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URSULA VON DER LEYEN, Deutschland

EU-Kommissionspräsidentin

Jetzt wird es also doch noch etwas mit dem ganz großen Karrieresprung, und das dürfte auch in Deutschland viele überraschen – wenngleich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) als Kommissionspräsidentin sicher keine Fehlbesetzung wäre.

In Deutschland gehört die 60-Jährige seit Jahren zum politischen Inventar. Die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Al brecht arbeitete zunächst als Ärztin und stieg Ende der Neunzigerjahre in die niedersächsische Politik ein.

2005 holte Kanzlerin Angela Merkel sie als Familienministerin in die Bundespolitik nach Berlin. Von der Leyen machte sich schnell mit Projekten einen Namen, die nicht jedermann in der CDU guthieß. Sie führte das Elterngeld als Lohnersatzleistung ein und setzte sich für den Ausbau von Kindergärten ein.

Dies alles geschah unter den wohlwollenden Blicken der Kanzlerin, die von der Leyen zunächst so förderte, dass viele die siebenfache Mutter bald als "Kronprinzessin" titulierten.

Doch die Protestantin von der Leyen schaffte es nie, sich in der CDU eine Machtbasis aufzubauen. Sie gilt vielen als zu ehrgeizig und zu sehr auf die eigene Karriere bedacht.

Nach einem Zwischenstopp im Arbeitsministerium (2009 bis 2013) überantwortete Merkel ihr eine Herkulesaufgabe, ließ sie dabei aber Geschichte schreiben: Von der Leyen wurde die erste deutsche Verteidigungsministerin.

Eine Zeitlang schien es, dass Merkel sie auch zur ersten Bundespräsidentin machen will. Doch das Verhältnis der beiden Frauen ist mittlerweile abgekühlt. Merkel vergaß nie, dass von der Leyen sie bei der Einführung einer Frauenquote in der Wirtschaft unter Druck setzte.

Und bei der Bundeswehr häuften sich die Misserfolge. Das Verhältnis zur Truppe ist angespannt, seit die einstige "Super-Uschi" im Zusammenhang mit Rechtsextremismus bei Soldaten konstatierte: "Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem."

Teure Berater in ihrem Haus und die endlos teure Sanierung des Marine-Schulschiffs Gorch Fock trugen auch nicht zur Profilierung bei. Dafür spricht von der Leyen fließend Englisch wie Französisch und setzt sich für eine Europa-Armee ein. Das passt im neuen Job.

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CHRISTINE LAGARDE, Frankreich

Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB)

Und der Gewinner ist: Frankreich. Schon seit längerem deutet sich an, dass Paris im Tauziehen um die EU-Topjobs groß absahnen wird. Mit Christine Lagarde soll nun der EZB-Chefposten an Frankreich zu fallen, dem viele Beobachter mehr Gewicht als dem EU-Kommissionspräsidenten beimessen. Lagarde war schon vor Monaten dafür im Gespräch, doch sie wiegelte ab. Dass sie in den letzten Monaten viel Zeit in Europa verbracht hat, nährte aber weiter die Gerüchte über ein Avancement der 63-Jährigen. Nun verlässt sie den Internationalen Währungsfonds, den sie seit Juli 2011 leitet.

In ihrer Zeit in Washington hat die frühere Synchronschwimmerin bewiesen, dass man verkrustete Strukturen mit viel Engagement und noch mehr Öffentlichkeitsarbeit aufbrechen kann. Der einst ramponierte Ruf des IWF ist einigermaßen poliert, seit Lagarde der Institution mit der Fokussierung auf Themen wie Verteilungsgerechtigkeit, Gleichstellung oder Klimaschutz zu mehr Akzeptanz verholfen hat.

In Europa weiß man ihre Rolle spätestens seit der Eurokrise zu schätzen, als der IWF seine bisher größten Hilfsprogramme ausgerechnet im wohlhabenden Europa ausrollte. Und dankt es ihr. (as)


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CHARLES MICHEL, Belgien

EU-Ratspräsident

Für seinen neuen Job braucht Charles Michel nicht zu übersiedeln: Der designierte Nachfolger des Polen Donald Tusk als EU-Ratspräsident ist nämlich Belgier. Seit dem 11. Oktober 2014 ist er Premierminister seines Landes und führt somit die Föderalregierung jenes Königreichs an, das auch Gastgeberland der wichtigsten EU-Institutionen ist.

Der 44-jährige Motorradfan und Vater zweier Kinder ist Chef des liberalen französischsprachigen Mouvement Réformateur (MR). Zuvor war er zu Beginn der Nullerjahre wallonischer Innenminister und ab 2007 föderaler Minister für Entwicklungszusammenarbeit. Sein Jusstudium absolvierte Michel nicht – wie es naheliegen würde – in Belgien oder Frankreich, sondern in den Niederlanden.

Das europäische Pflaster ist der Politikerfamilie sehr vertraut: Schon sein Vater Louis Michel, ein ehe maliger Vizepremier und Außenminister seines Landes, war von 2004 bis 2009 EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe in der Kommission Barroso I. Bis heute ist Louis Michel auch EU-Parlamentarier. Auf jenem Parkett wird es künftig also nicht nur berufliche, sondern auch private Begegnungen zwischen Vater und Sohn geben.

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JOSEP BORRELL FONTELLES, Spanien

Außenbeauftragter

Er ist ein alter Hase in Brüssel. Und daneben mutmaßlich eines der bestausgebildeten Mitglieder in der kommenden Führungs-Equipe der Europäischen Union: Josep Borrell Fontelles, der derzeit amtierende Außenminister in der spanischn Regierung unter Pedro Sánchez, studierte Luftfahrttechnik in Madrid, hat Master-Abschlüsse der Stanford-University in Palo Alto und des Institut français du pétrole in Paris, ist promovierter Ökonom und (karenzierter) Professor für Mathematik.

In der neuen EU-Kommission soll Borrell die Außenbeziehungen der Union verantworten und damit der Italienierin Federica Mogherini nachfolgen. Darüber kam der Europäische Rat am Dienstagabend überein.

1975, in Francos Todesjahr , trat der heute 72-Jährige den spanischen Sozialisten bei. Er machte schnell Karriere in der Madrider Kommunalpolitik. Unter Premierminister Felipe Gonzáles stieg er zum Staatssekretär im Finanzministerium auf. Zwischen 1986 und 2004 war der gebürtige Katalane Abgeordneter für Barcelona im spanischen Parlament.

In den 1990ern war er Umweltminister und kurz auch Oppositionsführer in der Regierungszeit von José Maria Aznár. 2001 war Borrell Mitglied des EU-Konventes. 2004 wurde er für die PSOE in das EU-Parlament gewählt, im gleichen Jahr übernahm er auch dessen Vorsitz (bis 2007).

Universitäre Karriere

Nach seinem Ausscheiden aus dem Europäischen Parlament 2009 kehrte Borrell als Präsident des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz in die akademische Welt zurück. Daneben hatte er Professuren in Spanien – unter anderem an der Complutense Universität in Madrid – inne.

Ein politisches Comback gab Borrell als vehementer Gegner der katalanischen Sezessionsbewegung 2017. Diese Angelegenheit nimmt er tatsächlich persönlich. Vor wenigen Monaten sagte er der Süddeutschen Zeitung in einem Interview über sein katalanisches Heimatdorf La Pobla de Segur: "An den Wänden steht, ich sei eine Schande für das Dorf." Aber er stehe zu seiner Haltung. Denn viel Streit und keine Lösung: das sei der Traum aller Radikalen. Es sei leider "nicht das erste Mal in der Geschichte Spaniens, dass sich der radikale Independentismus dem Staat entgegengestellt und die radikalsten Kräfte des spanischen Nationalismus weckt".

Im Juni 2018 machte ihn Pedro Sánchez zu seinem Außenminister. Bei den vergangenen Europawahlen trat er als Spitzenkandidat des PSOE an, nahm sein Mandat aber nicht an, weil das Außenamt nicht vakant werden sollte. Nun kommt es doch soweit, wenn Borrell im Herbst die Hearings im EU-Parlament übersteht. (bau, as, gian, 2.7.2019)