Der Italiener Lorenzo Bandini auf Ferrari siegt 1964 vor dem US-Amerikaner Richie Ginther (BRM) und dem Engländer Bob Anderson (Brabham-Climax).

Österreichs erster Formel-1-Weltmeisterschaftslauf am 23. August 1964 bleibt in der Retrospektive das einmalige Ereignis in der Geschichte dieser Meisterschaft. Vergleiche mit dem heutigen Milliardenzirkus sind völlig unangebracht, aber schon damals gaben Monza, Nürburgring, Monte Carlo und englische Rennstrecken Infrastrukturen vor, welche am Flugplatzkurs in Zeltweg unerreichbar waren.

Verpatzte Generalprobe

In der Erinnerung bleibt das unerklärbare Wunder, wie es Martin Pfundner schaffte, die gesamte Formel-1-Weltklasse in die Obersteiermark zu locken. Obwohl sich bei der Generalprobe 1963 mancher Rennwagen in seine Teile auflöste, blieb der WM-Termin im Kalender. Aus heutiger Sicht wäre das Rennen 1964 eher vergleichbar mit einem Trachten-Rocker-Festivals: 45.000 Zuseher konsumierten drei Tage lang unglaubliche Mengen Bier bei sommerlicher Hitze auf Campingplätzen. Gastronomie und Hotellerie rund um Knittelfeld? Ein Fremdwort. Dazu als ständige Musikbegleitung der Sound der Rennmotoren.

Nichts konnte die tolle Stimmung verderben, denn Jack Brabham, Jim Clark, John Surtees und Jochen Rindt tranken manches Krügel Bier Schulter an Schulter mit den Fans. Ich war einer der Pressesprecher dieses weltweit beachteten Events, und es bedeutete schon bei der Akkreditierung der prominenten Berichterstatter wie Bernhard Cahier, Gérard Crombac oder Paul Frère, viel Einfühlungsvermögen zu entwickeln. Zwölf Qualitätszimmer im Voest-Werkshotel Zeltweg hatte sich schon die FIA-Funktionärsentourage gesichert, die internationale Kollegenschaft landete meistens in netten Privatzimmern mit Kuhglocken-Weckruf – was zur allgemeinen Überraschung noch Jahre später als einmaliges Erlebnis positiv bewertet wurde.

Militärisches

Zeltweg war der wichtigste Militärflughafen des Bundesheers, der Kalte Krieg beherrschte das Weltgeschehen, Österreich sperrte ihn für eine Woche, wie schon Jahre vorher, zu. Einfach skurril. Die Piste mit ihren Sprüngen und Löchern schien seit der Eröffnung des Flughafens 1937 nie mehr saniert worden zu sein. Kein Geld für das Bundesheer, das war bereits '64 fast selbsterklärend.

Grand Prix von Österreich? Hehre Worte für eine 3,2-km-Strecke, die nur Strohballen als Begrenzung vorweisen konnte. Die Boxenstraße glich eher einem Dorfboulevard, Promis gaben sich wichtig, mürrische Mechaniker versuchten, im Gewühl die Rennwagen startklar zu machen, Jim Clark tratschte inzwischen mit der Familie Bourbon-Parma. John Surtees bot mir vor dem Rennen ein Wette an: "Maximal fünf Autos werden das Ziel erreichen, mein Ferrari ist sicher nicht dabei." Ich hielt mit zehn dagegen. Neun wurden letztlich gewertet, mit Jack Brabham als Letztem, 29 Runden (!) zurück. Mein Siegespreis: zehn signierte Autogrammkarten.

Holpern und Gelassenheit

Die Holperpiste bestätigte ihren Ruf, Rennwagenvernichtung schien angesagt, die Stars nahmen die Sache aber gelassen. Graham Hill stellte seinen BRM mit Defekt ab und begann, genüsslich Kekse zu essen. "Der Motor ist hinüber", registrierte Bruce McLaren – ab ging's zum Sonnenbad. John Surtees kam zu Fuß ins Fahrerlager, beim Ferrari war der hintere Querlenker gebrochen. Kommentar: "What I said." Dann Aufregung, Feuer, Qualm: Auch der hintere Querlenker an Phil Hills Cooper-Climax brach, Benzin spritzte aus dem Vergaser, der Wagen stand in Flammen, Hill sprang heraus und brüllte mir ins Ohr: "Get off boys as fast as you can!" (auf Steirisch: "Haut's ab, Buam!"), Jochen Rindt gab inzwischen mit Lenkungsbruch auf. Neun Teilnehmer kamen ins Ziel, Lorenzo Bandini siegte für Ferrari. Formel 1 in Zeltweg, ein singuläres Ereignis. Das nächste Wiedersehen mit der Weltklasse gab es 1970 – am neuen Österreichring. (Peter Urbanek, 30.6.2019)