Eine sinnvolle Verteilung, mit einer aussichtsreichen Chance auf einen Job, wäre für die Geflüchteten wichtig und könnte die Integration im aufnehmenden Land erleichtern.

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Kaum ein Thema polarisiert in der europäischen Politik in den vergangenen Jahren so sehr wie die Verteilung von Flüchtlingen auf verschiedene Aufnahmeländer. Während manche EU-Staaten hunderttausende Hilfsbedürftige in ihre Obhut nahmen, weigerten sich andere beinahe gänzlich, ihren Beitrag zu leisten. An einem fairen und verpflichtenden Verteilungsschlüssel zerbrachen ob der verfahrenen politischen Einstellungen bestimmter Politiker etliche Gespräche.

Beim Thema Integration gibt es dennoch ein paar vorgefasste Meinungen, die beinahe alle Politiker teilen, etwa dass ein schneller Einstieg in den Arbeitsmarkt hilfreich für alle Beteiligten ist. Man würde deshalb davon ausgehen, dass Flüchtlinge innerhalb Europas oder zumindest innerhalb der aufnehmenden Staaten auf jene Regionen "verteilt" werden, in denen sie gute Jobchancen vorfinden. Tatsächlich aber ist es in zahlreichen Fällen ein zufälliger Prozess, wie Forscher herausfanden. Jens Hainmueller, Professor an der Stanford University und gemeinsamer Autor der Studie, fasst den Verteilungsschlüssel in den USA im Gespräch mit "Verge" so zusammen: "Wenn du in einer bestimmten Woche ankommst, und es gibt einen Ort in Denver – dann gehst du nach Denver", ob es nun mit deiner Biografie halbwegs kompatibel ist oder nicht.

Schweiz und USA als Testländer

Die US-Forscher untersuchten in ihrer Studie retrospektiv die Flüchtlingsverteilung in den USA und in der Schweiz. Sie sahen sich die Daten von 36.000 geflüchteten Menschen an und überprüften, ob sie einen Job gefunden hatten und inwiefern das etwas mit biografischen Daten wie Alter, Geschlecht, Sprache und Herkunftsland zu tun haben könnte.

Die zufällige Verteilung von Flüchtlingen in der Schweiz führte dabei wenig überraschend zu einem ausbaufähigen Modell. So wurden beispielsweise französischsprachige Menschen nicht in Kantonen der französischsprachigen Schweiz aufgenommen, sondern auf deutschsprachige Kantone verteilt. Die Forscher errechneten, dass die Erfolgschancen einer fiktiven, durch den Algorithmus beeinflussten Entscheidung um 73 Prozent höher liegen würden. Für die USA errechneten sie im Fall einer optimierten Zuweisung zu bestimmten Staaten oder Regionen eine zwischen 25 und 50 Prozent bessere Beschäftigungsquote. All das gelang, indem man bestimmte Muster erkannte, in denen eine besonders gute oder schlechte Beschäftigungsquote ersichtlich wurde.

Tests notwendig, lediglich Entscheidungshilfe

Die Verfasser der Studie sind sich dennoch bewusst, dass eine hohe Beschäftigung nur einen Teil einer gelungenen Integration darstellt. NGO-Vertreter weisen außerdem darauf hin, dass der Algorithmus noch sehr viele potenziell relevante Punkte ignoriere. Gesundheitliche Aspekte, aber auch informelle soziale Netzwerke können eine wesentliche Rolle bei der Integration spielen. Vorangegangene Freunde oder Familienmitglieder werden derzeit noch nicht berücksichtigt. Auch in Vereinen, religiösen Gemeinden und dergleichen lassen sich oftmals wertvolle Anknüpfungspunkte finden, die eine erfolgreiche Integration ermöglichen.

Auch deshalb müsse man das Modell erst in der Praxis testen lassen. Man würde den Algorithmus zudem keinesfalls alleine entscheiden lassen wollen. Viel eher sehen sie ihn als Entscheidungshilfe für jene Personen, die letzten Endes über die Verteilung der Flüchtlinge entscheiden. Die Daten sind jedenfalls in großen Mengen vorhanden und ließen sich relativ simpel in einen Algorithmus für einen Test einspeisen. Dass ein solches Projekt in der aktuellen politischen Großwetterlage Europas oder in den USA jedoch umsetzbar ist, bezweifeln sogar die Studienautoren. (faso, 11.7.2019)