Einmal pro Jahr vergibt der Österreichische Seniorenrat gemeinsam mit dem Journalisten-Club einen wenig schmeichelhaften Medienpreis: Die "Senioren-Nessel" ist eine Auszeichnung, die sich niemand wünscht. Sie wird vergeben, wenn Medien altersdiskriminierend berichten und/oder besonders klischeehafte Fotos publizieren – Stichwort "Senioren auf der Parkbank", ältere Herrschaften im Abendlicht, mit Rollator.

Der Seniorenrat sollte überlegen, den Preis auch auf besonders tadelnswerte Vertreter von Politik und Wirtschaft auszuweiten. Gute Gründe gäbe es. Vor allem viele Österreicherinnen sind im Alter von Armut bedroht. Die durchschnittliche Frauenpension beträgt nur 938 Euro, statistischen Berechnungen zufolge könnte bald jede zweite Frau nur die Mindestpension bekommen. Das hat seinen Grund darin, dass die Pension in Österreich eine Versicherungsleistung ist – und Frauen häufig im Laufe ihres Lebens weniger als Männer in diese Versicherung einzahlen. Das führt zu Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten – daher sollte man ernsthaft darüber reden, ob man dieses System weiterhin so aufrechterhalten will.

Viele Österreicherinnen erhalten im Alter nur die Mindestpension.
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Was aber tut die Politik? Sie verteilt Almosen in Form kleiner Extra-Pensionserhöhungen – besonders gern in Wahljahren wie dem heurigen. Leichte Erhöhung der Mindestpension, Refundierung der Sozialversicherungsbeiträge auch für Mindestpensionisten – das ist bereits abgehakt. Und wenn die Seniorenvertreter besonders "lästig" sind, wer weiß – vielleicht gibt es dann noch das geforderte größere und gestaffelte Plus, wie es der Seniorenrat empfiehlt. Dazwischen noch ein paar empathische Insta-Storys von Besuchen im Altersheim, voilà! Das Kalkül: Wer die zahlenmäßig imposante Wählergruppe der über 60-Jährigen mit kurzfristigem Aktionismus für sich gewinnt, hat schon die halbe Wahlkampfmiete eingefahren. Der Seniorenrat unterstützt diese eindimensionale politische Sicht auf ältere Menschen, indem er sich gerade jetzt damit begnügt, nach einem "Pensionsgipfel" zu rufen.

Teilzeitfalle

Warum aber wird es für viele Menschen im Alter finanziell knapp? Einer der Hauptgründe ist die sogenannte Teilzeitfalle, in die vorwiegend Frauen tappen. Für ihre Kinder und die Lebensqualität ihrer Familie arbeiten sie (vermeintlich) weniger, um dann daheim mehr unbezahlte Arbeit zu übernehmen. Der niedrige Teilzeitlohn führt zu einem noch niedrigeren Pensionsbezug.

Ein offenes Geheimnis ist auch, dass ältere Arbeitnehmer von ihren Arbeitgebern sehr häufig zum frühestmöglichen Zeitpunkt in die Pension gedrängt werden. Aber nicht nur das: Viele werden auch noch arbeitslos. Arbeitgeber kündigen langjährige Mitarbeiter, weil sie ihnen zu teuer erscheinen. Dabei sind ältere Mitarbeiter routiniert, haben mehr Erfahrung und könnten den Jüngeren im Betrieb auch viel mitgeben – diese Überlegungen kommen erst gar nicht auf.

All das führt dazu, dass sich ein bestimmtes Klischeebild von älteren Menschen verfestigt: Sie sind zu teuer, sie leisten zu wenig (Teilzeit!). Dass ältere Menschen in der Gesellschaft nicht nur einen Platz haben, sondern auch einen wertvollen Beitrag leisten, wird nicht thematisiert. Es dominiert die Gleichung Alter = Armut = Bedürftigkeit. Das führt dann zu "generösen" Pensionserhöhungen in Wahljahren – und nichts ändert sich an der verkehrten Sicht auf die Bezieher. Das kann nicht im Sinne der Senioren sein. (Petra Stuiber, 9.7.2019)