Es läuft exakt so, wie es sich die Regie vorgestellt hat. Als Donald Trump zu Marschklängen einer Militärkapelle die Bühne betritt, Hand in Hand mit seiner Ehefrau Melania, ist gerade das erste Flugzeug im Tiefflug über das Lincoln Memorial hinweggedonnert: eine der beiden Boeing 747, die zur Air Force One werden, wenn der Präsident an Bord ist. Die Show kann beginnen, nachdem für ein paar Stunden Gerüchte die Runde gemacht hatten, dass sie ins Wasser fallen würde. Wer früh da war, um in den vorderen Reihen hinter den Absperrgittern zu stehen, ist nass bis auf die Knochen. Aber nun, am frühen Abend, sind die Gewitter weitergezogen.

Nacheinander flogen Flugzeuge über die Mall.
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Trump steht hinter kugelsicherem Glas, an dem eben noch die Regentropfen heruntergelaufen sind, deutlich sichtbare Spuren hinterlassend. Er inszeniert das Spektakel, das er inszenieren wollte, seit ihn die Militärschau am französischen Nationalfeiertag dermaßen beeindruckte, dass er sich Ähnliches auch in Washington wünschte. Das ist zwei Jahre her, er musste sich gedulden, weil er auf Widerstand gestoßen war. Im Herbst, am Veterans' Day, scheiterte der Plan einer Parade an den Kosten: 92 Millionen Dollar, das war selbst Republikanern im Kongress zu viel.

Die Bürgermeisterin Washingtons, einer Stadt, in der Trump 2016 gerade einmal vier Prozent der Wählerstimmen bekam, war alles andere als begeistert von der Vorstellung, Panzer durch die Straßen rollen zu sehen. Das Weiße Haus musste zurückstecken, sodass alles eine Nummer kleiner ausgefallen ist, als es sich der Präsident anfangs vorgestellt hatte. Die beiden Panzer, einer links, einer rechts vor der Bühne, bilden eine eher bescheidene Fernsehkulisse, ohne dass sie, auf Tiefladern herangekarrt, jemals über eine hauptstädtische Straße gerollt wären.

Die Panzer blieben stehen.
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Trump tut, was seit fast siebzig Jahren kein amerikanischer Präsident mehr getan hat: Er hält vor großem Publikum eine Rede am Unabhängigkeitstag. An einem Tag, an dem das Land eigentlich Pause von der Politik machen will, was einschließt, dass Präsidenten sich nicht an ein Rednerpult stellen. Der Letzte, der sich darüber hinwegsetzte, war 1951 Harry Truman gewesen – während des Koreakrieges, in einer Krisensituation, wenn man so will. Einerseits also verstößt Trump gegen eine ungeschriebene Regel. Andererseits schlägt er einen Ton an, wie man ihn so gar nicht gewohnt ist von ihm. Er gibt den Versöhner, umso überraschender, weil das Publikum an eine seiner emotionsgeladenen Kundgebungen denken lässt.

Zahlreiche Trump-Unterstützer

Vor ihm sitzen handverlesene Parteiaktivisten, und weiter hinten, hinter Absperrgittern am Becken des Reflecting Pools, stehen Zehntausende, von denen viele schon durch Insignien kundtun, wo sie politisch stehen. Rote Basecaps mit dem Slogan "Make America Great Again". Blaue Fahnen, auf denen "Trump 2020" zu lesen ist. Oder "Keep America Great", der Slogan für die Wahl im nächsten Jahr.

"Keep America Great" fordern Unterstützer Donald Trumps.
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Mary Costley und Wayne Pegel, beide Rentner, sind aus Hudson, einer Kleinstadt in Florida, gekommen. Zwei Tage waren sie unterwegs, auf einem Motorrad. Trump, schwärmt Pegel, habe Amerika wieder Respekt verschafft in der Welt. "Es kann nicht schaden, den einen oder anderen daran zu erinnern, dass wir Respekt verdienen", sagt er und stellt klar, dass er überhaupt nichts einzuwenden hat gegen Panzer und Kampfflugzeuge am 4. Juli, auch wenn es das vorher nie gab.

Christopher Casey, ein Bauarbeiter aus New York, findet, dass man darüber durchaus streiten könne. "Aber die andere Seite ist doch scheinheilig, sie ist schon aus Prinzip gegen alles, was Trump tut. Hätte Obama das Militär auffahren lassen, wäre das in ihren Augen völlig okay gewesen." Die andere Seite, das sind die Kritiker des Präsidenten. Und die durchnässte Menge an Lincoln Memorial und Reflecting Pool lässt schon durch Baseballkappen erkennen, dass sie nicht auf der anderen Seite steht. Das Ambiente lässt an Wahlkampf denken, nicht an die Politikpause, für die der 4. Juli ja eigentlich stehen soll.

Keine Angriffe

Normalerweise lässt Trump kein gutes Haar an seinen Gegnern, wenn er vor seinen Fans spricht. Diesmal aber gerät seine 45-Minuten-Ansprache, nahezu frei von Ideologie, zu einer Art Schnellkurs in amerikanischer Geschichte. Er erzählt von Gründervätern und Flugpionieren, von Wolkenkratzern, Hängebrücken und dem Super-Bowl-Footballfinale, von den Suffragetten, die das Frauenwahlrecht erkämpften, und von Martin Luther King, der 1963 auf den Stufen des Lincoln Memorials seine legendäre I-have-a-Dream-Rede hielt. Kurz streift er die Mondlandung, dann verspricht er, das Sternenbanner bald auch auf dem Mars wehen zu lassen.

Donald Trump verspricht unter anderem eine baldige Landung auf dem Mars.
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"Wir erinnern uns daran, dass wir alle ein außergewöhnliches Erbe teilen", sagt Trump. "Gemeinsam sind wir Teil einer der größten Storys, die jemals erzählt worden ist – der Story Amerikas." Aber der stichpunktartige, alles Negative auslassende Geschichtsvortrag ist auch nur die Ouvertüre, denn in der Hauptsache geht es ums Militär. Geradezu überschwänglich spricht der Mann, der sich einen Fersensporn attestieren ließ, um den Kriegsdienst in Vietnam zu umgehen, von der Noblesse des Dienens in Uniform. Wie ein Conférencier, der Künstlerauftritte ansagt, kündigt er den jeweils nächsten Clou an.

Nacheinander fliegen Flugzeuge und Helikopter der Küstenwache, der Luftwaffe, der Kriegsmarine und der Marineinfanterie, darunter ein Tarnkappenbomber, über die Mall, die Prachtmeile im Zentrum Washingtons. "USA! USA!", skandiert die begeisterte Menge. Und im hurrapatriotischen Jubel geht zunächst unter, was für ein grober Schnitzer dem Commander-in-Chief unterlaufen ist. Als er skizziert, wie sich in den Revolutionskriegen des 18. Jahrhunderts, unter dem Kommando George Washingtons, eine einheitliche Armee formierte, spricht er nicht nur von den Festungsmauern, die diese Armee gestürmt, sondern auch von den Flughäfen, die sie erobert habe. Flughäfen anno 1775? Für die Spötter ist es ein gefundenes Fressen.

Gegendemonstration

Ann Wright steht neben einem Ballon, der Trump in Babywindeln abbildet. Es ist das aktuelle Erkennungszeichen von Code Pink, einer pazifistischen Gruppe, die kurz vor dem Irakkrieg entstand und die mit dem Ballonmotiv aussagen will, dass sie den Präsidenten mit seinen Gefühlsschwankungen für ein kleines Kind hält.

Ein sechs Meter großer Baby-Trump soll ausdrücken, dass der Präsident mit seinen Gefühlsschwankungen für ein kleines Kind gehalten wird.

Wright war politische Analystin bei der Armee, bevor sie in den diplomatischen Dienst wechselte, eingesetzt in Ländern wie Nicaragua, Somalia und Afghanistan. 2003 protestierte sie gegen den Einmarsch im Irak, indem sie in den vorzeitigen Ruhestand ging. "Peace with Iran!" steht auf ihrem rosa T-Shirt. Donald Trump, sagt sie, missbrauche das Militär, er benutze es als Kulisse für eine Show, bei der sich alles nur um ihn drehe. Noch monatelang werde er seinen Anhängern erzählen, wie einzigartig dieser 4. Juli gewesen sei, orakelt Ann Wright. "Und dass er der erste wahre Patriot ist, der im Weißen Haus residiert." (Frank Herrmann aus Washington, 5.7.2019)