Einsatzbereites S-400-System in Kaliningrad.

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Der mögliche Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 durch die Türkei gewinnt an Brisanz. Gemäß der Zeitung Sözcü soll es Pläne geben, wonach das System auf Nordzypern installiert werden soll. Das Blatt beruft sich auf eine Aussage des außenpolitischen Experten Ahmet Berat Çonk gegenüber einer russischen Zeitung. Demnach seien die türkischen Sicherheitsinteressen vor allem im östlichen Mittelmeer bedroht. Am Montag schlug tatsächlich eine von Syrien abgefeuerte russische Rakete versehentlich auf Nordzypern ein. Deswegen eigne sich Nordzypern besonders als Standort. Da es sich dabei auch nicht um türkisches Territorium handle, könne man so US-Sanktionen umgehen.

Ob dies so funktioniert, ist mehr als fraglich. Seit Monaten spitzt sich die Lage in den Gewässern um die Mittelmeerinsel zu. Dort bohren zwei türkische Firmen in südzypriotischen Hoheitsgewässern nach Erdgas. Erst vergangene Woche entsandte die Türkei ein weiteres Bohrschiff. Die EU sowie die USA haben die türkischen Bohrungen verurteilt. Brüssel hat zudem Sanktionen angedroht, sollte die Türkei weitermachen. Ankara wiederum behauptet, das Gasfeld befinde sich in einer exklusiven Wirtschaftszone und stehe deswegen den Nordzyprioten zu.

Nachdem 1974 Putschisten die Insel an Griechenland anschließen wollten, intervenierten türkische Truppen und besetzten den Nordteil. Seitdem ist die Insel geteilt. Der türkische Nordteil wird allerdings nur von Ankara anerkannt. Auf der Insel sind rund 30.000 türkische Soldaten stationiert. Eine Wiedervereinigung der Insel und deren EU-Beitritt scheiterten 2004 an den Stimmen der griechischen Zyprioten, das führte zu einer Entfremdung zwischen Ankara und Brüssel. Eine S-400-Stationierung wäre ein Affront gegenüber Griechenland und anderen Nato-Staaten.

Streit um Gasfelder

Südlich der Insel wurde 2011 ein bedeutendes Erdgasfeld gefunden. Der südliche Teil einigte sich mit Israel und Ägypten auf eine gemeinsame Exploration. Die Türkei aber beansprucht Teile des Feldes, sie ist mit ihrer Position allerdings isoliert.

Unterdessen hofft Ankara, dass Washington trotz des Kaufs in Moskau keine Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängt. Seit Monaten gibt es ein Tauziehen zwischen den USA und der Türkei um den Kauf des russischen Abwehrsystems, den das Pentagon unbedingt verhindern will. Angeblich habe dies Trump Erdoğan beim G-20-Treffen in Osaka zugesagt. Fraglich aber ist, ob Trump dazu überhaupt befähigt ist. Sollte das System kommende Woche aktiviert werden, dürfte der US-Kongress automatisch Sanktionen aufgrund des Countering America's Adversaries Through Sanctions Act (CAATSA) verhängen. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 3.7.2019)