Nicht wenige Nobelpreisträger können ein Lied davon singen, dass Wissenschaft oft einen langen Atem braucht. Viele Entdeckungen werden erst nach Jahrzehnten mit dem prestigeträchtigen Preis ausgezeichnet. Vorausgesetzt, man hat das Glück, lange genug zu leben, um überhaupt noch geehrt zu werden.

Der Geduld bedarf allerdings nicht nur das Erlangen akademischer Würden in der Wissenschaft, es braucht auch Zeit, bis neue Erkenntnisse Anwendung in der Praxis finden. In Feldern wie etwa der Quantenphysik kann man im Rückblick sehen, wie lange dieser Prozess gedauert hat. Bei Problemen wie der Klimakrise liegen die Ansätze zwar auf dem Tisch, die Trendwende lässt aber noch auf sich warten.

Rauch (in Form von Wasserdampf) steigt auf (hier aus einem deutschen Kohlekraftwerk), doch Entscheidungen für eine Klimawende gibt es kaum, wird kritisiert.
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2019 ist das Jahr, in dem etwas passieren muss – mit diesem dringenden Appell richtete sich der Nobelpreisträger Brian Schmidt zu Beginn der diesjährigen Nobelpreisträgertagung in Lindau am Bodensee an seine Laureatenkollegen und Nachwuchsforscher: "Nie zuvor in meinem Leben hat es eine derartige globale Instabilität gegeben."

Nutzen der Quantenphysik

Die jährliche Nobelpreisträgertagung ist neben alljährlichen Nobelpreisfeierlichkeiten das größte Treffen von Laureaten. Heuer sind 39 Preisträger dabei, vor allem aus der diesjährigen Schwerpunktdisziplin Physik. Bis Freitag diskutieren sie mit rund 600 Nachwuchsforschern aus 89 Ländern aktuelle Fragen der Wissenschaft und des Weltgeschehens. Zu den Unterstützern der Tagung zählt auch das österreichische Wissenschaftsministerium.

Wie lange es dauern kann, bis Wissenschaft ins Alltagsleben Eingang findet, macht Schmidt am Beispiel der Quantenphysik deutlich. Mehr als 40 Prozent des Bruttoweltprodukts stehen mittlerweile in Zusammenhang mit den Entdeckungen im Quantenbereich. "Mehr oder minder alles, was mit moderner Elektronik zu tun hat, basiert auf Entdeckungen, die in den 1920ern gemacht worden sind und in den 1930ern und 1940ern mit Nobelpreisen ausgezeichnet worden sind."

"Nie zuvor in meinem Leben hat es eine derartige globale Instabilität gegeben", sagt Physiknobelpreisträger Brian Schmidt.
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Anfang der 1950er gab es noch keinen klaren Nutzen der Quantenphysik für die Menschheit, doch nun sei sie durch Smartphone und Co nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Zunächst sei man immer ungeduldig ob des ausbleibenden Wandels. "Aber im Rückblick sehen wir, dass die Veränderung viel schneller eingetreten ist, als wir je gedacht hätten", sagte Schmidt.

Für den Astronomen, der 2011 für die Entdeckung der beschleunigten Expansion des Universums ausgezeichnet worden ist, stehen wir derzeit am Scheideweg. "Wir leben im Zeitalter des Anthropozäns, die Menschheit nimmt großen Einfluss auf den Planeten." Entweder wir entschließen uns, dem Anthropozän mit wissenschaftlich fundierten Strategien und Technologien zu begegnen und global zusammenzuarbeiten. "Oder wir streiten uns um die letzten verbleibenden Ressourcen", so Schmidt.

Die Klimakrise ist ein besonders heikles Thema für die Wissenschaft. Trotz verschiedenster Lösungsvorschläge bleibe die Umsetzung aus. "In meinem Herkunftsland Australien können wir heute Energie durch Sonnenkraft dreimal billiger produzieren als durch Kohlekraftwerke", sagte Schmidt. "Und dennoch diskutieren wir immer noch darüber, welche Kraftwerke wir bauen sollen."

Nationalismus vs. Wissenschaft

Ein weiteres Problem, mit dem sich Wissenschafter konfrontiert sehen, ist der Aufstieg von Populisten und Nationalisten weltweit. "Wir sind aktuell an einem kritischen Punkt", stellte der britische Physiknobelpreisträger David Gross in Lindau fest. "Der Nationalismus zeigt jetzt sein hässliches Gesicht, und er wird sich auch gegen die Wissenschaft wenden."

Einer der Nachwuchsforscher, die in Lindau teilnehmen, ist der gebürtige Ghanaer Henry Enninful, der aktuell am Felix-Bloch-Institut für Festkörperphysik in Leipzig tätig ist. Er warnte davor, dass Nationalisten in einigen Ländern bereits direkt Einfluss auf die Wissenschaft nehmen. In Ungarn soll dieser Tage die Akademie der Wissenschaften stärker an die Kandare der Regierung genommen werden. "Wir müssen uns fragen, wie wir Forschung ohne Beeinflussung durch Regierungen betreiben können", sagte Enninful.

Dass Wissenschaft nur in einer Atmosphäre der Freiheit und durch internationalen Austausch florieren könne, betonte auch der ehemalige Direktor des europäischen Kernforschungszentrums Cern, Rolf-Dieter Heuer. "Wir Wissenschafter machen einen großen Fehler, wenn wir nicht gegen aufsteigenden Nationalismus kämpfen." (Tanja Traxler, 4.7.2019)