Keine Freunde: Johnson (links) und Hunt.

Foto: Matt Frost/ITV/Handout via REUTERS

London – Es war wohl ein Unentschieden. Jeremy Hunt mag nach Punkten knapp geführt haben, aber Boris Johnson kann mit dem Ergebnis der TV-Debatte zufrieden sein. Beide Kandidaten bewerben sich um den Vorsitz der Konservativen Partei. Am Dienstagabend trafen sie sich zum ersten Mal live vor den Kameras des Senders ITV zum Schlagabtausch. Für das Team um den Favoriten Boris Johnson, das ihn lange unter Verschluss hielt und erst knapp vor Torschluss einer Fernsehdebatte zustimmte, war es schon ein Erfolg, dass sich Johnson nicht blamierte und damit seinen Vorsprung vor Jeremy Hunt nicht verspielte.

Die rund 160.000 Mitglieder der Konservativen haben noch bis zum 22. Juli Zeit, ihre Stimme abzugeben, aber der 55-Jährige mit dem markanten Blondschopf dürfte das Rennen jetzt schon gemacht haben.

ZiB-Analyse des TV-Duells
ORF

Der Ex-Außenminister, der aus Protest gegen den Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May zurückgetreten war, trat gegen den amtierenden Außenminister an. Dabei sah der Favorit streckenweise nicht gut aus. Bei schwierigen Punkten wich er aus. Wenn Hunt ihn aufforderte, die Frage zu beantworten, ignorierte ihn Johnson einfach. Wie wolle er das vom Unterhaus dreimal abgelehnte Austrittsabkommen nachverhandeln, wenn die EU das doch ausdrücklich ausgeschlossen hat? Boris zuckte mit den Schultern. Ob er als Premierminister zurücktreten werde, wenn er sein Versprechen nicht einhalten kann, den Brexit bis zum 31. Oktober zu vollziehen? Boris verweigerte eine klare Stellungnahme.

Bewährte Rezeptur

Stattdessen bot Johnson seine bewährte Rezeptur von patriotisch unterlegtem Optimismus an: Großbritannien sei großartig, ein No-Deal-Brexit kein größeres Problem, und der Austritt müsse auf jeden Fall bis zum 31. Oktober vollzogen sein. Jeremy Hunt warf ihm "blinden Optimismus" vor, aber vergebens. Als Boris gegen Hunts "Defätismus" wetterte und forderte, dass das Land endlich "aus dem Hamsterrad des Schicksals" befreit werden müsste, bestätigte der Applaus, dass die Leute ermuntert werden wollen. Wichtiger als ein Plan scheint ihnen wohl der unbedingte Wille zum Brexit zu sein – komme, was wolle.

Schwächen zeigte Johnson auch, als es um Donald Trump ging. Der US-Präsident beleidigte den britischen Botschafter in Washington, Sir Kim Darroch, wüst, nachdem vertrauliche und Trump kritisierende Memos des Diplomaten an die Zeitung "Mail on Sunday" geleakt worden waren. Auf Twitter beschimpfte der Präsident den "verrückten Botschafter" als "dummen Typen" und "aufgeblasenen Dummkopf". Mit ihm könne er nicht mehr zusammenarbeiten. Ob sie Sir Kim stützen oder absetzen würden, wurden die Kandidaten gefragt. Hunt war da eindeutig: Nur die britische Regierung bestimmt, wer ihr Botschafter in Washington ist. Johnson dagegen eierte. Das Verhältnis mit dem amerikanischen Verbündeten sei zentral, er selbst habe einen sehr guten Draht ins Weiße Haus, und Beamte sollten neutral sein. Der Eindruck verstärkte sich: Johnson würde vor Trump einknicken.

Kein K.-o.-Schlag

Auch seine Weigerung, eine Suspendierung des Parlaments auszuschließen, sorgte für Stirnrunzeln. Das Unterhaus hat sich wiederholt gegen einen No-Deal-Brexit ausgesprochen, aber Johnson will notfalls, um die Halloween-Frist zu halten, auch einen ungeregelten Austritt ansteuern. Zu diesem Zweck könnte er einfach die Queen bitten, das Parlament aufzulösen. Es wäre eine demokratische Ungeheuerlichkeit, gegen die sich Hunt deutlich aussprach, die aber Johnson als Option ausdrücklich nicht vom Tisch nehmen will. Doch trotz all der Schwächen, die Johnson offenbarte, gelang es Hunt nicht, den Schlagabtausch mit einem Knockout zu gewinnen. Johnson führt auf der Zielgeraden. (Jochen Wittmann aus London, 10.7.2019)