Über mangelnde Vorschusslorbeeren kann sich die künftige EZB-Chefin Christine Lagarde nicht beschweren. Voll des Lobes ist die Mehrheit jener Community, die in Fragen der Wirtschaftspolitik und der Hochfinanz den Ton angibt. Aus vielen Gründen hat sich die 63-jährige Französin in Europa und darüber hinaus einen exzellenten Ruf als charismatische Frau mit besten Verbindungen in die führenden politischen und ökonomischen Zirkel dieser Welt erarbeitet. Doch hilft das in der Misere, in der die Eurozone steckt? Zweifel sind angebracht.

Die künftige EZB-Chefin Christine Lagarde.
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Dass Lagarde allseits beklatscht wird, kommt nicht von ungefähr. Seit 2011 hat sie dem einst als neoliberal verschrienen Internationalen Währungsfonds (IWF) ein sozialeres Antlitz verliehen. Themen wie Frauengleichstellung, Klimaschutz und Ungleichheit maß sie in ihrer Zeit als Direktorin des Fonds große Bedeutung bei und polierte so das Image des Fonds auf.

Das allein wird für die Leitung der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht reichen. Die Aussagen des IWF zur Geldpolitik zählen zum dünnen Substrat, aus dem man die mögliche Strategie Lagardes an der Spitze der Notenbank ableiten kann. Die Institution ist vor ihrem Antritt stark belastet – durch den schweren Rucksack, den ihr Vorgänger Mario Draghi hinterlässt.

Seit mehr als zehn Jahren befindet sich die EZB im Krisenmodus. Noch schwerer wiegt: Statt eine Normalisierung anzustreben, greifen die Währungshüter unter italienischer Führung immer tiefer in die geldpolitische Mottenkiste. Nullzinsen und billionenschwere Anleihenkaufprogramme waren nicht genug, Draghi hatte zuletzt die Anwendung neuer Wunderwaffen angedeutet. Die expansive Geldpolitik war einst Notmedikation, mittlerweile ist sie längst zur Droge geworden.

Gefährliche Blasen

Wird Lagarde den überfälligen Entzug einleiten? Davon ist nicht auszugehen – leider. Schon in der Eurokrise hatte die damalige Finanzministerin für Auffangnetze und gegen Selbstreinigung plädiert. Später, als IWF-Chefin, warf sie gutes Geld schlechtem nach, als sie Griechenland unterstützte – obwohl dies dem Fonds untersagt ist, wenn die Chancen auf Rückzahlung schlecht stehen. Die Vorgangsweise mag einen echten Kollaps in Athen und möglicherweise der gesamten Eurozone verhindert haben, doch unproblematisch war und ist sie nicht. Erst wurden Schulden vergemeinschaftet, dann musste auch noch die EZB einspringen. Mit dem Geist der EU-Regeln lässt sich das schwer vereinbaren.

Der IWF war es auch, der die Notenbanken stets zu einer expansiven Politik aufrief, um die Konjunktur zu stützen. Die negativen Folgen dieser Vorgangsweise werden da gern weggewischt. An den Finanzmärkten bilden sich gefährliche Blasen. Die Renditen von Staatsanleihen fielen nach der Designierung Lagardes auf neue Tiefstände. Den Schaden haben nicht nur Sparer, deren Vermögen weiter Jahr für Jahr weginflationiert wird. Auch die Wohnungsnot in vielen Ballungsräumen wird von der EZB mitverschuldet. Denn sie lenkt die Kapitalflut in werthaltige Anlagen, darunter eben auch Betongold. Die steigenden Mieten sind eine Folge davon.

Lagarde hat das Schlamassel nicht angerichtet, doch der Applaus für ihre Ernennung ist unangebracht. Eher hätte der Deutsche Jens Weidmann Zustimmung verdient. Denn eine funktionierende Wirtschaft benötigt ein stabiles Finanzsystem, in das die Menschen ihr Vertrauen setzen können. (Andreas Schnauder, 4.7.2019)