Die jungen Männer lassen ihren Opfern eigentlich keine Wahl, bei der falschen Antwort schlagen sie zu. Sie kommen in Gruppen und meistens mit Schlägern aus Holz oder Metall bewaffnet in die Häuser. Sie wollen die Menschen dazu zwingen, sich der Regierungspartei CNDD-FDD anzuschließen, die allein über das zentralafrikanische Land Burundi herrscht. Wer sich weigert, der wird von den Angreifern verprügelt, die sich meist aus der Jugendgruppierung Imbonerakure der Regierungspartei zusammensetzen. Oft schlagen sie so lange auf ihre Opfer ein, bis diese aufhören zu atmen.

Grafik: DER STANDARD

Seit 2005 ist die Partei unter dem Vorsitz des Präsidenten Pierre Nkurunziza an der Macht. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch werfen vor allem den Mitgliedern der Jugendvereinigung Gruppenvergewaltigungen und Folter vor. Präsident Nkurunziza war während des Bürgerkriegs in Burundi unter anderem Führer der Hutu-Rebellen. Die Hutu und die Tutsi sind zwei soziale Gruppen, die immer wieder im Konflikt miteinander stehen. Die schlimmste Eskalation der Gewalt war der Völkermord in Ruanda, bei dem 1994 bis zu eine Million Menschen starben.

2020 wird Präsident Pierre Nkurunziza kein viertes Mal antreten.
Foto: AP Photo/Berthier Mugiraneza

Geschichte der Unterdrückung

Noch immer herrschen Spannungen zwischen der Hutu-Mehrheit und Tutsi-Minderheit. Nkurunziza goss am 2. Juli, dem 57. Unabhängigkeitstag nach der belgischen Besatzung, weiter Öl ins Feuer: In seiner Rede an die Nation kündigte er an, wichtige Bauwerke Burundis nach Hutu-Politikern umbenennen zu lassen. So etwa das Nationalstadion, den Präsidentenpalast und den Hauptflughafen. "Die Burundier sollen sich an ihre Geschichte erinnern", so Nkurunziza.

Die Geschichte des Landes ist durch Gewalt und Unterdrückung gekennzeichnet. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die damaligen Königreiche Urundi und Ruanda zur Kolonie Deutsch-Ostafrika. 1916 besetzte die belgische Armee das Gebiet, das 1962 zum unabhängigen Königreich Burundi und vier Jahre später zur Republik wurde. 1993 brach der Bürgerkrieg aus, der sich an der Front zwischen den Hutu und den Tutsi entlud. Seit Ende der blutigen Auseinandersetzungen kennt das Land nur die autoritäre Herrschaft Nkurunzizas, der bei seiner ersten Wiederwahl 2010 quasi keinen Konkurrenten hatte, da die Opposition die Wahl boykottierte.

Rund um die Wahl 2015 eskalierte die Gewalt im Land abermals.
Foto: REUTERS/Goran Tomasevic

Gewalt nach Wahl

Von Gesetzes wegen hätte Nkurunziza nur zwei Amtszeiten innehaben dürfen, doch 2015 urteilte das Verfassungsgericht, dass er auch ein drittes Mal zur Wahl antreten dürfe. Er erhält rund 70 Prozent der Stimmen – und die Gewalt im Land eskaliert ein weiteres Mal. Mehr als 400.000 Burundier fliehen in die Nachbarländer Tansania, die Demokratische Republik Kongo und Ruanda. Mehr als eintausend Menschen werden während der Ausschreitungen getötet.

Die Europäische Union kappt daraufhin die direkte Finanzhilfe für das schwer verschuldete Land, und der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag eröffnet eine Untersuchung wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und das, obwohl Burundi vorsorglich – als erstes Land überhaupt – den Internationalen Strafgerichtshof verlassen hat.

Immer wieder greifen bewaffnete Gruppierungen Dörfer an und töten die Bewohner.
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Anschläge und Verhaftungen

Bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr wird Nkurunziza nicht mehr antreten, doch wird deshalb die autoritäre Regierung durch die CNDD-FDD kein Ende haben. Die Repressionen gegen die Opposition gehen weiter: Mitte Juni verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf ein Büro der Partei CNL, und im Vorfeld verhaftete die Polizei 15 Mitglieder der Opposition wegen angeblicher Teilnahme an illegalen Treffen. Das Büro der Vereinten Nationen für Menschenrechte war bereits im März dieses Jahres geschlossen worden.

Deshalb fliehen noch immer Burundier in die Nachbarländer – vor allem nach Tansania, wo rund 200.000 Flüchtlinge leben. Jede dritte Familie lebt laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR auch nach Jahren im Land noch immer in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften. Ein Großteil der Haushalte hat keinen Zugang zu einer eigenen Latrine. Doudou Diène, der Präsident des UN-Untersuchungsausschusses zu Burundi, nannte die Flüchtlinge Burundis erst vor kurzem "vergessen". Es handle sich um die am wenigsten finanzierte Notsituation auf der Welt, so Diène. Nicht einmal zehn Prozent des Bedarfs an finanziellen Hilfsmitteln für das heurige Jahr seien gedeckt.

Im Flüchtlingslager Nduta in Tansania leben die meisten Geflohenen aus Burundi.
Foto: MSF / Ellie Kealey

Zustände in Flüchtlingslagern

Im Nduta-Camp in Tansania leben 90.000 Flüchtlinge aus Burundi und werden von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen medizinisch betreut. Deren Einsatzleiter Vincent Rico klagt im Gespräch mit dem STANDARD über eine ineffiziente Abfallentsorgung und somit ein hohes Infektionsrisiko. "Die Menschen leiden außerdem unter psychischen Problemen wie Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden", berichtet Rico. Außerdem fehle es an grundlegenden Dingen. Der Einsatzleiter erzählt von einer 60-jährigen Frau, die mit ihren vier Enkelkindern im Alter von vier bis elf Jahren seit vier Jahren im Lager lebt. Das einzige Bett mit Mosquitonetz hat sie den Kindern überlassen. Sie selbst schläft auf dem Boden hinter der Eingangstür.

Rico erzählt außerdem von ehemaligen Kollegen, mit denen er 2001 im Rahmen eines Ernährungsprogramms in Burundi zusammengearbeitet hat und die er nach 17 Jahren wieder traf: in Tansania, als Flüchtlinge. "Diese Realität wühlt mich ziemlich auf", sagt er. Dass die Krise kaum Aufmerksamkeit in der westlichen Öffentlichkeit erfährt, führt er darauf zurück, dass so gut wie kein Burundier nach Europa flieht.

Enttäuschung bei Rückkehr

Eigentlich empfiehlt das UNHCR den Flüchtlingen die Heimkehr nach Burundi nicht, doch assistiert es jenen, die nach reifer Überlegung doch zurückkehren wollen. Seit 2017 sind so mehr als 67.000 Burundier zurückgegangen und erhalten als Starthilfe von der Uno ein Paket mit Nahrungsmitteln, Haushaltsutensilien und eine kleine Summe Bargeld.

Doch viele von ihnen werden in der Heimat abermals enttäuscht, weil die politische Verfolgung weiter anhält, zwei von drei Burundiern in Armut leben und das Land hochverschuldet ist. Das Einkommen der Staatskasse beschränkt sich hauptsächlich auf den Verkauf von Kaffee, Tee und den Einsatz der 767 Blauhelme, die in den UN-Missionen in der Zentralafrikanischen Republik und in Somalia stationiert sind. Für Letztere erhält die Regierung rund 13 Millionen US-Dollar.

Hinzu kommt, dass in dem dichtbesiedelten Land die Geburtenrate bei sechs Kindern pro Frau liegt und bereits jetzt 1,8 Millionen der 11,8 Millionen Einwohner von einer Nahrungsmittelunsicherheit bedroht werden. Für Hilfsorganisationen steht fest, dass es mehr finanzielle Hilfe für die Bekämpfung der Krise braucht und ein Expertengremium, das Vorwürfe gegen Machthaber und Oppositionelle im Land untersucht. (Bianca Blei, 17.7.2019)