Eine Gedenkstätte erinnert an die Opfer des Infernos.

Foto: REUTERS/Alexander Ermochenko

Der Mann könnte einiges zu erzählen haben: Ein ukrainisches Gericht hat den ehemaligen Kommandeur der Luftabwehr einer Separatistenbrigade, Wladimir Zemach, für 60 Tage in Untersuchungshaft genommen. "Er wird in Kiew als Verdächtiger in Haft gehalten", teilte Zemachs Anwalt Roman Gontarew mit. Seinen Angaben zufolge wurde Zemach bereits in der vergangenen Woche nach Kiew überstellt. Zuvor hatte ihn der ukrainische Geheimdienst SBU aus dem Separatistengebiet entführt.

Offiziell gibt es keine Angaben zur Festnahme Zemachs, doch Berichten aus dem Rebellengebiet zufolge handelte es sich um eine James-Bond-reife Kommandoaktion. Demnach wurde Zemach entweder auf dem Heimweg oder schon in der eigenen Wohnung von Agenten überwältigt, dann mit Medikamenten betäubt und ruhiggestellt und schließlich mit gefälschten Dokumenten in einem Rollstuhl über die Frontlinie gebracht. Einer der Agenten übernahm dabei die Rolle des Sohnes, der seinen gelähmten Vater ins Krankenhaus bringt. Bemerkenswert, da der Kontrollpunkt rund 80 Kilometer vom Entführungsort entfernt liegt. Der Geheimdienst agierte damit tief im Hinterland der Rebellen.

Mit Zemach ist dem SBU ein wahrer Coup geglückt: Der 58-Jährige war 2014 beileibe keiner der "ehemaligen Bergarbeiter und Traktoristen", die laut Wladimir Putin damals die ukrainische Armee vor Donezk zerschlugen, sondern ein ausgebildeter Luftabwehrspezialist.

Offizier am Abschussort

Eigenen Angaben in sozialen Netzwerken zufolge hatte Zemach 1982 die Offiziersschule für Luftabwehr in Poltawa abgeschlossen und später in Afghanistan gedient. 2014 soll er aufseiten der Separatisten eine Luftabwehrbatterie in Snischne befehligt haben.

Von einem Punkt aus, der nördlich von Snischne liegt, wurde am 17. Juli 2014 das malaysische Passagierflugzeug MH17 abgeschossen. Beim Absturz kamen alle 298 Insassen ums Leben. Dem Abschlussbericht der niederländischen Ermittlungskommission zufolge wurde die Boeing von einer Buk getroffen. Das Luftabwehrsystem sei zuvor aus dem russischen Kursk in das Separatistengebiet verbracht worden, heißt es. Russland bestreitet diese Version.

Zemach könnte diesbezüglich wertvolle Informationen liefern. Aus Moskau und Donezk kamen allerdings bereits eilige Dementis, dass Zemach etwas wissen könne. Der Duma-Abgeordnete Franz Klinzewitsch erklärte, Kiew werde nun aus Zemach "die nötigen Angaben herausprügeln". Der Ex-Premier der sogenannten Donezker Volksrepublik (DVR), Alexander Borodai, bestritt, dass es in Snischne zu jener Zeit überhaupt eine Luftabwehr gegeben habe. "Wir hatten gar keine Waffen, die uns erlaubt hätten, sie zu organisieren", fügte er hinzu.

Zemachs Tochter Maria gab immerhin an, mit ihrem Vater über den Absturz gesprochen zu haben. Doch zu dieser Zeit sei er "keine Schlüsselfigur" gewesen, sondern ein einfacher Soldat, der Posten gestanden sei, sagte sie. Zum Luftabwehrchef sei er erst im Oktober befördert worden. Tatsächlich wurde Zemach im Oktober vom Verteidigungsministerium der DVR zum Oberst befördert. Allerdings war er laut diesem Dokument zu diesem Zeitpunkt schon Chef der Luftabwehr in Snischne. (André Ballin aus Moskau, 5.7.2019)