Designikone Jony Ive (links) und Apple-Boss Tim Cook (rechts) bestaunen ihr eigenes Werk. Im Hinterkopf liebäugeln sie aber bereits mit neuen Märkten. Zum Beispiel der Medizin.

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Verliert ein internationaler Techgigant nachbörslich und in weniger als einer Stunde neun Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung, muss Einschneidendes passiert sein. Die Firma heißt Apple, der Einschnitt ist der Abgang des Designchefs Jonathan "Jony" Ive nach 27 Jahren.

Wer mit der Historie des US-Konzerns nicht vertraut ist, fragt sich vielleicht, ob ein Mensch tatsächlich so einen großen Unterschied machen kann. Im Fall von Apple lässt sich diese Frage wohl eindeutig mit Ja beantworten.

Es mag heute schwer vorstellbar sein, doch 1996 war Apple wirtschaftlich stark angeschlagen, Kostenreduktionen und Mitarbeiterabbau gehörten zur Tagesordnung. In diesem Jahr übernahm der Brite mit dem vornehmen Essex-Akzent die Designabteilung. Zwei Jahre später kam ein neuer, zuckerlfarbener iMac auf den Markt. In etwa zeitgleich ging es auch an der Wall Street wieder bergauf. In den kommenden Jahren entwickelte sich Ive zu einem der wichtigsten und bekanntesten Manager des Konzerns.

Mit einem knubbeligen Design und einem zuckerlähnlichen Farbton für den iMac trug Designer Jony Ive wesentlich dazu bei, Apple vor dem Ruin zu bewahren.
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Minimalismus und Alu

Mit seinem Hang zum Minimalismus und der Vorliebe für Aluminium drückte er den Apple-Cashcows iPhone, iPod oder iPad seinen Stempel auf. "Es geht bei Produkten im Wesentlichen darum, unnötige Teile zu beseitigen", beschreibt der 52-Jährige den Zugang zu seiner Arbeit. Für das Etablieren des Homebuttons wird Ive von Designfetischisten gefeiert. Dieser Knopf hat durchaus Symbolwirkung für seine Arbeit.

Er selbst nennt immer wieder den langjährigen Chefdesigner des Elektrogeräteherstellers Braun, Dieter Rams, als Quelle seiner Inspiration. Medial brachte das Rams immer wieder den Titel "Großvater des iPhone-Designs" ein. Andere unterstellten Ive immateriellen Diebstahl. Der heute 87-jährige Rams hält von beiden Ansätzen nichts. Anlehnungen sieht er eher als Kompliment.

Freundschaft mit Steve Jobs

Apple-Mitgründer Steve Jobs gefiel Ives Stil und ließ ihm beim Designen freie Hand. Zwischen den beiden entwickelte sich über die Jahre eine enge Freundschaft. In einer Biografie wird Jobs mit den Worten zitiert: "Wenn ich einen spirituellen Partner bei Apple hatte, dann Jony." Ive und er würden sich die meisten Produkte gemeinsam ausdenken. "Und dann ziehen wir andere hinzu und sagen: Ey, was haltet ihr davon?" Nach Jobs' Tod wurde erstmals spekuliert, dass Ive die Firma verlassen werde. Doch er blieb.

Jony Ive und seine Rettungsanker für Apple – die bunten iMacs.
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Großes Ansehen genießt er auch beim aktuellen Apple-Chef Tim Cook. "Jony ist eine einmalige Persönlichkeit in der Welt des Designs, und seine Rolle bei der Wiederbelebung von Apple kann gar nicht genug hervorgehoben werden", so Cook. Im Jahr 2012 schlug ihn die Queen sogar zum Ritter. Von da an also "Sir Jony".

Neue Herausforderungen

Doch nach knapp 30 Jahren bei Apple will sich das Designurgestein neuen Herausforderungen stellen. Mit Love From gründet er sein eigenes Unternehmen – unschwer zu erraten, in welcher Branche selbiges tätig sein wird. Und auch der Bruch mit Apple entspricht eher einer Trennung auf Raten. Denn Apple werde einer der Hauptkunden seines neuen Designbüros. Beide Seiten würden künftig bei einer Reihe von Projekten zusammenarbeiten, heißt es.

Sogar einen Österreichbezug gibt es in dieser Geschichte. Der Grazer Julian Hönig arbeitete seit 2010 im nur aus 24 Personen bestehenden, aber sehr mächtigen Apple-Designteam. Er kündigt ebenfalls. Kommentieren möchte er das allerdings nicht, wie das Onlineportal Heise schreibt. Neben Hönig verlassen noch zwei weitere langjährige Mitarbeiter die Mannschaft.

Apple

Keine große Überraschung

Völlig überraschend kommt der Abgang weder für Analysten noch für Apple selbst. "Wir warten eigentlich seit 2015 auf diesen Schritt. Das Unternehmen hat sich seit Jahren darauf vorbereitet", sagt der langjährige Apple-Analyst und Loup-Venture-Gründer Gene Munster. 2015 nahm sich Ive eine kleine Auszeit von der Produktentwicklung, um sich voll und ganz auf die Entstehung des neuen Apple-Hauptquartiers zu konzentrieren. 2017 nahm er seine eigentliche Tätigkeit als Chief-Design-Officer wieder auf.

Dass Design in Cupertino künftig keine zentrale Rolle mehr spielt, ist nicht zu erwarten. Dennoch ändern sich die Zeiten. "Wir sind im Zeitalter der Software angekommen", meint Munster. Das zeigt sich bei Apple deutlich. Onlineservices wie Videospiele und Streamingangebote bekommen immer mehr Bedeutung. "Apple as a Service" lautet die Devise. Tim Cook und auch Sir Jony zufolge könnte zudem der Einstieg in die Medizinbranche folgen.

Dass der Abgang vom Chefdesigner Apple langfristig in die Knie zwingt, ist nicht zu erwarten. Selbst kurzfristig halten sich die Folgen des Abgangs in Grenzen. Neun Milliarden Dollar klingt im ersten Moment nach sehr viel. Ist es auch. Im Fall des Konzerns aus Cupertino entsprechen neun Milliarden Dollar allerdings nur einem Prozent. (Andreas Danzer, 28.6.2019)