Amazon Prime im Anflug.

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Am Anfang war das Buch. Jeff Bezos verkaufte einen mehr als 500 Seiten dicken Wälzer über das Denken. Ein Exemplar davon ziert noch heute den Eingang der Zentrale des Amazon-Gründers in Seattle. Robust im Versand, einfach in der Logistik und stabil bei den Erträgen boten Bücher dem damaligen Wall-Street-Manager die ideale Grundlage für erste Gehversuche im Onlinehandel. Am Ende steht der Flug in den Weltraum: Der mittlerweile 55-Jährige träumt von der Erschließung des Sonnensystems und will Menschen auf den Mond transportieren. Ein Modell der dafür nötigen Landefähre steht bereits seit wenigen Monaten in seiner Garage.

Zwischen Buch und Raumfähre liegen exakt 25 Jahre. Bezos schuf in einem Vierteljahrhundert einen weltumspannenden Billionen-Konzern. Cadabra wollte er ihn ursprünglich nennen. Das klang ihm aber dann doch zu sehr nach Kadaver. Auch der Name Relentless, zu Deutsch unerbittlich, landete in der Schublade. Seine damalige Frau MacKenzie soll ihm als Mitgründerin davon abgeraten haben. Was für eine Verbindung zum zweitlängsten Fluss der Welt sprach: Amazon steht im Wörterbuch ganz vorn, was in Zeiten vor Google nicht ganz unwesentlich war.

Alles im Web verkaufen

Was ihn faszinierte, war das Internet, sein Ziel ließ sich auf einen Nenner bringen: alles nur erdenklich Mögliche in der neuen Welt des Webs zu verkaufen. Dafür hängte Bezos seine Karriere an der Börse an den Nagel und riskierte über Jahre massive Verluste. Das Image eines Gnadenlosen blieb ihm dabei erhalten.

Jeff Bezos hat angesichts des gewaltigen Vermögen auch nach einigen Abstrichen im Rahmen seiner Scheidung gut lachen.
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Amazon sei vor allem über Ausbeutung der Mitarbeiter gewachsen und nutze jedes noch so kleine Steuerschlupfloch, was den Wettbewerb verzerre, klagen Kritiker. Dank rasant wachsender Marktmacht drücke der Konzern stationäre Händler ebenso an die Wand wie Produzenten, denen die Preise quasi diktiert würden. Autoren und Verleger laufen gegen ihn ebenso regelmäßig Sturm wie Gewerkschafter und Umweltschützer. Amazons prominentester Feind ist Donald Trump. Für den US-Präsidenten ist Bezos ein rotes Tuch. Denn nicht zuletzt besitzt er auch die US-Zeitung Washington Post, die an Trump kaum ein gutes Haar lässt.

Amazon ist längst nicht nur das größte Internetkaufhaus der Welt. Es gibt kaum eine Branche, die Bezos nicht aufzumischen hofft. Der "Allesverkäufer" stieg mit einer Supermarktkette in den stationären US-Lebensmittelhandel ein. Er übt sich im Streaminggeschäft mit eigenen Serien und macht damit nicht nur dem Pionier Netflix Konkurrenz. Der Aufbau einer eigenen Lieferlogistik bringt Pakethersteller unter Zugzwang. Mit Skepsis verfolgt die Branche den Start der ersten Lieferdrohnen.

Groß in der Wolke

Einen großen Schub verspricht sich Bezos von boomenden Cloud-Diensten für Business-Kunden. Sie waren es auch, die einen erklecklichen Anteil der jüngsten Gewinne speisten. Diese stiegen heuer im ersten Quartal um satte 125 Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar. Es war der bisher höchste Überschuss in einem einzelnen Vierteljahr. Amazon stieg heuer zur wertvollsten Marke der Welt auf und stieß den Internetriesen Google vom Thron. Vergangenen Herbst knackte die Gruppe zeitweise die magische Marke von einer Billion Dollar beim Börsenwert. Die zwölf größten Dax-Unternehmen zusammen bringen weniger auf die Waage. Der Börsenguru Warren Buffett outete sich jüngst als Fan und stieg bei Amazon ein. Er sei ein Idiot gewesen, dass er nicht schon früher gekauft habe, gab er kund.

Ein Überblick über die Stärken und Schwächen, die Aussichten und Gefahren für Amazon.

Internethandel

Rasantes Shoppen, enorme Auswahl, unkomplizierte Retouren: Geschäfte übers Web haben alle Trümpfe in der Hand. Allein in Österreich haben sich die Ausgaben der Konsumenten im Onlinehandel in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als sieben Milliarden Euro verdreifacht, erhob die KMU-Forschung. Der Großteil des Umsatzes fließt an Amazon. Bis auf den Lebensmittelhandel durchdringt der Konzern mittlerweile nahezu alle Branchen. Nationale Webshops schauen durch die Finger. Ein Ende des Internetbooms ist nicht absehbar.


Alibaba

Auch Amazon ist vor Konkurrenz nicht gefeit. Und diese bahnt sich vor allem aus China an. Der Internetriese Alibaba will seine Kriegskassen an der Börse auffüllen und eilt in großen Schritten nach Europa. Eine Milliarde Kunden hat die E-Commerce-Plattform bereits, davon 700 Millionen in China, zwei Milliarden werden angepeilt. Auch nach Österreich kommt eine erkleckliche Zahl an Paketen aus Asien. In China hat sich Amazon der Übermacht Alibabas gebeugt: Das Angebot wurde reduziert, kein eigener Marktplatz wird mehr betrieben.

Steuer

Die OECD schätzt, dass den Staatshaushalten durch die Steuertricks großer Internetkonzerne wie Amazon jährlich mehr als 240 Milliarden Dollar an Einnahmen verloren gehen. Sie bedienen sich eines Netzwerks aus Tochtergesellschaften, mit dem sie Gewinne aus großen Märkten in Steuerparadiesen verbuchen. Sie profitieren dabei davon, dass sie keine physische Niederlassung in einem Land brauchen, um dort Dienstleistungen zu erbringen und Daten zu sammeln. Eine globale Digitalsteuer soll das ändern, der Weg dahin ist aber noch weit.

Cloud-Dienste

Neben Werbung verhilft die sogenannte Datenwolke Amazon regelmäßig zu hohen Umsatzsprüngen. Der Konzern bietet maßgeschneiderte IT-Infrastruktur auf Abruf, für Datenspeicherung etwa und Rechenleistungen. Primär Business-Kunden machen vom Speicherplatz in der Cloud in großem Stil Gebrauch. Die Web-Plattform AWS, die entsprechende Services an Firmen verkauft, erhöhte die Einnahmen heuer im ersten Quartal um 41 Prozent auf 7,7 Milliarden Dollar. Analysten bezeichnen sie als die Kronjuwelen des Bezos-Reichs.

Datenschutz

Amazon weiß viel über seine Kunden, vermutlich mehr als jeder andere europäische Konzern – und gerät in der Folge regelmäßig ins Visier der Datenschützer. Kaufverhalten wird aufgezeichnet und ausgewertet. Daten und Statistiken dazu sind Goldes wert. Über die Smartphone-Nutzung lassen sich grobe Bewegungsprofile erstellen, warnen Experten. Für negative Schlagzeilen rund um Datenschutz und Privatsphäre sorgt auch immer wieder Amazons Sprachassistentin Alexa. Kritiker fürchten, Daten würden gespeichert und an Dritte weitergereicht.

Donald Trump

Einem Trommelfeuer an Kritik ist Amazon aus dem Weißen Haus ausgesetzt. US-Präsident Donald Trump wirft dem Konzern etwa vor, die staatliche Post als billigen Laufburschen zu missbrauchen und kaum Steuern zu zahlen. Insidern zufolge wollen die US-Wettbewerbsbehörden künftig neben Apple, Google und Facebook auch die Marktmacht und Praktiken von Amazon prüfen. Belastend für Amazon ist der schwelende Handelsstreit der USA mit China. Teile von Produktionsstätten der Gruppe könnten aus China abgezogen werden.

Gewerkschaft

Mit Arbeitnehmervertretern steht Amazon seit Jahren auf Kriegsfuß. Sie sprechen von miserablen Arbeitsbedingungen und Dumpinglöhnen. Streiks an deutschen Logistikstandorten des Konzerns, zuletzt etwa in Leipzig, sind an der Tagesordnung. Seit 2013 versucht die Gewerkschaft Verdi einen Tarifvertrag auf dem Niveau des Einzel- und Versandhandels durchzusetzen. Bisher ohne Erfolg. Verhandlungen darüber lehnt Amazon strikt ab. Hoch her geht es mittlerweile auch in Österreich. Ein Mitarbeiter des Verteilzentrums in Großebersdorf prangerte Überwachung, Disziplinierungsmaßnahmen und erniedrigende Vorschriften an, denen die Beschäftigten ausgesetzt seien. Amazon widersprach. Das Sozialministerium schaltete sich ein und will die Sozialpartner anhören. Amazon arbeitet fast ausschließlich mit Leiharbeitern. Betriebsräte hat der Konzern traditionell keine.

Wettbewerbsbehörde

Amazon steht im Visier der Kartellwächter. Neben Frankreich und Deutschland nimmt auch Österreich das Geschäftsgebaren des Internetriesen unter die Lupe. Es geht vor allem um die Doppelrolle des Konzerns, der sowohl als Einzelhändler arbeitet als auch anderen Webshops als Plattform dient. Mitte Juli will die Bundeswettbewerbsbehörde hierzulande in Abstimmung mit den deutschen Kollegen einen Abschlussbericht vorlegen. Die Vorwürfe: Amazon soll sich durch seine Doppelrolle erhebliche Vorteile gegenüber anderen Handelspartnern verschaffen. Die Verträge mit Marktplatzhändlern sollen zudem mit starken Vorbehalten zugunsten Amazons verbunden sein. Der Konzern fungiert vor allem für kleine Betriebe als Gatekeeper für den Zugang zum Onlinemarkt. Auch vielen EU-Politikern ist die marktbeherrschende Stellung Amazons ein Dorn im Auge.

(Verena Kainrath, 5.7.2019)