Marshae Jones wurde fünfmal in den Bauch geschossen, sie verlor dabei ihr Kind. Nun ist sie wegen des Todes des Fötus angeklagt – ihr wird Totschlag vorgeworfen.

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Birmingham – "Wir sind zum Schluss gekommen, dass das ungeborene Kind das einzig wahre Opfer war" – so lautet das Urteil der Polizei von Pleasant Grove, Alabama, über eine Schießerei, bei der die 28-jährige Marshae Jones von fünf Kugeln in den Bauch getroffen wurde. Jones, die damals im fünften Monat schwanger war, verlor dabei ihr Kind. Und wegen der drakonischen Gesetze zum Schutz "ungeborenen Lebens" steht jetzt nicht die Schützin, sondern Jones selbst vor Gericht. Die Polizei wirft ihr vor, die Schießerei, deren Opfer sie wurde, provoziert und damit den Tod ihres Fötus verursacht zu haben. Die Anklage lautet auf Totschlag.

Die Schützin war zuvor von Geschworenen freigesprochen worden. "Wenn eine im fünften Monat schwangere Frau Streit mit einer anderen Person sucht, liegt jede Verantwortung für eigene Verletzungen oder jene ihres Fötus bei ihr selbst", zitiert die "New York Times" den zuständigen Polizeibeamten Danny Reid. "Die Mutter sollte nicht unnötig Streit suchen." Bei der Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen war es um die Frage gegangen, wer Vater des Kindes sei.

Schwangerschaften kriminalisiert

Alabama hat – so wie 38 andere US-Staaten – Gesetze, die "fetal homicide" im Fall von Gewalt gegen Schwangere als Straftat definieren. Dass das Gesetz eine schwangere Frau selbst trifft, ist allerdings sehr ungewöhnlich. Vor allem aber kommt der Schritt in einer ohnehin schon sehr aufgeheizten Atmosphäre: Alabama zählt zu jenen Bundesstaaten, die in den vergangenen Monaten drakonische Gesetze erlassen haben, die Abtreibung de facto verbieten und Ärzten, die den Eingriff vornehmen, harte Strafen in Aussicht stellen. Dieses Gesetz ist zwar noch nicht in Kraft und dient vor allem dazu, einen neuen Präzedenzfall vor dem Höchstgericht zu schaffen – es sorgt aber dafür, dass der Fall Marshae Jones in den USA hohe Wellen schlägt.

Denn die Causa zeigt zahlreiche Elemente auf, die auch im Fall der neuen Abtreibungsgesetze für Diskussionen sorgen: Die National Abortion Federation bemerkt zu dem Fall etwa, er zeige, dass vor allem schwarze Frauen bisher Gefahr laufen, dass ihre Schwangerschaften kriminalisiert werden – eine Gefahr, die die neuen Abtreibungsgesetze noch weiter erhöhen würden.

"Stand Your Ground"

Zudem lenkt die Angelegenheit auch Aufmerksamkeit auf Alabmas "Stand Your Ground"-Gesetze. So wie in mehreren anderen Bundesstaaten gilt auch in dem Südstaat, dass Menschen das Recht haben, ihre Waffen einzusetzen, wenn sie sich von jemandem bedroht fühlen. Das Gesetz wird schwer kritisiert, weil es besonders häufig zur Anwendung kommt, wenn sich Menschen mit weißer Hautfarbe von Angehörigen von Minderheiten "bedroht" vorkommen – die Regelung werde selektiv, nämlich rassistisch, angewandt, so die Kritik. Auch im Fall von Trayvon Martin – jenem unbewaffneten Teenager, der 2012 in Florida auf seinem Heimweg erschossen wurde – war das Gesetz Begründung für den Freispruch des Schützen George Zimmerman gewesen. (mesc, 28.6.2019)