Die Nachrichtenagentur AFP schickte am Dienstag eine Fotografin nach Seweromorsk, die dieses unidentifizierte U-Boot ablichtete.

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Präsident Putin und Verteidigungsminister Schoigu bei einem Besuch der St. Petersburger Werft.

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Das russische Verteidigungsministerium gab sich zugeknöpft: Am 1. Juli habe es einen Brand auf einem Forschungsschiff gegeben, teilte das Ministerium einen Tag später mit. Der Crew sei es gelungen, bei einem "selbstlosen" Löscheinsatz das Feuer an Bord zu liquidieren, doch 14 Besatzungsmitglieder seien an Rauchvergiftung gestorben.

Als einziges Detail gab es von offizieller Seite noch, dass das Boot gerade "in russischen Hoheitsgewässern" den Meeresboden untersucht und vermessen habe. Weder zur Ursache des Brands noch zum U-Boot, seiner Besatzungsstärke und möglichen weiteren Betroffenen nahm die Flottenführung Stellung.

Erst am Donnerstag war auf der Webseite des Kreml zu lesen, dass der Unfall durch ein Feuer im Batterieabteil des Botts verursacht worden sei und der Atomreaktor vollständig abgeriegelt wurde, das Verteidigungsministerium veröffentlichte eine Liste der Todesopfer.

Geheimes Projekt

Die Details sickerten an anderer Stelle durch: So soll es sich bei dem betroffenen U-Boot um das geheime Projekt AS-12 handeln – auch Loscharik genannt, eine Wortschöpfung zusammengesetzt aus den russischen Bezeichnungen für Pferd und Kugel, weil es wie das gleichnamige Spielzeugpferd aus einem russischen Trickfilm aus Kugeln zusammengebaut wurde.

Diese Art der Konstruktion dient der größeren Festigkeit, denn Loscharik ist ein atomar betriebenes Tiefsee-U-Boot mit einer Besatzungsstärke von 25 Mann. Neben den 14 Toten berichten soziale Medien von "vier bis fünf" weiteren Verletzten mit Rauchvergiftungen. In Medien wird ein Kurzschluss als mögliche Brandursache genannt. Bestätigt ist dies nicht.

Die Zeitung "Iswestija" meldet Zweifel an der offiziellen Version an.

Keine offiziellen Fotos

Offizielle Fotos von dem Atom-U-Boot, das angeblich bis zu 6.500 Meter abtauchen kann, gibt es ebenfalls nicht. Lediglich bei Aufnahmen zur russischen Ausgabe von "Top Gear" tauchte es 2015 zufällig im Hintergrund auf, als die Macher der Produktion eigentlich einen Mercedes am Ufer des Weißen Meeres ins Visier nahmen. Selbst der Stapellauf 2003 erfolgte in bester sowjetischer Manier nachts.

Die Geheimhaltung begründet sich aus dem Einsatzgebiet der Loscharik, das wohl weit mehr umfasst als die deklarierten Meeresbodenuntersuchungen. AS-12 kann, obwohl unbewaffnet, US-Geheimdienstangaben nach als Spionage- und Sabotageschiff eingesetzt werden. Unter anderem soll es im Kriegsfall die Unterseekabel kappen können, die zwischen Europa und Nordamerika verlegt sind. Damit wären beispielsweise die meisten Internetverbindungen zwischen beiden Kontinenten lahmgelegt.

Erinnerung an die Kursk

Wladimir Putin selbst sprach am Abend nach Bekanntwerden des Unfalls von "einem großen Verlust für die Flotte, ja für die ganze Armee". Tatsächlich ist es auch ein Schlag für das von Putin aufgebaute politische System, erinnert der Vorfall doch fatal an eine Katastrophe gleich zu Beginn.

Die Loscharik ist nicht die Kursk, die Situation bei den russischen Streitkräften 2019 ist eine andere als zu Putins Amtsantritt im Jahr 2000, und doch weisen die beiden U-Boot-Katastrophen Parallelen auf. Beide Unglücke ereigneten sich auf Prestigeobjekten der russischen Nordmeerflotte, Atombooten mit höchster Geheimhaltungsstufe. Und beide befanden sich wohl im Manöver, als sie das Schicksal ereilte.

Zwei "Helden Russlands" tot

Zwar ist der Blutzoll bei der Loscharik ungleich kleiner als auf der Kursk, wo im August 2000 alle 118 Seeleute ums Leben kamen, doch ist es immer noch das größte Flottenunglück der letzten zehn Jahre, zumal auf dem Schiff ausschließlich Offiziere stationiert waren, darunter sieben mit dem Rang Kapitän zur See und zwei mit dem Orden "Held Russlands".

Russische Medien löschen Artikel, in denen die Namen der Opfer genannt werden.

In den vergangenen 20 Jahren hat Putin am Mythos des "starken Russlands" gebaut. In erster Linie stützte er sich dabei auf die Modernisierung und Hochrüstung der Streitkräfte: Neue Atomraketen mit Hyperschallgeschwindigkeit, punktgenaue Marschflugkörper, aber auch atomwaffenfähige Unterwasserdrohnen waren die Highlights, mit denen er im vergangenen Jahr vor seiner Wiederwahl Russlands militärische Potenz rühmte. Daneben hat sich Russland aber auch mit neuen Panzern, Kampfflugzeugen, Luftabwehrsystemen und Kriegsschiffen verstärkt.

Seit 2010 keine Zahlen zu Verlusten

Und doch taucht immer wieder die Frage nach den Sicherheitsstandards bei den Streitkräften auf, gerade nach solch großen Unfällen. Offizielle Zahlen zu den Verlusten beim Militär gibt es seit 2010 nicht mehr, als Generalstaatsanwalt Juri Tschaika von 478 Toten in der Armee sprach. Doch schon damals zweifelten Bürgerrechtler an den Zahlen.

So schätzte Veronika Martschenko, die Gründerin der Bürgerrechtsorganisation Recht der Mütter, die Zahl der Todesfälle beim russischen Militär pro Jahr auf 2.000 bis 2.500. Nach dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts hat Putin alle Informationen über solche Todesfälle zum Staatsgeheimnis erklärt. Seither ist es praktisch unmöglich, auch nur annähernde Schätzungen abzugeben.

Schoigu überwacht Ermittlungen

Immerhin: Der Kreml selbst hat aus dem Untergang der Kursk gelernt. Ließ sich Putin damals fünf Tage Zeit, ehe er seinen Urlaub abbracht, bestellte er nun bereits am nächsten Tag Verteidigungsminister Sergej Schoigu vor die Kameras in den Kreml ein, um ihn anschließend mit dem Auftrag nach Seweromorsk zu schicken, die Ermittlungen persönlich zu überwachen.

Der Minister erklärte am Mittwoch, den Matrosen sei es gelungen zu verhindern, dass sich der Brand weiter ausbreitete, indem sie eine Luke schlossen. Die Besatzung habe heldenhaft gehandelt und zuerst einen zivilen Spezialisten in Sicherheit gebracht.

Doch ob die Öffentlichkeit angesichts der großen Geheimhaltung je die tatsächlichen Hintergründe und Ursachen des Unglücks erfahren wird, ist fraglich. Immer noch scheint die Technik wichtiger als ein Menschenleben.

Die Angst vor der Aufdeckung militärischer Geheimnisse ist offenbar wichtiger als das Recht der Öffentlichkeit, die Ursachen der Katastrophe zu erfahren. Gut möglich, dass wir am Ende auf die Frage "Was ist auf der Loscharik passiert?" mit der Antwort abgespeist werden: "Sie hat gebrannt." So wie einst Putin auf Larry Kings Frage nach der Kursk lapidar erwiderte: "Sie ist untergegangen." (André Ballin aus Moskau, 3.7.2019)