Wenn Merkel aus Gesundheitsgründen sitzt statt steht (hier rechts neben der dänischen Premierministerin Frederiksen), müssen Medien berichten.

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Noch einmal wollte sich Angela Merkel die Diskussionen nicht antun. Am Donnerstag gab es daher beim Empfang der dänischen Premierministerin Mette Frederiksen eine Änderung im Protokoll: Die Kanzlerin und ihr Gast standen nicht im Ehrenhof, sondern saßen während der militärischen Ehren auf Stühlen.

Tags zuvor, bei der Begrüßung des finnischen Premiers Antti Rinne, hatte Merkel wieder gezittert – zum dritten Mal in drei Wochen. Danach meldete sie sich selbst zu Wort und sagte: "Man muss sich keine Sorgen machen." Beim ersten Mal hatte sie ihren Zustand mit Wassermangel erklärt, beim zweiten Mal erklären lassen, sie habe sich an ihren ersten Zitteranfall erinnert, prompt sei es zu einem neuen gekommen.

Nun sagt sie: "Ich bin noch in einer Verarbeitungsphase des ersten Vorfalls mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Die dauert anscheinend noch ein bisschen. Aber mir geht es sehr gut." Sie sei auch fest davon überzeugt, dass "ich gut leistungsfähig bin".

Videos reichen nicht

Das Rätselraten in den deutschen Medien geht trotzdem weiter. Die Leipziger Volkszeitung zitiert den Chefarzt der Klinik für Neurologie / Klinische Neurophysiologie und der Parkinson-Klinik Neustadt in Schleswig-Holstein, Uwe Jahnke. Er sagt: "Nachdem ich die Videos gesehen habe, ist es meiner Meinung nach gut möglich, dass es sich um einen orthostatischen Tremor handelt. Dies ist eine äußerst seltene, aber harmlose Erklärung, bei der das Zittern in der Regel nur im Stehen auftritt." Sobald man sich in Bewegung setze, lasse das Zittern nach. So war es auch bei Merkel in allen drei Fällen, die sich in jüngster Zeit ereigneten.

Die "Süddeutsche Zeitung" jedenfalls weist darauf hin, dass ein Blick auf einen Videoausschnitt nicht reiche. Die Kanzlerin selbst hat deutlich gemacht, dass sie nicht bereit ist, weitere Auskünfte zu geben: "Ich glaube, dass meine Äußerungen dazu getan wurden heute, und ich glaube, dass eine Aussage, dass es mir gutgeht, Akzeptanz finden kann."

Öffentliches Interesse

Klar ist auch: Die Berichte berühren einen sehr sensiblen Bereich zwischen öffentlichem Interesse an der Gesundheit gewählter Amtsträger und der Privatsphäre, die jedem Menschen zusteht, egal ob kleine Beamtin oder Kanzlerin. Und sie könnten, so Mediziner in deutschen Medien, vor allem auch selbst den Zustand der Kanzlerin negativ beeinflussen – dann nämlich, wenn das Gerede um die Gesundheit Merkel weiter unter Druck setzt. Es könnte ein weiterer unter zahlreichen Stressfaktoren sein, denen Politikerinnen und Politiker in ihrer täglichen Arbeit ausgeliefert sind.

Die Auswirkungen von chronischem Stress auf die Gesundheit sind gut erforscht. Grundsätzlich ist Stress nicht negativ, sondern ein lebensnotwendiger und normaler physiologischer Vorgang. Er sorgt dafür, dass der Mensch Herausforderungen annimmt und leistungsfähig ist. In akuten Stresssituationen werden im Gehirn Stresshormone produziert, die über Hypothalamus und Hirnanhangdrüse sämtliche Organe erreichen. Dadurch wird das Immunsystem aktiviert und Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Zusätzlich steigt der Blutzuckerspiegel kurzfristig an und sorgt für einen vorübergehenden Energieschub.

Ungesunder Beruf

Wird der Stress jedoch chronisch, befindet sich der Körper in permanenter Alarmbereitschaft. "Wichtig ist nicht die Stressvermeidung, sondern der richtige Umgang mit ihm", sagt der Wiener Neurologe Wolfgang Lalouschek. Fehlen Phasen der Regeneration, führt die Überproduktion von Cortisol nicht nur zu einer vermehrten Ausschüttung von Insulin, sondern auch zu einer schlechteren Durchblutung aller Organe und zu einem Ansteigen des Blutdrucks, ein Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Das Cortisol sorgt auch dafür, dass der Körper weniger Melatonin und Serotonin produziert. Ein Mangel dieser Hormone lässt Dauergestresste schlecht schlafen, der Körper hat kaum mehr Möglichkeiten, sich zu regenerieren. Die Folge sind verstärkte Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und ein erhöhtes Depressionsrisiko.

Es ist wohl kein Zufall, dass relativ viele Spitzenpolitiker krank werden. Politik ist ein ungesunder Knochenjob, der kaum Freizeit zulässt. Selbst im Urlaub müssen Merkel und Co ständig erreichbar sein. Helmut Schmidt hatte 1980 eine lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung, 2002 folgte ein Herzinfarkt. Horst Seehofer laborierte ebenfalls an einer Herzmuskelentzündung. Angela Merkel immer wieder nach ihrem Gesundheitszustand zu fragen und damit Stress aufzubauen ist sicher nicht gesundheitsfördernd. (12.7.2019)