Mit Qualifikation finden auch Arbeitslose über 50 einen neuen Arbeitsplatz. Diese Altersgruppe wies zuletzt deutlich höhere Beschäftigungszuwächse auf als die jüngere Generation.

Foto: Getty Images

Pensionsantrittsalter und Arbeitslosigkeit haben mehr miteinander zu tun, als gemeinhin bekannt. Das legt ein Vergleich der Jahre 2013 und 2018 nahe, deren fundamentale Arbeitsmarktbedingungen ähnlich sind, weil die Arbeitslosigkeit in etwa gleich hoch war (und damit konjunkturelle Effekte weitgehend neutralisiert sind). Bei Frauen stieg die Arbeitslosenquote 2013 bereits im Alter von 57 Jahren exorbitant an, während sie im Jahr 2018 erst im Alter von 59 Jahren ihren Höhepunkt erreichte.

Der Unterschied zwischen den zwei Jahren liegt im Pensionsantrittsverhalten, sagt Ökonom Ulrich Schuh vom Wirtschaftspolitischen Zentrum WPZ Research. Abgesehen davon, dass die Arbeitslosenrate der Frauen 2018 deutlich höher war als fünf Jahre davor – in beiden Jahren korrespondiert die Arbeitslosigkeit mit dem Pensionsalter, ja sie konzentriert sich geradezu auf die letzten ein, zwei Jahre vor dem Pensionsantritt. Ein weiteres Indiz für die Korrelation: Die Arbeitslosenquote der 57-Jährigen ist 2018 gegenüber 2013 signifikant gesunken (siehe Grafik).

WPZ/STANDARD

Ähnlich auffällig verläuft die Fieberkurve bei Männern, bei denen die Arbeitslosigkeit 2013 bei den 61-Jährigen Spitzenwerte erreichte, während sie 2017/18 vor allem die 63-Jährigen erfasste. Die Verschiebung des Höhepunkts der Arbeitslosenquote entspricht laut Schuh dem Pensionsantrittsverhalten des Jahres 2017, als der Zustrom in die Pension im Alter von 62 einsetzte. Wie bei den Frauen zeigte sich auch bei den Männern ein Phänomen: Die Arbeitslosenquoten für 61- und 62-Jährige gingen gegenüber 2013 zurück.

Über die Ursachen für den explosionsartigen Anstieg der Arbeitslosenquoten kurz vor dem Pensionsantritt lässt sich trefflich streiten. Die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters für Frauen von 60 auf 65 Jahre kann es nicht sein. Denn sie setzt erst mit dem Geburtsjahrgang 1964 ein, also im Kalenderjahr 2024 (bis 2028).

Ökonom Schuh, viele Jahre Mitglied der Pensionskommission, schließt aus, dass es die schlechten Arbeitsmarktchancen sind. "59-jährige Frauen und 63-jährige Männer waren deshalb stark von Arbeitslosigkeit betroffen, weil der Pensionsantritt vorhersehbar war." Denn der Löwenanteil des Anstiegs der unselbstständig Beschäftigten entfiel im Mai 2019 auf 50+: Diese Gruppe vergrößerte sich um 4,1 Prozent oder 42.624 Beschäftigungsverhältnisse, während die Gruppe der unselbstständig Beschäftigten unter 25 um 1,0 Prozent oder 4223 zurückging. Die Gruppe der 25- bis 50-Jährigen vermehrte sich nur um 0,8 Prozent oder 19.063 Personen.

WPZ/STANDARD

Schuh sieht vielmehr Fehlanreize in der Arbeitslosenversicherung, die zu übermäßiger Inanspruchnahme der Leistungen führten – insbesondere in sogenannten Saisonbranchen wie Bau oder Tourismus. Da ist es Usus, sich – dank einer Einstellungszusage meist im Einvernehmen von Arbeitgebern und -nehmern – mit Arbeitslosengeld über den Winter oder die "tote Saison" zu retten. "Ein Missbrauch des Systems", kritisiert Schuh, Arbeitslosengeld sei nicht dazu da, eine Auszeit in Zeiten von Unterauslastung zu finanzieren. Das sei auch unfair gegenüber jenen Unternehmen, die ganzjährig Beiträge einzahlen.

Als Gegengift schlägt Schuh ein "Experience-Rating" nach US-Vorbild vor. Das ist ein Bonus-Malus-System, bei dem die von den Unternehmen zu zahlenden Arbeitsmarktbeiträge nach der Zahl der konsumierten Leistungen gestaffelt werden. Je mehr freigesetzte Mitarbeiter, desto höher der vom Arbeitgeber zu zahlende Beitrag. Das kann bis zur doppelten Prämie gehen, sagt Schuh. Minderverbraucher werden in dem Punktesystem mit niedrigeren Beitragssätzen belohnt. Einen Mindestbeitrag muss jeder zahlen, denn ein Grundrisiko, irgendwann doch Jobs abbauen zu müssen, bleibe immer bestehen.

Ob die zuletzt erlahmte Debatte über die Anhebung des Pensionsantrittsalters nach der Nationalratswahl wieder in Schwung kommt oder nicht: Angesichts der demografischen Entwicklung ist es widersinnig, dass sich Unternehmen älterer Mitarbeiter auf Kosten der Allgemeinheit elegant entledigen. Denn die Schere zwischen Jung und Alt geht weiter auf. Zwischen 2008 und 2017 sank die Zahl der Personen im Alter von 15 bis 49 von 4,181 auf 4,029 Millionen, während die der 50- bis 64-Jährigen von 1,424 auf 1,862 Millionen angewachsen ist. Womit klar ist: Die Altersgruppe 50 plus, die in den 1980er- und 1990er-Jahren in die (Früh-)Pension verabschiedet wurde, wird für den Arbeitsmarkt wichtiger – auch weil nicht genügend junge Menschen nachkommen. 2018 umfasste die Alterskohorte der 15-Jährigen rund 85.000 Personen, jene der 53-Jährigen war mit 145.000 fast doppelt so groß. (Luise Ungerboeck, 8.7.2019)