Der britische Botschafter Kim Darroch ging im Schutz diplomatischer Geheimhaltung mit US-Präsident Donald Trump hart ins Gericht. Nun gelangten seine Memos aber an die Öffentlichkeit.

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London/Washington – Die "spezielle Beziehung" zwischen den USA und Großbritannien steht erneut vor einer Belastungsprobe. Die britische Zeitung "Daily Mail" hat am Samstagabend diplomatische Memos an die Öffentlichkeit getragen, in denen der aktuelle Botschafter Kim Darroch US-Präsident Donald Trump und dessen Regierung Unfähigkeit und innere Zerstrittenheit attestiert. Zudem legt Darroch nahe, dass Trump der amerikanischen Öffentlichkeit über die Beweggründe für die Absage von Militärschlägen gegen den Iran nicht die Wahrheit gesagt habe. Der US-Präsident könnte massiv gegen die Wand fahren, deutet er an, es könnte "der Anfang einer Abwärtsspirale sein". Allerdings, so Darroch, sei Trump noch nicht am Ende seiner politischen Karriere angelangt. Dem US-Präsidenten könnte die Wiederwahl gelingen.

Die britische Regierung bestreitet die Echtheit der Memos nicht – was nahelegt, dass es sich nicht um Fälschungen handelt, zumal der Inhalt nur wenige Wochen nach Trumps von Pomp getragenem Besuch in Großbritannien für London besonders peinlich ist. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte nach Angaben der BBC, man bezahle Diplomaten schließlich dafür, ehrlich zu sein. Allerdings würde der Inhalt der Memos nicht zwingend den Ansichten des britischen Außenministeriums oder der Regierung entsprechen.

"Begeisterter" Besucher, neue Gefahren

Dass sich die Beziehungen nun erst recht verfinstern dürften, ist auch insofern ein pikanter Nebeneffekt, als Darroch ohnehin schon eine Verschlechterung vorhergesehen hatte. Nach den Angaben der "Daily Mail" sprach er davon, dass Unterschiedliche Ansichten zu Fragen wie der Erderwärmung, der Freiheit von Medien und der Todesstrafe bei möglichen Verhandlungen zwischen den USA und Großbritannien um ein Freihandelsabkommen nach dem Brexit Risse schmerzhaft vertiefen könnten. Vom Besuch in London sei Trump aber "begeistert" gewesen.

Die aktuelle US-Regierung selbst beschreibt der Botschafter in den Nachrichten, die aus der Zeit zwischen 2017 und 2019 stammen, als innerlich zerrissen. Insbesondere gilt das für die Anfangstage der US-Regierung. In einem Schreiben aus dem Jahr 2017 heißt es etwa, Berichte über heftige Kämpfe innerhalb der Regierung, die Trump als "Fake News" bezeichne, seien nach Ansicht der Botschaft "großteils wahr". Was eine mögliche Zusammenarbeit mit Russland betreffe, könne "das schlimmste nicht ausgeschlossen" werden. "Vom jetzigen Standpunkt aus gesehen glauben wir wirklich nicht, dass diese Regierung wesentlich normaler, weniger dysfunktional, weniger unvorhersehbar, weniger fraktionsgetrieben, diplomatisch weniger ungeschickt und unfähig werden wird", schrieb Darroch. Und: "Für einen Mann, der in das höchste Amt des Planeten aufgestiegen ist, strahlt Präsident Trump Unsicherheit aus."

Unehrlich in Sachen Iran

Schließlich nimmt Darroch, der seit 2016 in Washington postiert ist, noch massiv die US-Politik zum Iran in die Kritik. Die Regierung handle "innerlich unschlüssig" und chaotisch. Und weil die Meinungen zwischen Krieg und Frieden unter den Beteiligten so weit auseinandergingen, sei es auch "unwahrscheinlich, dass sie [die Politik, Anm.] in nächster Zeit zusammenhängender" werde. Auch Trump jüngste kurzfristige Absage von schon in die Wege geleiteten Militärschlägen gegen den Iran sei in diesem Licht zu sehen. Die öffentliche Begründung, dass Trump wegen der prognostizierten Opferzahl von 150 Menschen den Angriff abgeblasen habe, halte kritischer Betrachtung nicht stand. Grund sei vielmehr, dass der US-Präsident die Strafe seiner Wähler 2020 fürchte, sollte er einen neuen Krieg beginnen.

Wie die Mitteilungen an die "Daily Mail" und damit an die Öffentlichkeit gelangt sind, ist nicht ganz klar. Der Fall erinnert – obwohl viel kleiner – an die Veröffentlichung geheimer US-Depeschen 2010 durch die Enthüllungsplattform Wikileaks. Diese waren damals durch die US-Militäranalystin Chelsea Manning weitergegeben worden, die seit einem Prozess 2013 immer wieder in US-amerikanischer Haft sitzt. (Manuel Escher, 7.7.2019)