H. C. Artmann, laut eigenem Bekunden "churfürstl. sylbenstecher", schaute seinen Wienern äußerst gewissenhaft aufs Maul.

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Für die Dauer weniger Jahre schien das Herz der Wienerstadt für ihre poetisch empfänglicheren Bewohner in einem kleinen Penzinger Stadtteil zu pochen. In Breitensee vermischte sich Ende der 1950er noch die Anmut ebenerdiger Häuser mit Wiens grauer Nachkriegsödnis. Nur von der Seite der Hausberge her grüßte, allen Übermütigen zur Warnung, die Kuppel von "schdaahof". Wer wie der Dichter H. C. Artmann (1921–2000) einen geruhsamen Abend im Lichtspieltheater verbracht hatte, kam nach Ende der Vorführung aus dem Staunen nicht heraus. Was bleibet aber, gab ihm der Dialekt ein: "noch n kinogee owa / is gaunz bradnsee / wie r a neiche betwesch / fola frischn schnee".

Mit dem Schnee vom Gestern braucht man dem ORF heute nicht zu kommen. Dabei verdiente der Tatbestand jede Form aktiver Erinnerung. H. C. Artmann feierte mit der Herausgabe des Dialektgedichtbandes "med ana schwoazzn dintn" 1958 einen Sensationserfolg. Vergessen waren vorderhand die entbehrungsreichen Jahre, als Artmann dem Surrealismus und – auf zeitgemäße Weise – der Barockliteratur gehuldigt hatte. Er hatte dies unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit getan. Aber auch Ernst Jandl, der heimische Lyrikstar der 1970er- und 1980er-Jahre, verkaufte seine jeweils neuen Gedichtbuchtitel nur ein paar hundert Mal.

Plötzlich geschah ein großes Wunder. Kleine Angestellte lasen begierig Artmanns süffige Verse. Zahllose Wienerinnen und Wiener begannen, Postkarten miteinander zu tauschen und einander die ewige Liebe auf Wienerisch ("weanarisch") zu schwören. Artmanns "schwoazze dintn" wurde auch von notorisch Schreibfaulen bereitwillig angezapft.

Trügerische Behaglichkeit

Den Lesern gruselte es wohlig, als ihnen vom "kindafazara", vom "ringlschbüübsizza" und von anderen Vertretern des autoritären Charakters Mitteilung gemacht wurde. Es war irgendwie gefährlich in Artmanns Wien, zugleich verströmte die schäbige Vorstadt ein Gefühl von Behaglichkeit. Im Gegensatz zu Josef Weinhebers "Wien wörtlich" regen sich in dieser Welt der vom Glück Vernachlässigten die "messa gaunz fon söwa". Ein Hinweis auf die Bewusstlosigkeit, mit der sich so viele Österreicher auf den Nationalsozialismus eingelassen hatten. 1959 berichteten ausgewiesene Schöngeister wie Express-Reporter Roman Schliesser, später der langjährige "Adabei" in der Krone, mit Schnappatmung vom neuen Star, der "die Leute über den Dialekt wieder zur Poesie brachte".

Artmann feierte die zweite und dritte Auflage seines Buches. Statt von 500, 600 Schilling lebte er plötzlich (für kurze Zeit) von 4000 Schilling im Monat. Er gab Visitenkarten in Auftrag, auf denen stand: "hans carl artmann, churfürstl. sylbenstecher".

H. C. Artmanns Karriere verlief weiterhin abenteuerlich. Der Dichter klemmte sich ein Monokel ins Auge und schnitt den heimischen Verhältnissen Grimassen. Als er 1997 den Georg-Büchner-Preis zugesprochen erhielt, murmelte er: "Zu spät!" Vor kurzem schlug der Regisseur Martin Polasek der Direktorin des ORF-Landesstudios Wien ein "Landschaftsporträt" vor. Bald stünden Gedenktage für Artmann ins Haus. Wie wäre es, aus diesem Anlass Breitensee, das Kindheitsland des Dichters, neu zu betrachten? Zu fragen, was aus den "kleinen, bäuerlichen Häusern, den Handwerkern" 60 Jahre nach Erscheinen der Gedichte geworden ist?

Gelindes Desinteresse

Die Antwort von verantwortlicher ORF-Seite ließ, wie die IG Autorinnen Autoren mitteilt, nicht lange auf sich warten. "HC Artmann (sic!) war in den 60ern äußerst populär (…). Aber das ist schon sehr lange her und Lyrik heute lange nicht mehr so beliebt wie damals." Krönender Abschluss der wackeligen Verlautbarung: "Deswegen sind wir der Ansicht, dass Thema und Person nur mehr für Liebhaber, also eine recht kleine Gruppe, relevant sind." So dürfen sich das kleine Breitensee und sein großer Sohn vom ORF auf das nämliche Maß der Ignoranz zurechtstutzen lassen. Das Gedichtbuch (Otto Müller) ist im Handel erhältlich. (Ronald Pohl, 10.7.2019)