Auf dem Weg zu seiner zweiten Pole Position: Charles Leclerc.

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Im Gespräch mit einem Zangler aus dem Hause Ferrari: Sebastian Vettel.

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Spielberg – Im Vorfeld herrschte ein Funken Hoffnung, dass in Spielberg die Mercedes-Dominanz in der Formel 1 ihr Ende finden würde. Nach dem zweiten Freitagstraining ein Äutzerl mehr, nach dem Abschlusstraining ein bisschen. Und nach dem Qualifying lebt sie! Denn Ferrari-Pilot Charles Leclerc hat sich tatsächlich die Pole Position für den Grand Prix in Österreich (Sonntag, 15:10 Uhr im STANDARD-Live-Ticker) gesichert. Stilvoll, mit neuem Streckenrekord in 1:03,003 Minuten. Lewis Hamilton und Sebastian Vettel kassierten hingegen Enttäuschungen – auf unterschiedliche Weise.

Charles Leclerc (re) hat Lewis Hamilton am Samstag in Spielberg die Show gestohlen.
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Strafe gegen Hamilton

Mercedes und Hamilton mussten sich zunächst mit 0,259 Sekunden Rückstand und Platz zwei geschlagen geben – bis 17:58 Uhr. Dann wurde nämlich offiziell, dass Hamilton von den Rennkommissaren, den Regelhütern der Königsklasse, eine Strafe ausfasste und auf Rang vier zurückversetzt wurde. Der Grund: Der Weltmeister hatte nach einem Fahrfehler in Q1 Kimi Räikkönen behindert. Der Finne dankte es ihm mit dem ausgestreckten Mittelfinger.

"Ich verdiene die Strafe heute total", schrieb Hamilton später auf Instagram. "Es war ein Fehler von mir und ich übernehme die volle Verantwortung. Es war keine Absicht dahinter. Wie auch immer, morgen ist ein neuer Tag und eine neue Chance, um wieder aufzustehen." Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff akzeptierte die Strafe. "Das Regelbuch besagt, dass man, wenn man jemanden behindert und das klar ist, drei Plätze nach hinten muss", so der Wiener, der aber seinen Piloten auch in Schutz nahm: "Ich denke, es ist nicht der Fehler des Fahrers, weil er ihn nicht gesehen hat." Dennoch war für ihn klar: "Aus unserer Sicht ist die Strafe zu akzeptieren."

Eine weitere Niederlage für die Silberpfeile ist, dass Valtteri Bottas (+0,534) hinter Max Verstappen (+0,436) von Red Bull Racing nur Viertschnellster war. Beide rücken dank der Hamilton-Strafe jedoch um je einen Platz nach vorne.

Hamilton vs. Räikkönen

Vettel im Pech

Und Vettel? Beim Deutschen spielte die Technik im Fahrzeug nicht mit. In Q2 versammelte sich plötzlich die halbe Ferrari-Box um sein Auto. Die andere deckte die Sicht zum Fahrzeug ab. Motto: "Hier gibt’s nichts zu sehen. Gehen Sie weiter". Nichts zu sehen, nämlich keine Runde, gab es dann auch von Vettel in Q3. Er stieg ins Auto ein. Und dann wieder aus. "Das ist natürlich frustrierend", sagt er und muss nun von Position neun ins Rennen gehen.

Von Startplatz zehn dahinter startet Kevin Magnussen (Haas/+1,069). Er fuhr zwar die fünftschnellste Quali-Zeit, wird aber wegen eines unerlaubten Getriebewechsels um fünf Plätze strafversetzt.

Eine Frage der Ausdauer

Leclerc hat damit den ersten F1-Sieg vor Augen. Kein Wunder, dass er lächelte. Der Monegasse bestätigte die Bestzeit in den beiden letzten Trainingseinheiten und dass der Red-Bull-Ring der Scuderia entgegenkomme. Er holte für Ferrari die erste Pole Position in Spielberg seit einem gewissen Michael Schumacher im Jahr 2001 und die zweite seiner Karriere nach dem Bahrain-Grand-Prix im März.

Die Gretchenfrage lautet: Kann der italienische Rennstall diese Leistung auch auf Renndistanz bestätigen – und damit um den ersten Saisonsieg kämpfen? Leclerc ist zuversichtlich: "Am Freitag hat‘s nicht so schlecht ausgesehen im Vergleich zu den anderen Teams."

Kwjat vs. Russell

Eine gefährliche Situation hatte Toro-Rosso-Pilot Daniil Kwjat im Q1 zu überstehen. Auf einer schnellen Runde fuhr der Russe beinahe auf den sich sehr langsam in die Boxeneinfahrt bewegenden Williams von George Russell auf. Im letzten Moment verhinderte Kwjat einen schlimmen Unfall. Am Ende war er dennoch der Leidtragende, da er mit seiner Rundenzeit ausschied.

Die Highlights.

Reifen-Poker

Die Reifen könnten am Sonntag wieder einmal die große Unbekannte sein. Denn in diesem Bereich herrschte Verblüffung. Leclerc wird mit der Soft-Variante ins Rennen starten: "Das hat unsere Analyse ausgespuckt". Die beiden Mercedes und Verstappen setzen auf Medium, für RB-Motorsportchef Helmut Marko aufgrund der erwarteten höheren Temperaturen die bessere Strategie.

Die Antwort wird das Rennen am Sonntag bringen. Und wenn dieses die Abwechslung von Training und Qualifying hält, könnte es erstmals in dieser Saison keinen Mercedes-Sieger geben – oder zumindest einen abwechslungsreichen WM-Lauf und Gesprächsstoff.

Vertrags-Poker

Nur am Ende der Pressekonferenz hat’s den Hauptdarstellern die Sprache verschlagen. Als Journalisten darüber spekulierten, ob Verstappen eine Ausstiegsklausel hätte, die ihm bei entsprechend überschaubarer sportlicher Performance den vorzeitigen Abgang, also vor Vertragsende 2020, von Red Bull ermöglichen würde. Der Niederländer konterte gewohnt trocken: "Was denkst du, mein Freund?" (Andreas Gstaltmeyr aus Spielberg, APA, 29.6.2019)

Qualifying für den Formel-1-GP von Österreich in Spielberg:

1. Charles Leclerc (MON) Ferrari 1:03,003 Minuten
2. Lewis Hamilton (GBR) Mercedes +0,259 Sek. *
3. Max Verstappen (NED) Red Bull 0,436
4. Valtteri Bottas (FIN) Mercedes 0,534
5. Kevin Magnussen (DEN) Haas 1,069 **
6. Lando Norris (GBR) McLaren 1,096
7. Kimi Räikkönen (FIN) Alfa Romeo 1,163
8. Antonio Giovinazzi (ITA) Alfa Romeo 1,176
9. Pierre Gasly (FRA) Red Bull 1,196
10. Sebastian Vettel ohne Zeit in Q3
11. Romain Grosjean (FRA) Haas 1:04,490 Min. (in Q2)
12. Nico Hülkenberg (GER) Renault 1:04,516 ***
13. Alexander Albon (THA) Toro Rosso 1:04,665 ****
14. Daniel Ricciardo (AUS) Renault 1:04,790
15. Carlos Sainz (ESP) McLaren 1:13,601 ****
16. Sergio Perez (MEX) Racing Point 1:04,789 (in Q1)
17. Lance Stroll (CAN) Racing Point 1:04,832
18. Daniil Kwjat (RUS) Toro Rosso 1:05,324
19. George Russell (GBR) Williams 1:05,904
20. Robert Kubica (POL) Williams 1:06,206

* Rückversetzung um 3 Startplätze (wegen Behinderung)
** Rückversetzung um 5 Startplätze (Getriebewechsel)
*** Rückversetzung um 5 Startplätze (Einbau des fünften Verbrennungsmotors)
**** Rückversetzung in die letzte Startreihe (Wechsel mehrerer Teile der Antriebseinheit)

Startaufstellung

1. Reihe:
1. Charles Leclerc (MON) Ferrari
2. Max Verstappen (NED) Red Bull-Honda

2. Reihe:
3. Valtteri Bottas (FIN) Mercedes
4. Lewis Hamilton (GBR) Mercedes *

3. Reihe:
5. Lando Norris (GBR) McLaren-Renault
6. Kimi Räikkönen (FIN) Alfa Romeo-Ferrari

4. Reihe:
7. Antonio Giovinazzi (ITA) Alfa Romeo-Ferrari
8. Pierre Gasly (FRA) Red Bull-Honda

5. Reihe:
9. Sebastian Vettel (GER) Ferrari
10. Kevin Magnussen (DEN) Haas-Ferrari **

6. Reihe:
11. Romain Grosjean (FRA) Haas-Ferrari
12. Daniel Ricciardo (AUS) Renault

7. Reihe:
13. Sergio Perez (MEX) Racing Point-Mercedes
14. Lance Stroll (CAN) Racing Point-Mercedes

8. Reihe:
15. Daniil Kwjat (RUS) Toro Rosso-Honda
16. Nico Hülkenberg (GER) Renault ***

9. Reihe:
17. Robert Kubica (POL) Williams-Mercedes
18. George Russell (GBR) Williams-Mercedes *

10. Reihe:
19. Carlos Sainz (ESP) McLaren-Renault ****
20. Alexander Albon (THA) Toro Rosso-Honda ****