Tripolis – Bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis sind nach Angaben von Rettungskräften zumindest 44 Menschen getötet worden. Mehr als 130 weitere Flüchtlinge seien in dem Hangar in Tajoura verletzt worden, sagte ein Sprecher der Rettungskräfte Mittwochfrüh. Es handle sich aber lediglich um eine "vorläufige Bilanz", die sich noch verschlimmern könne.

Vermisstensuche nach dem Angriff auf ein Flüchtlingslager nahe Tripolis, in dessen Folge dutzende Menschen starben.
Foto: APA/AFP/Mahmud Turkia

"Unter den Trümmern können noch viele weitere Leichen liegen", berichtete ein Reporter des Senders Al-Jazeera. In dem Lager seien rund 150 Migranten aus dem Sudan, Eritrea und Somalia untergebracht gewesen. Verantwortlich für den Luftangriff sollen Truppen des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar sein, der von Katar und den Emiraten unterstützt wird.

Innenminister Fathi Bashagha erklärte, die international anerkannte Regierung habe nichts mit dem Angriff zu tun. Ein Sprecher Haftars beschuldigte hingegen die Regierung in Tripolis.

Beschädigten Gebäude.
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Das Flüchtlingshochkommissariat UNHCR äußerte sich "extrem besorgt" angesichts der Berichte über den Luftangriff auf das Flüchtlingslager. "Zivilisten sollten nie als Ziele genommen werden", twitterte das UNHCR Libyen.

Schwierige Lage für Migranten

Die Migranten und Flüchtlinge der Auffanglager treffen die Bewerber besonders hart. "Die Menschen in den Lagern müssen umgehend freigelassen und in Sicherheit gebracht werden", sagt Charlie Yaxley, Sprecher des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR, im Gespräch mit dem STANDARD. Das UNHCR sei bereit, bei den Evakuierungen zu helfen. Yaxley merkte jedoch an, dass die Rückkehrerzentren der Vereinten Nationen in Libyen und in Niger heillos überfüllt seien.

Wohin die Migranten und Flüchtlinge sich auf der Flucht vor der eskalierenden Gewalt in Libyen wenden würden, sei schwer zu sagen, sagt Yaxley. "Viele Menschen sind Opfer von Menschenhändlern oder Schmugglern", sagt der UNHCR-Sprecher. "Es ist für sie sehr schwer, sich aus den Fängen dieser Menschen zu befreien." Die Schmuggler würden im Endeffekt entscheiden, ob sie die Menschen auf das Mittelmeer schicken. "Die Ankunftszahlen in Italien und Malta gehen zurück, doch wir haben keine Hinweise, dass auch die Ankunftszahlen in Libyen rückläufig sind", zeigt sich Yaxley besorgt: "Wo sich die Leute befinden, wissen wir nicht. Wenn sie in Auffanglagern sind, können wir sie nicht erreichen."

Kämpfe um Tripolis

Acht Jahre nach dem mit westlicher Hilfe erreichten Sturz des Langzeitmachthabers Muammar Al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in Libyen Chaos. General Haftar hat weite Teile des Landes unter seine Kontrolle gebracht und im April eine Offensive auf die Hauptstadt Tripolis angeordnet. Die Aussichten auf eine politische Lösung des Konflikts stehen derzeit sehr schlecht.

Regierungstreue Truppen und Einheiten Haftars liefern sich erbitterte Kämpfe um die Kontrolle der Hauptstadt. Nach UN-Angaben wurden bisher mehr als 650 Menschen getötet. Die Vereinten Nationen haben sich angesichts der Kämpfe wiederholt besorgt über das Schicksal von Flüchtlingen und Migranten geäußert, die in dem Bürgerkriegsland festgehalten werden. (red, bbl, APA, 3.7.2019)