Nadija Sawtschenko galt einmal als künftige Präsidentin, nun muss sie um den Einzug in die Rada bangen.

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Wie oft wurde Nadija Sawtschenko schon geschmäht oder bejubelt, als "Faschistin" beschimpft oder als "unsere Nadija" verehrt. Für die russische Propaganda war sie die "Mordmaschine im Rock", in der Ukraine wiederum wurde sie wie eine Nationalheilige gefeiert. Aber auf keine Zuschreibung reagiert Sawtschenko so entrüstet wie auf die Frage, ob sie ein Opfer sei. "Ich bin eine Kämpferin", schüttelt sie den Kopf, "kein Opfer."

Die Geschichte von Nadija Sawtschenko ist mindestens genauso Netflix-Serien-tauglich wie der Aufstieg des bekannten Fernsehkomikers Wolodymyr Selenskyj zum Präsidenten: Seit fast fünf Jahren ist die heute 38-Jährige offiziell Abgeordnete des ukrainischen Parlaments, der Werchowna Rada. Doch mehr als die Hälfte der Zeit davon verbrachte sie im Gefängnis. Zuerst in Russland, dann in der Ukraine.

An einem heißen Sommertag sitzt sie in einem Gastgarten in der Kiewer Innenstadt und spricht mit dem STANDARD über ihre politischen Ziele, als wäre sie nicht erst vor wenigen Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden. Atemlos, wie ein Maschinengewehr rattert sie ihr Parteiprogramm herunter und zündet sich dabei eine Zigarette nach der anderen an: Mehr Referenden, mehr Selbstverwaltung, einen Mindestlohn und einen "politischen Wandel" im Land.

Kaum Chancen auf Mandat

Bei der Parlamentswahl am 21. Juli tritt sie über ein Direktmandat in der Ostukraine an. Ihr werden kaum Chancen eingeräumt, zuletzt lag ihre Partei "Öffentlich-politische Plattform von Nadija Sawtschenko" bei 0,6 Prozent. Doch sie will kämpfen. Wie jedes Mal.

Die Hubschrauberpilotin wurde weit über die Grenzen der Ukraine hinaus bekannt, als sie auf dem Höhepunkt des Krieges in der Ostukraine im Sommer 2014 von prorussischen Separatisten gefangen genommen und nach Russland entführt wurde. In einem Schauprozess wurde ihr vorgeworfen, einen Granatenangriff auf zwei russische TV-Journalisten gesteuert zu haben. Die Vorwürfe gelten als fingiert, da sie sich laut Mobiltelefondaten zu diesem Zeitpunkt bereits in Gefangenschaft befunden haben soll.

In ihrer russischen Zelle trat sie in den Hungerstreik, beim Prozess streckte sie den Richtern den Mittelfinger entgegen und stimmte die ukrainische Hymne an. Als sie 2016 freigelassen wurde und in die Ukraine zurückkehrte, ging sie in die Politik und zog auf einem Ticket der Timoschenko-Partei Batkiwschtschyna, die sie schon 2014 als Listenerste aufgestellt hatte, in die Rada ein.

Doch vor einem Jahr dann wieder eine unerwartete Wendung: Die Behörden warfen Sawtschenko vor, einen Terroranschlag mit Granaten und Maschinengewehren auf das Parlament in Kiew geplant zu haben. Vorwürfe, die sie zurückweist – wenngleich sie sich von ihren eigenen Worten, man müsse einen "politischen Coup" durchführen und Parlamentarier "physisch vernichten", die sogar auf Video aufgenommen wurden, auch heute nicht so recht distanzieren will. "So reden die Leute bei uns nun einmal", sagt sie und zuckt die Schultern. Ein Verwirrspiel sei das gewesen, nicht ganz ernst gemeint und obendrein mit den Sicherheitskräften abgesprochen.

Eine Terroristin?

Doch die ukrainischen Behörden sahen das anders: Ein Jahr war sie in U-Haft, wegen eines Verfahrensfehlers wurde sie zuletzt wieder freigelassen. Jetzt kämpft sie um den Wiedereinzug in das Parlament.

Sawtschenko, die Terroristin? Was auch immer an den Vorwürfen dran ist – der Fall ist ein besonders krasses Beispiel dafür, wie schnell die Sterne am Firmament der ukrainischen Politik verglühen. Vor wenigen Jahren wurde sie noch als mögliche Präsidentin gehandelt – heute wäre allein ihr Wiedereinzug in die Rada eine Sensation.

"In den vergangenen drei Jahren hat sie ihre Gunst völlig verspielt", sagt der Politikwissenschafter Wladimir Fesenko. "Sie wurde als flammende Patriotin verehrt, hat sich dann aber für eine Aussöhnung mit den prorussischen Separatisten eingesetzt." Sawtschenko, die immer wieder mit wirren und unorthodoxen Aktionen aufhorchen ließ, war in die besetzten Gebiete im Donbass gereist, um dort nach eigenen Angaben den schleppenden Gefangenenaustausch voranzutreiben. "Sie hat aufgehört, eine Sympathieträgerin für Ukrainer mit patriotischen Überzeugungen zu sein", glaubt Fesenko.

Doch manchmal blitzt sie noch auf, die Aura der Volksheldin, wenn Sawtschenko durch die Kiewer Straßen zieht. Sie, die als erste Frau an der Universität der Luftstreitkräfte in Charkiw studieren durfte und zur Hubschrauberpilotin ausgebildet wurde und die auch heute noch mit ihrer Schwester und mit ihrer Mutter in einem Plattenbau lebt und dort in schlaflosen Nächte die Anfragen ukrainischer Bürgerinnen und Bürger bearbeitet.

"Sie sind eine mutige Frau"

Hin und wieder halten Passanten auf der Straße sie an, um ein Selfie mit ihr zu machen. "Nadija, Sie sind eine sehr mutige Frau", herzt sie eine Frau im Vorbeigehen. Doch es sind auch viele misstrauische Blicke dabei.

Egal wie das Ergebnis der Parlamentswahl letztlich aussehen wird – ans Aufgeben denkt Sawtschenko jedenfalls nicht. "Ich habe sowohl in Russland als auch in der Ukraine gelernt, Widerstand zu leisten", sagt sie. "Was einen nicht umbringt, das macht einen nur noch stärker." (Simone Brunner aus Kiew, 8.7.2019)