"The Sleeping Thousand" von Adam Maor in der Regie von Yonathan Levy ´handelt davon, wie ein israelischer Premier 1000 Palästinenser in einen Tiefschlaf versetzen lässt.

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Es gab Zeiten, da fiel das Festspiel wegen Streiks aus. Weder Gelbwesten, noch streikfreudiges Hilfspersonal haben dem neuen Festivalchef Pierre Audi allerdings heuer in Aix-en-Provence den Start vermasselt. Und doch: furios geht anders. Aix mit Salzburg oder Bayreuth in einem Atemzug zu nennen, wäre vermessen. Dass das Festival zu einer Dependance eines Wanderzirkus der Koproduktionen geworden ist, ist zwar der Zug der Zeit. Der Charme des Ortes bleibt ja.

Doch restlos zu überzeugen, vermochte dieser erste Audi-Jahrgang nicht. Auch die traditionelle Pressekonferenz, bei der auch das Programm des nächsten Jahres verkündet wurde, entfiel. Womöglich weiß man selbst noch nicht, wie es weitergeht, was bei den üblichen Vorlaufzeiten der Branche erstaunt und Spekulationen über politischen oder finanziellen Gegenwind für das Festival Tür und Tor öffnet.

Immerhin fand Romeo Castellucci im Théâtre de L’Archevêché einen ambitionierten Zugang zu Mozarts Requiem. Mit Einzelszenen und Chorchoreografien zwischen beklemmend, folkloristisch und berührend wollte er auf die ganze Schöpfung hinaus. So wird – parallel zu den Aktionen – eine endlose Folge von alles umfassenden Begriffen eingeblendet. Das ermöglicht immerhin einen Sturm der Assoziationen zu Mozarts Musik, um die sich Dirigent Raphaël Pichon und das Orchester Pygmalion bemühten.

Tosca-Legende

Regisseur Christophe Honorés wiederum machte aus Tosca eine unterhaltsame Hommage an diese Rolle und ihrer Interpretinnen – die Geschichte erzählt er eher nebenbei. Es beginnt mit dem Einfall eines Homestory-Filmteams bei Tosca-Legende Chaterine Malfitano, die als La Prima Donna dem Personal hinzugefügt ist und sich grandios selbst spielt. Ihre Partie übergibt sie nach ein paar Tönen an Angel Blue, während im Wechselspiel mit Joseph Calleja (Cavaradossi) und Alexey Markov (Scarpia) alles im sexuell Übergriffigen mündet. Im 3. Akt übernehmen dann doch (anders als zuvor) das Orchester der Oper Lyon und sein Chef Daniele Rustioni, jetzt auf der Bühne, das Zepter. Von der Engelsburg muss aber niemand springen. Diese steht als Modell neben der Bühne. Die Malfitano darf nach einem Gang durchs Orchester oben in der Kulisse als Prima Donna einen theatralischen Bühnentod sterben.

Interessanter und festspielkompatibel war die Novität The Sleeping Thousand von Adam Maors. Sein israelischer Landsmann und Librettist Yonathan Levi hat die kafkaeske Geschichte inszeniert, in der ein israelischer Premier 1000 Palästinenser in einen Tiefschlaf versetzen lässt, was dann den Israelis den Schlaf raubt.

Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (Inszenierung Ivo van Hove) mit Esa-Pekka Salonen am Pult des Philharmonia Orchestra wirkte jedoch eher fad und musikalisch weichgespült. Auch das, was von Brecht zu verstehen gewesen wäre, verlor sich in der offenen Bühne, die mit Gerüsten ein Filmset sein sollte. Man verlässt das Festival in Aix-en-Provence nach dem ersten Audi-Jahrgang denn auch skeptischer als früher. (Joachim Lange aus Aix, 8.7.2019)