Im Hafen von Kushiro entladen Fischer am 1. Juli einen toten Minkwal.

Foto: REUTERS/Masashi Kato

Wer gerne Wal isst, kann in Kushiro auf Japans Nordinsel Hokkaido seinen Appetit leicht stillen. Viele Restaurants der Hafenstadt bieten Walgerichte an, in jedem Sushiladen steht Wal auf der Speisekarte. Daher erscheint es passend, dass der kommerzielle Walfang in Japan am Montag nach 31 Jahren Pause neu begonnen hat. Nach einer kurzen Zeremonie stachen fünf Fangschiffe mit ihren mächtigen Harpunen in See und jagen bis Ende August Baird-Schnabelwale und danach bis Oktober Minkwale. Zeitgleich verließ eine Fangflotte von drei Schiffen den Hafen Shimonoseki im Westen, um Baird-, Mink- und Sei-Wale abzuschießen.

Was wie der Aufbruch in eine neue Ära des Walfangs aussieht, könnte sich jedoch als Anfang von seinem Ende entpuppen. Mit dem Austritt aus der Internationalen Walfangkommission (IWC) gibt Nippon nämlich die Jagd im Südpazifik vor der Antarktis sowie im Nordpazifik auf und beschränkt sich auf die 200-Meilen-Zone vor seinen Küsten.

227 Wale

Die erlaubte Zahl von Abschüssen wurde am Montag veröffentlicht. Bis zum Jahresende dürfen 227 Wale getötet werden. Auf Arten aufgeteilt, stehen somit 52 Minkwale, 150 Baird-Wale und 25 Sei-Wale auf der Liste. Das macht einen gewinnbringenden Walfang kaum möglich. "Offiziell unterstützen viele Beteiligte den Austritt, aber privat fürchten sie, dass die Industrie zu klein ist und sich nicht wiederbeleben lässt", sagt Walfangexperte Fynn Holm von der Universität Zürich.

Die Furcht der Wallobby ist begründet. Nur vier Hafenstädte halten die Tradition noch hoch – Taiji im Westen, Wadaura nahe Tokio, Ayukawa im Nordosten und Abashiri auf Hokkaido. Zum "Verband kleiner Walfänger" gehören lediglich sechs Unternehmen mit fünf Schiffen und weniger als 300 Beschäftigten. Vor allem fehlen die Konsumenten. Im Schnitt verzehrt ein Japaner eintausendmal mehr Rind- und Schweinefleisch im Jahr als Walfleisch. Vom Hoch bei jährlich 200.000 Tonnen in den 1960er-Jahren schrumpfte der jährliche Verbrauch auf 4000 bis 5000 Tonnen.

Das entspricht 40 bis 50 Gramm Wal pro Person, gesteht Joji Morishita, lange Zeit Japans Topunterhändler in der IWC. Alle Anstrengungen, Walfleisch populär zu machen, verliefen im Sande – von Youtube-Videos mit Rezepten bis zur Verteilung in Schulen. Die Stadt Shimonoseki finanziert in diesem Jahr Walfleisch für 100.000 Schulmittagessen. Ein Kind hätte trotzdem nur vier- oder fünfmal im Jahr Wal auf dem Teller. Das bleibt kaum im Gedächtnis hängen.

Agentur gegen Ministerium

Was veranlasste Japan dann im Dezember zum Austritt aus der IWC? Offenbar setzte sich die Fischereiagentur, die den küstennahen Walfang bevorzugt, gegen das Außenministerium durch, nachdem Toshihiro Nikai, der Generalsekretär der regierenden LDP, sich Rückendeckung von Premierminister Shinzo Abe geholt hatte. Die Walstadt Taiji liegt im Wahlkreis von Nikai, und Abe ergriff die Chance, seine nationalistische Seite zu zeigen. Kurz zuvor hatten ihn viele Rechte dafür kritisiert, die Zuwanderung von ausländischen Arbeitern erlaubt zu haben. Mit dem Walfang konnte der ultrakonservative Politiker diese Scharte auswetzen.

Das Außenministerium befürchtete vor allem, Japans frisch erworbener Ruf als Verfechter des Multilateralismus könnte unter dem Austritt leiden. Deswegen begrenzte es den Schaden so gut wie möglich: Die Inselnation behält einen Beobachterstatus bei der IWC, beachtet weiter die Regeln für die Nutzung von Meeresressourcen und setzt die Walforschung fort. Daher bewertet Patrick Ramage vom International Fund for Animal Welfare den japanischen Schritt insgesamt positiv: "Der Austritt nützt den Walen, dem Meeresschutz und Japan." (Martin Fritz aus Tokio, 1.7.2019)