Fans des Istanbuler Fußballklubs Beşiktaş stoßen vor dem Match mit Raki an.

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In Bars darf weiter Alkohol ausgeschenkt werden.

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Als Ekrem İmamoğlu am 31. März zum ersten Mal die Wahl zum Bürgermeister von Istanbul gewann, stiegen am darauffolgenden Montag die Aktien der zwei größten türkischen Bierhersteller Efes und Turk Tuborg um 5,5 und 2,5 Prozent. Nun ist der türkische Aktienmarkt höchst volatil, doch der Kursanstieg hatte Gründe: Investoren wie genussfreudige Trinker erhofften sich nämlich vom Wahlsieg des CHP-Kandidaten einen laxeren Umgang mit Alkohol.

Der Riss, der durch die türkische Gesellschaft geht, zeigt sich eben auch beim Trinken. Während Präsident Tayyip Erdoğan – überzeugter Abstinenzler – Ayran und Traubensaft propagiert, sind ein Drittel der Türken begeisterte Trinker. Sie sehen sich dabei in Tradition des Staatsgründers Kemal Atatürk, der sich nie für einen Raki zu schade war (er starb mit 57 Jahren an den Folgen einer Leberzirrhose).

Erdoğan legte Taksim-Platz trocken

Mit Beginn der Regierungszeit der AKP aber drehte sich der Wind: Beten stach Biertrinken. So brachte Erdoğan einige Gesetze auf den Weg, die den Genuss von Alkohol zumindest erschwerten. Seit 2014 ist es zum Beispiel verboten, Alkohol in einem 100-Meter-Umkreis von Schulen oder Moscheen zu verkaufen.

İmamoğlus Wahlsieg wurde kräftig begossen.

Ebenso darf nach 22 Uhr nur noch in Gaststätten mit entsprechend teurer Lizenz Alkohol ausgeschenkt werden. Der Taksim-Platz im Zentrum des europäischen Teils Istanbuls war früher einmal Treff- und Feiermittelpunkt der türkischen Jugend. Heute ist der Platz komplett trocken – und eine alles überschattende Moschee gerade im Bau.

70 Prozent Steuer

Noch härter trafen die Steuern die Bier- und Raki-Fans. Wann immer die Wirtschaft stotterte, erhöhte man die Alkoholsteuern ein wenig – die eigene, konservative Wählerklientel traf es ja nicht. Bis zum vergangenen Jahr zahlte man also auf eine 0,7-Liter-Flasche Raki 70 Prozent Steuern.

Während ein Restaurantbesuch in Istanbul relativ günstig ausfallen kann, treibt ihn eine Flasche Wein preislich schnell auf Wiener Niveau. Die säkularen Trinker des Landes litten. Alkohol wurde zum Luxusprodukt, viele wichen auf selbstgebrannten Raki und Selbstbrausets aus.

All das könnte, würde, müsste sich doch ändern, wenn endlich wieder ein säkularer Kemalist an der Spitze der 16-Millionen-Metropole stünde – so zumindest die Hoffnung vieler Istanbuler.

Alkoholverbot bleibt

Doch die wurden nun enttäuscht. Konkret geht es um städtische Einrichtungen, zu denen auch Cafés und Restaurants zählen. Der neue Bürgermeister hat nämlich nicht vor, dort das 2002 von der AKP eingeführte Alkoholverbot aufzuheben. Deswegen schlägt ihm jetzt Kritik seiner Wähler entgegen.

"Die Leute haben nicht für dich gestimmt, damit du gegen Alkohol bist", schrieb Naim Dilmener, ein bekannter DJ, auf Twitter. "Wenn du deine Position vor den Wahlen klargemacht hättest, wärst du gar nicht gewählt worden."

Darauf, dass die Erwartungen mancher türkischer Trinker vielleicht etwas überzogen sind, wiesen wiederum Unterstützer İmamoğlus hin: Schließlich verkehren in den städtischen Einrichtungen ja auch Familien mit Kindern. Auch die Aktien der Bierhersteller konnten nach dem zweiten Wahlsieg İmamoğlus am vergangenen Sonntag keinen Kurssprung verzeichnen. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 28.6.2019)