Boris Johnson besitzt mehr als nur begründete Aussichten, demnächst als konservativer Premierminister den "Brexit" zu vollziehen: Er folgt bis ins Detail den Eigenheiten seines überlebensgroßen Vorbilds...

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...Winston Churchill, der Hitler furchtlos die Stirn bot.

Manche seiner Ticks und Schrullen ahmt Boris Johnson seinem großen Vorbild sklavisch nach. Der Jahrhundertpolitiker Winston Churchill (1874–1965) liebte es, sich bombastisch auszudrücken. Dann streute er in seine suggestiven Reden erfundene oder wenigstens ungebräuchliche Wörter ein.

Um den Wehrwillen seiner verzagenden Landsleute zu heben, nannte der Mann mit der Zigarre und mit dem V-Zeichen die Nazis "Narzis", Hitler "Herrn Schickl-gruber". Gelegentlich entschlüpften ihm auch Vokabel, die noch nie ein Engländer vernommen hatte. In dieser Hinsicht steht Johnson Churchill in nichts nach. Als der aussichtsreichste Kandidat auf den Parteivorsitz der Torys kürzlich vor Basisvertretern in Birmingham in eigener Sache sprach, würzte er sein wie üblich wirr anmutendes Geplauder mit bizarren Wortneuschöpfungen.

Das Adverb "saprophytically"? Kopfschütteln bei den Anhängern: nie gehört. Für solche Abstecher in die Gefilde des Wahnsinns lieben sie ihren "mad Boris" mit dem wirren Schopf. In dem könnte eine Familie von Stieglitzen mit Leichtigkeit ein Nest bauen.

Angst vor dem Gemüseengpass

Sowohl Großbritannien als auch Europa stehen vor der bangen Frage, ob Johnson, laut Fama ein charakterschwacher Wüstling, den Brexit – bevorzugt in der Variante "extra hart" – so vollziehen kann, dass nicht automatisch das kontinentale Frischgemüse aus Großbritanniens Supermarktregalen verschwindet. Vom Vorsitz der konservativen Partei trennen den Oxford-Absolventen nur noch Widersacher Jeremy Hunt – und das Mehrheitsvotum von zirka 160.000 Parteimitgliedern. In Wahrheit hat Johnson den Schlüssel zu Downing Street 10 so gut wie in der Tasche.

Das reicht nicht nur für die Parteigänger von Labour aus, Alexander Boris de Pfeffel Johnson (55), einen weitläufigen Verwandten Ihrer Majestät der Königin, als Volltrottel auf O-Beinen zu verunglimpfen. Und natürlich hilft Johnson selbst nach Kräften nach. Beschimpft als – ungemein beliebter – Londoner Bürgermeister einen Taxifahrer unflätig. Vergleicht Hillary Clinton mit einer sadistischen Krankenschwester im Irrenhaus. Oder beginnt als Brüssel-Korrespondent einer Tageszeitung, sich die Geschichten, die er seinen Lesern auftischt, vollständig selbst auszudenken.

Und ist es auch Wahnsinn, folgt es doch keiner Methode. Schon als Jüngling sei Boris von einer Art Sendungsbewusstsein durchdrungen gewesen. Reicht das aus, damit England sich Ende Oktober unsicheren Schrittes von Boris Johnson in die selbstgewählte Isolation lenken lässt?

Meister der Erzählkunst

Wer nur die anstößigen Aspekte dieses auf Lagerbier geeichten Sir Falstaff sieht, verfehlt vielleicht gerade darum sein Ingenium. Johnson ist Literat. Als solcher verfügt er über eine bemerkenswert spitze Feder. Seine seit geraumer Zeit auch auf Deutsch übersetzte Churchill-Biografie (Der Churchill-Faktor, Klett-Cotta) ist, jawohl, ein Meisterwerk der historiographischen Erzählkunst.

Vor allem: Durch den Filter der jüngeren Zeitgeschichte hindurch kann der Partei-Urenkel bequem sein eigenes Weltbild entfalten. Bestürzend ist dabei höchstens, dass es dazu der zerbombten Kulissen zweier Weltkriege bedarf. Und Johnson seinem Idol ausnahmslos ehrfürchtig an den Lippen hängt. Denn immer wieder umkreist der Autor Churchills politische Urszene 1940: den kategorischen Verzicht auf einen Verständigungsfrieden mit Hitler.

Churchill konnte albern sein, flaschenweise Brandy trinken und seinen engsten Mitarbeitern über den Mund fahren. Sein Widerstandsgeist war unbeugsam. Churchill, meditiert sein Nachfolger in spe, "war genau deshalb radikal, weil er konservativ war." Und: "Er erkannte, dass man mehr als nur ein bisschen liberal sein musste, wenn man ein erfolgreicher und wirkungsmächtiger Reaktionär sein wollte."

Der Toryismus à la Johnson folgt dem von Churchill erprobten Muster des Paternalismus. Eine gütige Oberschicht sorgt dafür, dass es den Arbeitern an nichts mangelt. Die Antwort auf die politischen Probleme des Landes liege bei einer großen Partei der Mitte, "die gleichermaßen frei ist von der schnöden Selbstsucht und Gefühllosigkeit des Toryismus einerseits und der blinden Gier der radikalen Massen andererseits."

Churchill formulierte dieses Credo 1902. Es findet unüberhörbar die Zustimmung eines Politikers, der an Großbritannien gerade den hochentwickelten Sinn für Freiheit schätzt. Der geradezu begeistert von den zahllosen Schmähungen berichtet, die Churchill zeitlebens über sich ergehen ließ. Als "fettes Baby" beschimpften sie Großbritanniens Kriegshelden. Ein Wunder, dass noch niemand darauf gekommen ist, Johnson so zu nennen. (Ronald Pohl, 6.7.2019)