Peter Hanns Berczeller trug eine unerfüllte Liebe zu Österreich im Herzen. Trotz allem.

Foto: Metroverlag

Peter Hanns Berczeller ist sein Leben lang auf der Suche gewesen nach einem Platzerl, wo er zu Hause sein, zur Ruhe hätte kommen können. Pathetisch gesprochen: Er war auf der Suche nach einer Heimat. Denn Peter Berczeller war – ja, doch – ein glühender Patriot.

Aus seiner ersten, der eigentlichen Heimat, aus Österreich, haben sie ihn 1938 vertrieben. In seiner zweiten Heimat, den USA, hat er ein erfolgreiches Berufsleben als Arzt und Professor gelebt. Unter anderem war er der Arzt von Thomas Klestil, als dieser Botschafter in der USA gewesen ist.

Und in seiner dritten Heimat, Frankreich, ist Peter Berczeller am vergangenen Donnerstag 88-jährig verstorben.

Kindheitstrauma

Mit ihm starb nicht nur einer der letzten Zeugen des Naziterrors, der diese Schreckenszeit noch dazu besonders intensiv – als Siebenjähriger, dem die Welt auch in einer ruhigeren Zeit noch fremd gewesen wäre – erlebt hat. Mit ihm starb auch einer, der davon, und nicht nur davon, gerne und packend erzählen konnte. Nachzulesen etwa in seiner Autobiografie "Der kleine weiße Mantel", die im burgenländischen Mattersburg beginnt, wo sein Vater Richard Arzt gewesen ist.

Vater Richard war das zweite lebenslange Gravitationszentrum des Peter Berczeller. Zuweilen schien es gar, als wolle er den Vater, der 1994 92-jährig starb, gewissermaßen fortsetzen. Vater Richard, ein sozialdemokratischer Pionier im Burgenland und väterlicher Freund von Fred Sinowatz, war nämlich ein fulminanter Erzähler, der den Lesern des "New Yorker" regelmäßig aus der wunderbaren und wundersamen Welt der burgenländischen Schtetl berichtet hat. Sohn Peter gab diese Geschichte erstmals auf Deutsch heraus.

Rückkehr

2012 wollte Peter Berczeller zurückkehren ins Österreichische, "um so irgendwie den vollen Kreis meines Lebens zu schließen". Der Plan war, sich in Wien niederzulassen. Gattin Helen streifte schon entdeckend durch die koschere Leopoldstadt. Selbst ein kleines Refugium in Mattersburg-Nähe hatte er im Sinn.

Mehr als regelmäßige Besuche haben sich allerdings nicht ergeben. Zu sehr hat das Leben sich schon verfestigt gehabt, als dass es sich an den Anfang hätte zurückwünschen lassen.

Sprache des Herzens

Peter Berczeller war ein umfassend gebildeter, mit dem aktuellen Österreich stets auch vertrauter Mann, der drei Sprachen fließend zu sprechen vermochte. Deutsch – "nein, Österreichisch" – aber sprach er "mit dem Herzen".

Geschrieben hat er stets auf Englisch. Stets war er dann auf der Suche nach guten Übersetzern. Und natürlich nach einem deutschsprachigen Verlag.

Rachegefühl

Sein letztes Buch, ein Roman, ist diesbezüglich immer noch auf der Suche. Es ist die Geschichte eine Neurologen, der ein "Selbstmordzentrum" im Gehirn entdeckt und die Art und Weise, wie dieses zu aktivieren wäre. Ausgestattet mit diesem Wissen macht er sich auf in einen nur annähernd fiktiven Ort, nach St. Marton, um dort jene altgewordenen Nazis aufzustöbern, die einst seinen Vater ermordet haben.

Im wirklichen Leben war Peter Berczeller freilich ein herzenswarmer, überhaupt nicht verbitterter Mensch, der eine unerfüllte Liebe zu Österreich im Herzen getragen hat.

Enttäuscht war er zuweilen. Vor allem mehr und deutlichere Anerkennung für seinen Vater hätte er sich gewünscht. Im Burgenland. Aber auch in der SPÖ, deren Mitglied er ja bis zum Schluss gewesen ist. (Wolfgang Weisgram, 2. Juli 2019)