wurden auch die Streckenbegrenzungen aus Strohballen geformt. Zur Not kann sich so einer am Sonntag auf die Strecke verirren, wenn Mercedes den saisonübergreifend elften Coup in Folge feiert. (Andreas Gstaltmeyr aus Spielberg, 28.6.2019)