Arbeitspsychologe Johann Beran

Arbeitspsychologe Beran: "Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen am Strand in ihr Handy starren, denke ich mir: Ihr hättet auch zu Hause bleiben können. Das wäre vielleicht sogar gemütlicher, weil man sich den Stress am Flughafen erspart."

Foto: getty images

STANDARD: Wie gut hilft Urlaub wirklich gegen den Stress, den man im Alltag empfindet?

Beran: Gar nicht. Urlaub als Heilmittel für den Stress des ganzen Jahres, das funktioniert so nicht. Prinzipiell wäre der Urlaub eine gute Zeit, in der man Entspannung finden kann. Aber das Problem ist: Wenn man es das ganze Jahr über nicht schafft, sich zu entspannen, wird es einem im Urlaub auch nicht gelingen. Noch dazu sind Urlaub und Freizeit heute etwas ganz anderes als noch vor einigen Jahren...

STANDARD: ...Weil man durch das Smartphone ohnehin immer alles mitbekommt? Stichwort "Always on".

Beran: Genau. Und die Folgen sind dramatisch. Wir gewöhnen uns daran, immer abgelenkt zu sein. Wir halten die Ruhe gar nicht mehr aus, suchen ständig diese Ablenkung. Das verhindert, dass wir uns im Urlaub auch wirklich erholen. Im Liegestuhl liegen und den Wellen zusehen, das kann leider kaum noch jemand.

STANDARD: Es ist schwer, auf Knopfdruck von Hundert auf Null zu schalten.

Beran: Ich habe das autonome Nervensystem von Menschen erforscht – und da war ganz eindeutig zu sehen, dass bei den meisten der Parasympathikus, der Erholungsnerv im Gehirn, kaum aktiv wird. Es braucht ein paar Tage bis zu einer Woche, bis sie überhaupt einmal zur Ruhe kommen. Für den Urlaub gilt deshalb: Man sollte Zeit haben, dort anzukommen, in der echten Welt. Dann erst tritt der wirkliche Erholungseffekt ein.

STANDARD: Welche Dauer ist ideal?

Beran: Mindestens drei Wochen. Allerdings nimmt sich die kaum mehr jemand. Dazu kommt: Die meisten Menschen wollen ja dann auch noch einen Erlebnisurlaub machen. Das heißt, sie arbeiten quasi weiter. Dem Gehirn ist es nämlich völlig egal, was das für Daten sind, die herein trudeln – es sind Daten. Und die Stresshormone fließen trotzdem. Wer es im tagtäglichen Leben nicht zusammenbringt, einen Ausgleich zu erreichen, kann das im Urlaub ebenso wenig. Urlaub ist kein Wundermittel, der kann die Erholung für uns nicht erledigen.

STANDARD: Das müssen schon wir selbst...

Beran: Und dann ist es auch egal, wo wir das tun oder eben nicht tun. Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen am Strand in ihr Handy starren, denke ich mir: Ihr hättet auch zu Hause bleiben können. Das wäre vielleicht sogar gemütlicher, weil man sich den Stress am Flughafen erspart. Und von der Umgebung bekommt man eh nicht wirklich viel mit, wenn man immer nur auf das Display schaut.

STANDARD: Sie sind also von der Fraktion der Psychologen, die sagen: Smartphone unbedingt daheim lassen oder abschalten? Einige meinen ja ein oder zwei Stunden pro Tag seien okay, sofern man sich fixe Regeln setzt.

Beran: Ganz ehrlich, was meine Freunde zu Mittag essen, kann mir doch wirklich egal sein, wenn ich woanders bin. Es gibt so viele Informationen, die sinnlos sind, die das Gehirn aber trotzdem strapazieren. Die meisten Menschen bekommen gar nicht mit, wie sehr. Weil sie sich so daran gewöhnt haben und die vielen leisen Signale aus dem Organismus gar nicht mehr wahrnehmen. Irgendwann sagt das Gehirn: Jetzt habe ich dir x Male gesagt, dass das nicht gut ist, aber du hörst mir ja nicht zu. Also sage ich es dir nicht mehr. Im Alltag kann man das Trinken vergessen – und auch das Sich-selbst-Spüren.

STANDARD: Es gibt seit mehreren Jahren Gegenbewegungen: Digital-Detox, Yogacamps, Achtsamkeitsurlaube. Was halten Sie davon?

Beran: Diese Dinge sind gut, aber immer nur ein Anfang. Auch drei Wochen Digital-Detox können nicht ein ganzes Jahr Wahnsinn wieder gut machen. Es kann mir aber zeigen, was es an sinnvollen, gesunden Möglichkeiten gibt, runter zu kommen – und die sollte ich dann in meinen Tagesablauf einbauen.

STANDARD: Woran liegt es, dass der Erholungseffekt so schnell verpufft? Laut Studien nach maximal drei Wochen, ein Teil schon nach einer Woche.

Beran: Der Grund ist, dass unser Gehirn immer nur das kann, was es gelernt hat. Deswegen kann es auch auf dem Weg aus dem Urlaub ganz schnell wieder in den Stressmodus schalten.

STANDARD: Wie kann es gelingen, die Erholung länger zu erhalten?

Beran: Oft heißt es, man solle eine Muschel mitnehmen und sie auf seinen Schreibtisch legen, damit das Urlaubsgefühl bleibt. Das ist natürlich Schwachsinn. Man kann Urlaubssituation nicht einfach ins normale Leben übertragen. Im Prinzip muss sich jeder seine Art der Erholung suchen. Mich zum Beispiel regt Yoga wahnsinnig auf. Ich brauche Bewegung, ich kann mich nicht statisch erholen. Dieses ganz eigene Ventil, das gilt es zu finden. (Lisa Breit, 16.7.2019)