In Khartum demonstrierten am Sonntag über eine Million Menschen.

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Im Sudan ist es zu einem erneuten Machtkampf zwischen Militärführung und Bevölkerung gekommen, nachdem die Opposition zu Massendemonstrationen in zahlreichen Städten aufgerufen hatte. Weit über eine Million versammelten sich am Sonntag in Khartum, mehrere Millionen Menschen im ganzen Land – ungeachtet der Präsenz tausender Milizionäre, Polizisten und Soldaten, die in Kolonnen von Pick-ups Position bezogen hatten. Die Demonstranten zogen durch Khartum, um immer wieder vor den Häusern der "Märtyrer" zu verharren, die während der seit einem halben Jahr andauernden Proteste getötet worden waren.

Am späten Nachmittag forderten die Veranstalter die Demonstranten auf, zum Präsidentenpalast zu marschieren, wurden daran aber von Milizionären der berüchtigten Rapid Support Forces (RSF) gehindert. Daraufhin steuerten die Demonstranten mehrere zentralen Plätze in Khartum an. Augenzeugenberichten zufolge eröffneten die Milizionäre zumindest gelegentlich das Feuer, auch eine Klinik soll von RSF-Truppen gestürmt und mehrere Patienten erschossen worden sein. Über die Zahl der Todesopfer lagen zunächst keine Angaben vor.

Militärführung verdächtigt "Vandalen"

Bereits kurz nach Beginn der Großkundgebungen hatten RSF-Milizionäre das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffnet. Ein junger Mann wurde Augenzeugen zufolge am Kopf getroffen. In der Provinzstadt Atbara wurde ein Demonstrant durch einen Schuss in die Brust getötet. Die Militärherrscher hatten die Opposition im Vorfeld für sämtliche Schäden und Opfer verantwortlich gemacht, die die Proteste mit sich bringen könnten. Der starke Mann der Militärs, General Mohamed Hamdan Dagalo (bekannt als "Hemiti"), warf vermeintlichen "Vandalen" vor, mit einer "heimlichen Agenda" aus den Kundgebungen Kapital schlagen zu wollen.

Schon im Vorfeld der neuen Demonstrationswelle war es zu Übergriffen der Militärregierung gekommen. Am Samstag verhinderten Mitglieder der RSF-Miliz eine Pressekonferenz der oppositionellen Sudanesischen Berufsvereinigung (SPA) und durchsuchten deren Büros. Im Khartumer Stadtteil Shambhat lösten Milizionäre ein Vorbereitungstreffen der Opposition auf und verhafteten den Gastgeber. Zwei weitere führende Oppositionsmitglieder wurden am Samstag festgenommen. Schließlich lässt der militärische Übergangsrat (TMC) bereits seit Wochen das Internet sowie das Mobilfunknetz blockieren, um die Organisation von Protesten zu erschweren.

Gewaltsame Räumung Anfang Juni

Bei den Massendemonstrationen anlässlich des 30. Jahrestags der Machtübernahme des im April seines Amtes enthobenen Militärherrschers Omar al-Baschir handelt es sich um die ersten großen Kundgebungen seit der gewalttätigen Räumung der "Revolutionsmeile" vor dem Hauptquartier der Streitkräfte in Khartum am 3. Juni. Dabei waren mehr als 120 Menschen getötet worden. Mitglieder der von Hemiti kommandierten RSF-Miliz erschossen während der Räumung dutzende Menschen. Außerdem vergewaltigten sie zahlreiche Frauen und Mädchen und verprügelten wehrlose Verkehrsteilnehmer. Die Vorfälle führten zum Kollaps der Verhandlungen zwischen den Militärherrschern und der Opposition um die Bildung einer Zivilregierung.

Inzwischen vermitteln Abgesandte des regionalen Staatenbunds Igad und der Afrikanischen Union (AU). Ein Vorschlag des äthiopischen Präsidenten Abiy Ahmed zur Bildung eines "Souveränen Rats", der eine Mehrheit von Zivilisten vorsah, wurde vom Militärrat abgelehnt. Ein revidierter Vorschlag, der sieben Militärs und sieben Zivilisten sowie ein unabhängiges Mitglied anvisiert, steht derzeit zur Debatte.

Nach Auffassung des Khartumer Politologen Salah Aldoma wird sich in den kommenden Tagen das Schicksal des Landes entscheiden. Der Sudan befinde sich "in einer entscheidenden Phase". (Johannes Dieterich, 30.6.2019)