Glyphosat vernichtet Unkraut und erhitzt Gemüter: Umweltschützer wollen das Herbizid verbieten, eine Studie von Boku und Ages sagt, das wäre EU-rechtswidrig.

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Wien – Plötzlich musste es ganz schnell gehen. Eigentlich hätte die Machbarkeitsstudie zum Glyphosat-Ausstieg Österreichs schon Ende 2018 präsentiert werden sollen. Das Projekt dauerte an, das Papier wurde erst heute, Montag, veröffentlicht – genau einen Tag, bevor im Nationalrat über das Thema abgestimmt wird. Die Studienautoren – Experten der Universität für Bodenkultur (Boku) und der Ages (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) – kamen darin zum Schluss, dass ein komplettes Glyphosat-Verbot in Österreich nicht machbar sei: "Man kann Glyphosat nicht total verbieten, das wäre EU-Recht-mäßig nicht möglich", so Siegrid Steinkellner, Projektleiterin und Abteilungsleiterin für Pflanzenschutz an der Boku. Ein solches Totalverbot würde der Genehmigung des Wirkstoffs auf EU-Ebene widersprechen.

Der Einsatz einzelner Produkte könne aber – auch deutlich – eingeschränkt werden, hieß es am Montag. Der unionsrechtliche Rahmen würde Verwendungsbeschränkungen für Pflanzenschutzmittel ermöglichen: "Etwa in Form der Festlegung von Auflagen in der Zulassung bzw. der Festlegung von Verwendungsbedingungen", heißt es dazu in der Studie.

Abstimmung am Dienstag im Nationalrat

Zur Erinnerung: Sowohl SPÖ wie auch ÖVP haben einen Glyphosat-Antrag eingebracht. Während die Roten ein Totalverbot durchsetzen möchten, ist die Volkspartei für eine Begrenzung. Wie die FPÖ sich entscheidet – sie hatte mit ihren Stimmen beide Anträge auf die Tagesordnung der Nationalratssitzung gebracht –, ist unklar. Die Freiheitlichen wollen während der heutigen Klubsitzung eine Entscheidung treffen, Ergebnisse soll es am Montagabend geben.

Aber zurück zur Studie: Ziel der Untersuchung war, so Steinkellner, herauszufinden, ob Glyphosat auf nationaler Ebene verboten werden kann. Des weiteren wurden auch die Themen Rückstände in Lebensmitteln, Alternativen und wirtschaftliche Auswirkungen eines Verbots behandelt.

"Keine Gefahr für menschliche Gesundheit"

Summa summarum gebe es "keine gesicherten Belege dafür, dass Glyphosat die Artenvielfalt stärker beeinflusst als andere Maßnahmen zur Unkrautregulation", so Steinkellner. Auch im Ackerbau gebe es "keine alternativen Herbizide mit vergleichbarer Wirkungsbreite", gleiches gelte auch für den Wein- und Obstbau.

Es konnte außerdem "kein erhöhtes Risiko für diesen Wirkstoff im Vergleich zu anderen zugelassenen Herbiziden abgleitet werden". Zudem hätten Rückstandsdaten in Lebensmitteln gezeigt, dass "von in Österreich und international erhältlichen Produkten keine Gefahr für die menschliche Gesundheit" ausgehe. Zwar habe die internationale Krebsforschungsagentur (IARC) das Herbizid als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft, in der gleichen Kategorie wurde aber auch der Konsum rote Fleischs oder zu heißer Getränke genannt, argumentiert die Wissenschafterin. Andere Organisation, wie etwa die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit oder die Europäische Chemikalienagentur, hätten hingegen keine Kanzerogenität bei sachgerechter Anwendung feststellen können.

Für die vom Umweltministerium beauftragte Erhebung wurden keine neuen biologischen Wirksamkeitsstudien durchgeführt, das Mittel wurde auch nicht erneut auf eine mögliche Kanzerogenität untersucht. Das Papier wurde vielmehr auf Basis verfügbarer bzw. öffentlich zugänglicher Daten, Expertenworkshops, qualitativer Interviews und Modellanalysen erarbeitet. Unter anderem wurden 400 bestehende Studien neu ausgewertet.

"Es ist denkbar knapp"

Die Veröffentlichung Anfang Juli dürfte ursprünglich wohl anders geplant gewesen sein. Sowohl Ages als auch die Boku entschuldigten sich für den kurzfristig einberufenen Termin: "Es ist denkbar knapp." Laut Steinkellner wurde das Papier seitens des Umweltministeriums – damals unter Elisabeth Köstinger (ÖVP) – im Jänner 2018 in Auftrag gegeben, Ende Juni waren dann alle Verträge unter Dach und Fach. Insgesamt flossen rund 166.000 Euro in die Erhebung, um ein Jahr Forschung zu ermöglichen. Die Mittel kamen zu 80 Prozent vom Bund und zu 20 Prozent aus den Ländern. Diese bekamen die Studie vor Veröffentlichung nicht zu sehen, wie das Land Kärnten am Freitag in einer Aussendung kritisierte.

Die Veröffentlichung am Tag vor der Nationalratssitzung war jedenfalls laut Steinkellner nicht geplant. Aber: "Es war uns wichtig, die Studie zu veröffentlichen, bevor es eine Entscheidung gibt." Das Umweltministerium habe sich nach Angaben der Studienautorin jedenfalls nicht eingemischt, das Team habe "wissenschaftliche Freiheit" genossen. (Nora Laufer, 1.7.2019)