Das wäre jetzt eine Gelegenheit gewesen – jene Chance, von der viele sagen, Annegret Kramp-Karrenbauer müsse sie endlich nutzen.

Wenn die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) als Kommissionschefin nach Brüssel wechselt, dann muss in der Berliner Regierung ein gewichtiges Ressort an der Spitze nachbesetzt werden. Doch AKK hat schon abgewinkt: Sie will nicht in Angela Merkels Kabinett eintreten. "Es gibt in der CDU viel zu tun", sagt sie.

Man kann dies durchaus als Botschaft mit Spitze verstehen – Richtung Merkel und nach dem Motto: Da hat jemand die Partei jahrelang einfach nur nebenher laufen lassen, ich hingegen kümmere mich zu 100 Prozent.

Schwierige Arbeitsteilung

Öffentlich würde Kramp-Karrenbauer derlei natürlich nie von sich geben. Doch bei der Nominierung von Ursula von der Leyen für den EU-Topjob wurde wieder einmal offensichtlich, dass die Arbeitsteilung zwischen Merkel und Kramp-Karrenbauer eine schwierige ist. Merkel spielt als Kanzlerin und erfahrenste Regierungschefin der EU nach wie vor auf der großen Bühne.

Zwar hat sich die Brüsseler Personalie der französische Präsident Emmanuel Macron ausgedacht. Doch wäre Merkel nicht einverstanden gewesen, er hätte kaum etwas ausrichten können.

Die Kritik vieler, dass von der Leyen keine Kandidatin bei der EU-Wahl war und Merkel das Geschachere mitmachte, ist nachvollziehbar. Aber Merkel kann andererseits verbuchen, dass seit 52 Jahren der Posten wieder an jemanden aus Deutschland geht – noch dazu erstmals in der EU-Geschichte an eine Frau.

Als beim EU-Gipfel die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen als künftige EU-Kommissionspräsidentin nominiert wurde, war die Überraschung aus vielen Gründen groß. Ein Videoporträt.
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Kein großer Sprung

Es ist ein Setting, wie Merkel es mag. Sie bespielt die große Bühne, um den Kleinkram daheim mögen sich die anderen kümmern. Kramp-Karrenbauer hingegen muss zusehen, wie von der Leyen noch einmal richtig Karriere machen könnte – während sie selbst sich abstrampelt und der große Sprung, der noch vor nicht allzu langer Zeit so logisch und greifbar erschien, für sie nicht möglich ist.

Dabei hatte alles so gut begonnen, damals auf dem Parteitag Anfang Dezember in Hamburg: Knapp, aber doch wurde AKK zur neuen CDU-Chefin gewählt. "Ich kann, ich will und ich werde!", rief sie, und auch Merkel war hochzufrieden, schließlich hatte ihre Wunschkandidatin das Rennen gemacht und Friedrich Merz wie Jens Spahn ausgestochen.

Träume von Jamaika

Natürlich hatten alle noch im Ohr, dass Merkel bis zum Ende der Legislaturperiode – also regulär bis 2021 – als Kanzlerin weitermachen wolle. Aber abseits der offiziellen Version gab man sich Tagträumen hin: AKK bringe so frischen Wind mit, dass dieser sie bald schon – vielleicht an der Spitze einer Jamaika-Koalition aus Union, Grünen und FDP – ins Kanzleramt wehen werde.

Annegret Kramp-Karrenbauer kann noch nicht so, wie sie will, Ursula von der Leyen muss die Wahl durch das EU-Parlament abwarten, Angela Merkel fühlt sich für den CDU-Kleinkram nicht mehr zuständig.
Foto: APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ

Doch davon ist Kramp-Karrenbauer weit entfernt. Ihr sind Fehler unterlaufen. Keiner davon war ganz schrecklich, aber in Summe wirkten sie sich fatal aus.

Mal fiel der CDU-Chefin zur Fridays-for-Future-Bewegung hauptsächlich ein, dass es sich um Schulschwänzer handle; dann machte sie im Karneval einen platten Witz auf Kosten Intersexueller. Und schließlich reagierte die CDU-Spitze auf das kritische Video des jungen Youtubers Rezo zunächst äußerst ungeschickt und brachte auch noch so unbeholfen "Regeln" fürs Internet ins Spiel, sodass dies als der Wunsch nach Zensur verstanden wurde.

Schwierige Baustellen

"Die Situation für Kramp-Karrenbauer ist schwierig. Aufgrund ihrer Fehltritte in der jüngsten Vergangenheit gibt es eine extrem hohe Sensibilität, ein regelrechtes Warten auf den nächsten", sagt Thorsten Faas, Politologe an der Freien Universität Berlin.

Doch er nennt auch noch einen anderen Grund, warum sich Kramp-Karrenbauer so schwertut: "Die Kanzlerin lässt ihr eher schwierige Baustellen übrig, die ihr wenig Raum für positive Profilierung lassen."

AKK muss – nach 18 Jahren Merkel an der Parteispitze – die CDU erst einmal durchlüften. Sie will deutlich mehr Diskussion zulassen, nicht mehr so viel von oben verordnen. Das braucht Zeit und Kraft, ist aber nichts, womit man bei den Wählerinnen und Wählern punkten könnte.

Die "Neue" hat auch versprochen, Merkels umstrittene Asylpolitik aufzuarbeiten. Es hat dazu im Februar ein sogenanntes Werkstattgespräch gegeben, jetzt hört man nicht mehr viel.

Kein "Pillepalle" mehr

Zudem versteht es Merkel auch, ihr Gift zu verspritzen. "Das eigentliche Manko war, dass man es zu abwehrend gesehen hat", sagte sie über die Reaktion der CDU auf das Rezo-Video. Der Name Kramp-Karrenbauer wurde nicht erwähnt, aber jeder wusste, dass sie gemeint war – zumal die Bundeskanzlerin noch etwas oberlehrerhaft "Das müssen wir lernen" hinzufügte.

Und natürlich erhöht sie den Druck auf ihre Nachfolgerin, wenn sie erklärt, in der Umweltpolitik dürfe es jetzt kein "Pillepalle" mehr geben. Das ist der Ruf nach einem großen Wurf in der Klimapolitik. Verdrängt oder vergessen hat Merkel allerdings, dass sie fast zwei Jahrzehnte an der Spitze der CDU stand und seit 14 Jahren Kanzlerin ist. Aber jetzt, da die Grünen in den Umfragen an der CDU vorbeiziehen, soll es Kramp-Karrenbauer richten.

Apropos Umfragen: Auch das ist kein schönes Thema für AKK. Nachdem sie CDU-Chefin geworden war, gingen die Werte der Partei nach oben. Doch das Hoch war nicht von langer Dauer, mittlerweile hat sich die Union auf einem Tiefstand von 25 bis 29 Prozent eingependelt. Bei der EU-Wahl verlor sie sieben Punkte.

Und während die persönlichen Beliebtheitswerte Kramp-Karrenbauers in die Tiefe rauschten, sind jene Merkels – von der die Deutschen ja angeblich die Nase voll hatten – wieder so gut wie in ihren besten Zeiten, was man sich so erklärt: Merkel entschwebt dem Alltag immer mehr, AKK müht sich in der tagespolitischen Ebene ab und wird für jeden Fehler verantwortlich gemacht.

Mittlerweile wird in Berlin gemunkelt, dass es gar nicht mehr um die Frage gehe, wann AKK Kanzlerin wird, sondern ob dies jemals der Fall sein wird. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) fragt schon, ob AKK möglicherweise das "letzte Opfer" Merkels wird. Eine Reihe von Männern hat die Kanzlerin im Laufe ihres politischen Lebens ja schon hinter sich gelassen. Sie hielten sich allesamt für die besseren Kanzler, aber keiner von ihnen konnte es je unter Beweis stellen.

Sie sind keine Freundinnen

Gerne möchte man wissen, wie die beiden Frauen unter vier Augen miteinander reden. Als "Freundin" möchte Kramp-Karrenbauer Merkel übrigens nicht bezeichnen. "Freundin ist jemand, mit dem ich im Sandkasten gespielt habe oder zur Schule oder Uni gegangen bin. Aber wir sind so etwas wie Weggefährtinnen geworden", sagt sie.

Sie hat auch erklärt, Merkel nicht aus dem Kanzleramt verdrängen zu wollen: "Ich kann für mich ausschließen, dass ich auf einen mutwilligen Wechsel hinarbeite." Also bleibt Kramp-Karrenbauer in unkomfortabler Lage hängen: Sie will mehr, aber kann nicht, weil sie an Merkel nicht vorbeikommt. Diese will nicht mehr so ganz, aber der komplette Rückzug kommt auch nicht infrage. (Birgit Baumann aus Berlin, 6.7.2019)