In der Türkei beginnt gerade ein 17 Jahre alter Pakt zwischen dem Volk und der Regierungspartei zu bröckeln. Als die AKP 2002 an die Macht kam, versprach sie den Türken Wohlstand und Freiheit. Und sie lieferte: Überall im Land wurden Krankenhäuser, Schulen, Flughäfen, Brücken, Straßen und Wohnhäuser gebaut. Der Wohlstand beschränkte sich nicht auf Infrastrukturprojekte. Er kam bei den einfachen Leuten an: Kühlschränke, Smartphones, Reisen nach Europa, alles wurde auf einmal erschwinglich.

Präsident Tayyip Erdoğan dehnt seinen Einfluss auf die Wirtschaft aus.
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Mit einher gingen politische Freiheiten: Die kurdische Sprache wurde erlaubt, das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Einrichtungen nicht mehr unter Strafe gestellt, die Rechte religiöser Minderheiten gestärkt. Das Projekt begeisterte viele für die AKP; es umfasste eine breite Bevölkerungsmehrheit: von Ultrareligiösen über das konservativ-liberale Bürgertum bis hin zu moderaten Unternehmern.

Doch dieses Projekt funktioniert nicht mehr. Eine Zeitlang konnte Präsident Tayyip Erdoğan noch über reale und fiktive Bedrohungsszenarien politische Freiheiten zurücknehmen und seine eigene Macht ausbauen. Seitdem er aber seinen Einfluss mit verheerenden Folgen auch auf die Wirtschaft ausdehnt, häufen sich die Rebellionen.

Das zeigt die Wahlniederlage in Istanbul ebenso wie die Austritte der ehemaligen Gründungsmitglieder Ali Babacan und Abdullah Gül. Die AKP wird zu ihren Ursprüngen zurückkehren müssen oder zerbrechen. (Philipp Mattheis, 9.7.2019)