Snowball in Aktion: Hier steppt der Bär, äh: Gelbhaubenkakadu!
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Boston – Als Irena Schulz im Jahr 2007 Videos ihres Gelbhaubenkakadus Snowball ins Netz stellte, erreichten die Clips schnell ein Millionenpublikum: So hatte man noch nie ein Tier zur Musik der Backstreets Boys tanzen sehen. Schulz, die in Schererville im US-Bundesstaat Indiana eine Vogelstation betreibt, hatte Snowball erst wenige Monate zuvor von den Vorbesitzern erhalten – gemeinsam mit einer CD seiner Lieblingsmusik, zu der die Backstreet Boys, Queen oder Michael Jackson zählen.

Das Rhythmustalent des Vogels und die erheiternde Dokumentation dieser erstaunlichen Fähigkeiten trugen ihm nicht nur eine Einladung in die Letterman-Show und die Mitwirkung in Werbeclips ein. Snowball wurde daraufhin auch von der Forschung entdeckt. Der Psychologe Aniruddh Patel, der damals als Psychologe am neurowissenschaftlichen Institut der San Diego State University forschte, erklärte den Vogel mit Taktgefühl zum Präzedenzfall für die Verhaltensforschung.

Snowball mit seiner Besitzerin Irena Schulz.
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(K)ein exklusiv menschliches Talent

Denn bis dahin hielt man die Fähigkeit, sich zu einem Rhythmus synchron zu bewegen, für eine exklusiv menschliche Eigenschaft. Bei unseren nächsten Verwandten, den Primaten, war solches Verhalten jedenfalls noch nie beobachtet worden. Snowball konnte aber nicht nur zu einem Musikstück tanzen beziehungsweise sich synchron dazu bewegen. Er veränderte auch seine Bewegungen, wenn man das Lied langsamer oder schneller abspielte.

Patel sah mit der Hilfe des Kakadus seine Theorie bestätigt, dass das Taktgefühl ein Nebenprodukt der engen neuronalen Kopplung von Zuhören und Imitation von Tönen ist, wie er mit Kollegen 2009 im Fachblatt "Current Biology" schrieb.

Bei der Analyse weiterer Videos auf Youtube stellte sich heraus, dass nicht nur Snowball, sondern auch einige andere Kakadus und Papageien über diese Eigenschaft verfügten. In den letzten Jahren kamen auch noch ein Seelöwe und ein Elefant dazu.

14 verschiedene Moves

Doch auch die Forschung an Snowball gingen nach dieser Publikation vor zehn Jahren weiter. Das lag nicht zuletzt daran, dass Besitzerin Irena Schulz ihren gefiederten Schützling dabei beobachtete, wie er immer wieder neue Tanzbewegungen in seine Darbietungen einstreute. Also spielen die Forscher dem Vogel die Lieder "Another One Bites the Dust" von Queen und "Girls Just Wanna Have Fun" von Cyndi Lauper je dreimal vor und analysierten die Tanzbewegungen eingehend:

Hier tanzt Snowball zu Queen.
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Snowball machte bei seinen Darbietungen insgesamt vierzehn verschiedene Tanzbewegungen, die vom Headbanging bis Rechts-links-Schritten reichten. Dazu kamen zwei Kombinationen aus Kopf- und Fußeinsatz. Im Gegensatz zu Menschen hielt der Vogel seine Moves nur ein paar Sekunden durch, ehe er zu den nächsten Tanzbewegungen wechselte. Wie die Wiederholungen der Lieder zeigten, ließ der Kakadu dabei einige Kreativität walten und wiederholte sich nicht.

Die 14 Moves und ihre Beschreibungen – diesmal zum Hit von Cyndi Lauper.
Cell Press

Fähig zu echter Kreativität

"Uns interessiert am meisten die schiere Vielfalt seiner Bewegungen zur Musik", sagt Ko-Autor Aniruddh Patel, der mittlerweile an der Tufts und der Harvard University tätig ist und auch diese Studie im Fachblatt "Current Biology" leitete. Mit dabei war neben Irena Schulz auch die Neurowissenschafterin Joanne Keehn, die selbst eine klassisch und modern ausgebildete Tänzerin ist.

Im Fall von Snowball gehen die Forscher davon aus, dass sich der Vogel die Moves selbst ausgedacht hat, also zu echter Kreativität in der Lage ist.

Das Team um Patel nennt schließlich auch noch fünf Faktoren, die erklären, warum ein Kakadu wie Snowball Tanzbewegungen ausführen und erfinden kann, Schimpansen und andere uns näher stehende Menschenaffen aber nicht: Dazu gehören unter anderem das Lernen von Lauten oder die Fähigkeit, Bewegungen zu imitieren und: langfristige soziale Bindungen einzugehen. (Klaus Taschwer, 8.7.2019)