Kim Darroch zwischen allen Stühlen. Weil der britische US-Botschafter (Mitte) im Geheimen Präsident Trump kritisierte, musste er zurücktreten.

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Wenn man nach der Definition einer "unmöglichen Situation" sucht, dann ist der Zustand, in dem sich Großbritanniens Botschafter Kim Darroch am Mittwoch befand, wohl keine schlechte Messlatte. Und am Ende sah der britische Spitzendiplomat selbst keinen Ausweg mehr: "Die gegenwärtige Situation macht es mir unmöglich, meine Position so auszufüllen, wie ich es gerne möchte", fasste Darroch in einem Rücktrittsschreiben zusammen. Damit nahm er Bezug auf zuvor veröffentlichte Zitate aus geheimen Memos, in denen er sich kritisch zu US-Präsident Donald Trump geäußert hatte – aber auch dazu, dass ihm, seinem Eindruck nach, Rückhalt aus London fehle.

Und das wiederum bringt nun jenen Mann unter Druck, der eigentlich bald als neuer Premierminister jene Linien vorgeben will, denen die britische Diplomatie zu folgen hat: Boris Johnson. Dieser hatte in einer TV-Diskussion mit seinem Widersacher um die Führung der britischen Konservativen und das Premiersamt, Jeremy Hunt, deutlich gemacht, dass er sich nicht in jedem Fall schützend vor Darroch stellen würde: Er habe ein sehr gutes Verhältnis zum Weißen Haus, die Verbindungen zu den USA und Donald Trump seien wichtig – so Johnson auf die Frage, ob Darroch in seiner Regierung in jedem Fall im Amt bleiben könne. Kurz gesagt: Ein möglicher Handelsdeal mit den USA nach dem Brexit sei EU-Verächter Johnson vielleicht wichtiger, als einen Diplomaten im Amt zu halten, der in Memos genau das getan hatte, was sein Job ist – nämlich die Regierung in London durch ehrliche Meinung und Analysen korrekt zu informieren.

Schaden in Kauf genommen

Das, so auch Kritiker in der Konservativen Partei, habe das Potenzial, ein gefährlicher Präzedenzfall zu werden, der künftig dazu führen könnte, dass die Regierung in London nicht mehr jene Einschätzungen bekommt, die den Einschätzungen ihrer Diplomaten entsprechen, sondern solche, von denen Botschafter glauben, dass ihre Vorgesetzten sie gern hören. Johnson, immerhin einst Außenminister, habe das auch gewusst und daher in Kauf genommen.

"Wenn Sie jene nicht unterstützten, die Sie selbst in äußerst schwierige Situationen schicken", sagte der konservative Chef des außenpolitisches Komitees im Unterhaus, Tom Tugendhat, rhetorisch an Johnson gerichtet, "was glauben Sie dann, was passieren wird?" Andere nannten Johnsons Äußerungen nach Berichten des britischen Guardian, unter dem Schutz der Anonymität, "unerbaulich" und "verachtenswert". Ob die Causa Johnson auch im längst laufenden Wahlkampf gegen Hunt um das Premiersamt schadet, ist allerdings zu bezweifeln.

Er selbst fühlt sich von der Kritik jedenfalls nicht angesprochen. "Ich verstehe überhaupt nicht, wieso man jetzt mir die Schuld dafür gibt", sagte Johnson am Donnerstag zum TV-Sender ITV, "das ist doch völlig bizarr." Das freilich widerspricht Darstellungen aus britischen Diplomatenkreisen. Sie sprechen davon, dass Darroch in Reaktion auf Johnsons Äußerungen zurückgetreten sei. Immerhin hatte ihn US-Präsident Donald Trump nur kurz zuvor via Twitter als "dummen Kerl" bezeichnet, der ein sehr schlechter Botschafter sei. Darroch, einer der angesehensten britischen Diplomaten, hätte sich Schutz erwartet.

Ex-Außenminister Johnson lenkte die Aufmerksamkeit wohl auch daher in Richtung einer anderen Frage: "Ich habe in der TV-Debatte auch gesagt, dass ich ein großer Unterstützer der Idee bin, geheime Mitteilungen nicht an die Öffentlichkeit zu tragen."

"Unfähiger" US-Präsident

Denn in der Tat ist völlig unklar, wie die geheimen Memos aus den Jahren 2017 bis 2019 an die Zeitung "Daily Mail" gelangten, die sie am Wochenende dann veröffentlichte. Darroch kritisiert darin Trump als "unfähig", die US-Regierung als "chaotisch" – Urteile, die zwar im privaten Gespräch unter Diplomaten ebenso häufig sind wie unter vielen Experten, Beobachtern und Journalisten, die aber so natürlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren.

Die britische Regierung arbeitet deshalb mit Hochdruck daran, die Quelle der Leaks herauszufinden – auch deshalb, weil man offenbar Angst vor weiteren Veröffentlichungen hat. Darroch selbst bleibt im Amt, bis es Ersatz gibt. Das könnte bald sein, denn May will offenbar nicht, dass Johnson den Nachfolger bestimmt. (Manuel Escher, 11.7.2019)