Kinder, die Nachhilfe erhalten, werden jünger.

Mehr als 20 Jahre lang zog Konrad Zimmermann ein enges Netz an Nachhilfeinstituten über Österreich. Er holte Franchisepartner an Bord, engagierte regelmäßig hundert neue Lehrkräfte und warb um lernwillige Schüler. Seit wenigen Monaten arbeitet der studierte Chemiker im Dienste eines großen internationalen Finanzinvestors. Zimmermann und seine Frau verkauften ihr Unternehmen Lernquadrat an den deutschen Bildungsanbieter Studienkreis. Dieser wiederum ist im Eigentum des Private-Equity-Fonds IK Small Cap I Fund.

Im Alter von 60 habe man nicht mehr allzu viel Zeit, begründet der ehemalige Lehrer den Deal. Nachfolger aus der Familie fehlten. "Meine Frau und ich haben mehr erreicht, als wir erwartet haben, wir wollen dem Betrieb eine sichere Zukunft ermöglichen." Mehr als zwölf Millionen Euro setzt Lernquadrat an 80 Standorten um. Die Umsätze stiegen stetig, allein von Jänner bis Mai um acht Prozent, rechnet Zimmermann vor.

Jeder Dritte braucht Hilfe

Lernquadrat ist einer der beiden größten Anbieter von Nachhilfe in Österreich. Auch die Schülerhilfe, zweiter Platzhirsch der Branche, ist über ihre deutsche Mutter in Hand von Investoren: Seit 2017 gibt Oakley Capital Private Equity den Schritt vor. Jeder dritte Schüler erhalte hierzulande aktuell private Nachhilfe. Bei 17 Prozent sei diese bezahlt, zitiert der Konzern Studien des Ifes-Instituts für die Arbeiterkammer: Der Markt sei also durchaus interessant.

Lukrative Geschäftsfelder rund um bessere Schulnoten wittern allerdings nicht nur traditionelle Anbieter. Immer mehr junge Onlinespezialisten heizen den Wettbewerb an und fahren den komplexen und weit teureren Franchisesystemen rasant um die Ohren. Start-ups fischen über Schwarmfinanzierung nach Geld. Auch findige App-Entwickler versuchen, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Ihr Ziel ist es, unter anderem auch jene Großen zurückzudrängen, die teils exklusive Kooperationen mit den Ausbildungsstätten pflegen. Eine Praxis, die aufgrund des Werbeverbots an Schulen stark umstritten ist.

Druck auf Haushalte

29 Prozent der Schüler in Österreich bekamen im abgelaufenen Schuljahr externe Nachhilfe – um sechs Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, erhob Marktforscher Ifes. Bei 168.000 Kindern zahlten ihre Eltern dafür – um 21.000 mehr als 2018. Bei 79.000 Schülern kostete sie dank privater Hilfe nichts. Bei 40.000 boten sie Schulen gratis an.

Bezahlte Hilfe engagierten der Studie zufolge auch viele Eltern, die es sich finanziell kaum leisten konnten. Geld dafür ausgegeben wurde auch ohne drohende Fünfer. Nur bei einem Fünftel bis einem Drittel der Kinder ging es darum, negative Noten auszubügeln.

Schattenbildung

Bernhard Hofer, der mit seiner Plattform Talentify.me Schüler mit Schülern für Nachhilfe vernetzt, ortet ein wachsendes System für Schattenbildung, das Länder wie Korea, China und Japan vorlebten. Zwei Drittel der Kinder erhielten dort neben Nachmittagsbetreuung private Nachhilfe zulasten der gesamten Freizeit. In Österreich habe sich der Bedarf danach lange in Grenzen gehalten. Doch Probleme im Schulsystem führten zu einer Trendwende: Schon Volksschüler seien angesichts des Wechsels ins Gymnasiums starkem Druck ausgesetzt, warnt Hofer.

Die Haushalte würden künftig immer mehr für Nachhilfe ausgeben, was profitorientierte Betriebe auf den Plan rufe. Er verweist auf Studien der EU-Kommission, die bereits 2011 darauf hinwiesen, dass dieser Markt nicht allein dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben dürfe, da es gesellschaftliche Ungleichheiten verstärke.

"Bis zu 2000 Euro im Jahr"

An die 100 Millionen Euro wiegen die offiziellen Ausgaben hierzulande für Nachhilfe. Auf weitere 100 bis 140 Millionen wird der Schwarzmarkt geschätzt. Noch sei dieser die größte Konkurrenz für Institute wie Lernquadrat, ist Zimmermann überzeugt. Künftig aber werde sich der Markt weiter professionalisieren. "Als ich begann, war die Nachhilfe ein Hämorrhoidenthema, über das man nicht sprach." Heute sei sie salonfähig.

Zwischen 400 und 2000 Euro im Jahr legten Eltern für die schulische Unterstützung ihrer Kinder seiner Erfahrung nach mittlerweile hin. "Hier wird klar kalkuliert: Einmal Sitzenbleiben ist teurer." Knapp sei nicht das Geld, sondern die Zeit, um Nachwuchs selbst auf Prüfungen vorzubereiten, was seiner Branche entgegenkomme.

Expansion

Rivale Schülerhilfe eröffnet im Herbst den 100. Standort in Österreich. Konflikte, wer denn nun der Größte im Land sei, beschäftigten Zimmermann zufolge jüngst sogar die Gerichte. Die Schülerhilfe betont, dass es derzeit keine juristische Auseinandersetzung gebe.

Um gute Lehrkräfte herrscht vor allem im ländlichen Raum hartes Tauziehen. In Vorarlberg etwa arbeite keiner unter 15 Euro pro die Stunde, erzählen Anbieter.

Dass im Markt trotz vieler Neugründungen das große Geld liegt, sei aber Illusion, sagt Michael Cerny, Chef des Instituts Team Plus, der seit 1999 in Wien Nachhilfe anbietet. Allein schon der Aufwand, um auf sich aufmerksam zu machen, sei erheblich höher als früher. Die Kundentreue sinke. Überleben könne nur, wer eine Nische besetze und Zusatznutzen biete.

Kurze Atempause

Eine lange Atempause im Sommer ist vielen Schülern jedenfalls nicht vergönnt. In Wien etwa starten erste Kurse bereits im Juli, sagt Hans Lobitzer, Leiter der IFL-Nachhilfe, die nach wie vor in privatem österreichischem Eigentum ist. Hochsaison habe die Branche kurz vor Schulbeginn. Gefragt ist schon seit Generationen vor allem Wissen um Mathematik. Auch Deutsch und Fremdsprachen stehen hoch im Kurs. (Verena Kainrath, 6.7.2019)