Die Einwohner in Rom fragen sich zunehmend, ob sich Bürgermeisterin Raggi des Müllproblems bewusst ist.

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Es sei höchste Zeit, die Probleme bei der Abfallentsorgung zu lösen, sonst bestehe die Gefahr, dass die hygienischen Zustände in der Stadt zu einem Notstand für die öffentliche Gesundheit führen, schrieb der Präsident der Römer Ärztegesellschaft, Antonio Magi, letzte Woche in einem Brief an die Bürgermeisterin Virginia Raggi. Eine "alarmierende Invasion von Mücken, Wanzen, Ratten und Möwen", heißt es in dem Schreiben weiter, stelle eine "ernste Gefahr" für die Gesundheit dar, da sich mit den Parasiten auch Infektionskrankheiten verbreiten können.

Tatsächlich sind Roms Straßen übersät mit Müll – rund um die Abfallcontainer türmen sich die Müllsäcke zum Teil meterhoch. Weil die Sommerhitze die Verwesung und Verrottung der organischen Abfälle beschleunigt, ist die Luft erfüllt von einem ekelhaften Fäulnisgeruch.

Um vor Millionen ausländischer Touristen keine schlechte Figur zu machen, hatte die Stadtregierung bisher wenigstens das berühmte Centro storico der Hauptstadt einigermaßen sauber gehalten. Heute ist die Bürgermeisterin sogar damit überfordert.

Raggi gegen Müllverbrennungsanlagen

Das Problem ist seit Jahren dasselbe: Seit Raggis linker Vorgänger Ignazio Marino vor vier Jahren die illegale Riesendeponie Malagrotta am Stadtrand geschlossen hat, weiß die Stadt nicht mehr, wohin sie den Abfall karren soll. Müllverbrennungsanlagen gibt es keine in Rom, und Raggi will solche auch nicht bauen lassen: In den Augen ihrer Partei, der Fünf-Sterne-Bewegung, sind diese Öfen Teufelswerk.

Seit ihrem Amtsantritt vor drei Jahren propagiert sie immer dieselbe Lösung: hundertprozentige Mülltrennung und Wiederverwertung. Allerdings werden in Rom derzeit, wenn es gutgeht, 60 Prozent des Abfalls getrennt.

"Einige Unannehmlichkeiten"

Die Römerinnen und Römer werden den Eindruck nicht los, dass es ihrer Bürgermeisterin an Problembewusstsein mangelt. Sie bezeichnet die Aufregung rund um die Abfallentsorgung als übertrieben: Es gebe keine Notlage, sondern nur "einige Unannehmlichkeiten wegen der von der Hitze beschleunigten Verwesung", erklärte sie.

Der neue Chef der städtischen Müllentsorgung, Paolo Longoni, mag die Beschwichtigungsstrategie Raggis nicht mittragen. "Die Menge des nichtentsorgten Abfalls ist derart groß, dass daraus in einem Monat ein Berg so hoch wie der Vesuv entstehen kann", erklärte Longoni. Tatsächlich bleiben von den in Rom jeden Tag anfallenden 3000 Tonnen Hausmüll rund 650 Tonnen in den Straßen liegen. Longoni versucht schon gar nicht, der Bevölkerung Illusionen zu machen: Es werde mindestens bis Ende des Jahres dauern, bis die Probleme gelöst würden.

Angriff auf Müllentsorgung

Bei den Bewohnern der Ewigen Stadt liegen inzwischen die Nerven blank: Letzte Woche hat im Bezirk Trastevere eine Zentrale der Müllentsorgung Besuch von aufgebrachten Bürgern erhalten, die verbal und auch tätlich auf die Belegschaft losgingen. Eine Angestellte sprach danach von einer "apokalyptischen Gewalt".

Verzweifelte Restaurant- und Barbesitzer stehen morgens eine Stunde früher auf, um die Müllberge vor ihren Lokalen selbst wegzuräumen. "Wir haben es nicht mehr ausgehalten, und so haben wir vor einigen Monaten begonnen, uns mit Abfallsäcken und Schaufeln zu bewaffnen und die Straße selbst zu säubern", sagt Vincenzo Caiazzo, Besitzer des Imbisses La Panetteria in der Nähe der Fontana di Trevi. (Dominik Straub aus Rom, 9.7.2019)