Es ist nicht einfach, ein Interview mit Carola Rackete zu bekommen. Seit die 31-jährige deutsche Kapitänin Ende Juni mit dem Rettungsschiff Sea-Watch 3 ohne Erlaubnis in den italienischen Hafen von Lampedusa eingefahren ist, um gerettete Menschen an Land zu bringen, und daraufhin festgenommen wurde, steht sie im europäischen Rampenlicht. Erste Anfragen des STANDARD kurz darauf wurden abgelehnt. Sie müsse sich mit ihren Anwälten beraten, hieß es.

Mittlerweile wurde sie vom Vorwurf freigesprochen, unerlaubt in italienische Territorialgewässer eingefahren zu sein. Eine Richterin erklärte, sie habe ihre Pflicht getan, indem sie die Leben der geretteten Menschen zu schützen versuchte. Weitere Anfragen des STANDARD an das Sea-Watch-Presseteam folgten. Von dessen Seite aus sei ein Interview in Ordnung, erklärte Sprecher Ruben Neugebauer. Doch Rackete selbst stehe nicht gern im Mittelpunkt, sie müsse das entscheiden. Schließlich wurde nach einer Handynummer gefragt, unter der sich Rackete am Donnerstag melden würde. Uhrzeit unklar.

Donnerstagvormittag, 10.15 Uhr, kommt eine SMS: "Hallo, hier ist Carola von Sea-Watch. Ruben sagte, du würdest gerne kurz telefonieren heute." Aus dem ursprünglich geplanten kurzen Telefonat wird schließlich ein 38 Minuten dauerndes Gespräch, in dem Rackete ihre Entscheidung erläutert, in den Hafen einzufahren. Sie übt Kritik an der Rhetorik von Spitzenpolitikern wie Matteo Salvini und Sebastian Kurz und verrät, weshalb sie vermutlich eine Zeitlang nicht mehr auf Mission gehen wird.

STANDARD: Kennen Sie Pia Klemp?

Rackete: Natürlich. Von mir wird immer als Kapitänin der Sea-Watch 3 gesprochen. Für mich ist das Pia. Als wir das Schiff 2017 bekamen, wurde sie Kapitänin und hat die Organisation bekommen. Sie ist auch ein paar Missionen gefahren, bis sie und neun weitere Seenotretter in Italien kriminalisiert wurden. Ihre Anwälte rieten ihr daraufhin von weiteren Fahrten ab. Ansonsten wäre sie weiterhin die Kapitänin der Sea-Watch 3.

Carola Rackete geht davon aus, dass sämtliche Ermittlungen in Italien gegen sie eingestellt werden. Sollte es doch zu einer Anklage kommen, ist sie sich trotzdem sicher: "Wir haben recht, das ist der wichtigste Punkt."
Foto: Paul Lovis Wagner

STANDARD: Ihr steht nun wegen früherer Missionen mit dem Rettungsschiff Iuventa ein Prozess in Italien wegen des Verdachts der Beihilfe zur illegalen Einwanderung bevor. Wieso wurden bei ihr keine Millionen gespendet, wieso hat sich bei ihr die deutsche Regierung nicht so eingesetzt wie bei Ihnen?

Rackete: Einen großen Anteil an der ganzen Aufmerksamkeit hat der italienische Innenminister Matteo Salvini, der sich öffentlich sehr kritisch und oft auf unangemessene Weise meiner Person gegenüber geäußert hat. Salvini hat uns als Feindbild erschaffen, das kam nicht von uns. Ohne dieses Verhalten hätte Sea-Watch nicht diese Aufmerksamkeit bekommen. Der Unterschied zum Fall der Iuventa ist außerdem, dass deren Crew abgehört, beschattet und schließlich festgenommen wurde. Uns hingegen war die Gesetzeslage von Anfang an klar, wir haben alles versucht, um nicht in die Territorialgewässer einfahren zu müssen.

Carola Rackete, wie sie im Hafen von Lampedusa festgenommen wird.
Foto: AP/Pasquale Claudio Montana Campo

STANDARD: Sie wurden dennoch festgenommen. Ihr Vater sagte, er sorge sich vor allem darum, dass Sie jetzt im Mittelpunkt stehen – das mögen Sie überhaupt nicht. Jetzt sind Sie die Galionsfigur in Sachen Seenotrettung. Wie fühlt sich das an?

Rackete: Es ist nichts, worauf ich mich je vorbereitet hätte. Ich muss noch darüber nachdenken, was das jetzt genau für mich bedeutet. Es gibt natürlich die Möglichkeit, diese gestiegene Aufmerksamkeit zu nutzen, um wichtige Dinge anzusprechen. Die Aufmerksamkeit, die ganze Solidarität hat auf alle Fälle sehr deutlich gemacht, dass viele Bürger in Europa mit dieser rechten Politik total unzufrieden sind. Dass viele darauf gewartet haben, dass jemand öffentlich sagt: Es reicht. Vielen wurde klar, wie falsch die europäische Migrationspolitik ist.

STANDARD: Inwiefern?

Rackete: Wir denken einerseits: Europa ist eine tolle Sache und schafft Frieden. Auf der anderen Seite ist die EU aber auch heuchlerisch. Sie finanziert die libysche Küstenwache, die erwiesenermaßen aus Warlords und anderen bewaffneten Gruppierungen besteht. Die werden bezahlt, um Flüchtlinge in ein Bürgerkriegsland zurückzubringen – in Lager, von denen wir wissen, dass dort Menschenrechtsverletzungen begangen werden. Für mich als EU-Bürgerin ist es schockierend, dass die EU, die den Friedensnobelpreis bekommen hat, mit solchen Akteuren kooperiert.

STANDARD: In einer Videobotschaft vom Mittwoch haben Sie ein Ende der Kooperation mit der libyschen Küstenwache gefordert. Was soll stattdessen passieren, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden?

Rackete: Europa müsste zu seiner Grundidee zurückkommen, eine Solidargemeinschaft zu sein. Wir sind an vielen Fluchtgründen nicht unschuldig, insofern sollten alle EU-Staaten Verantwortung zeigen. Italienische Häfen sind seit einem Jahr geschlossen, bei jedem angekommenen Rettungsschiff kommt eine große Diskussion auf. Es bräuchte hier einen permanenten Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge.

In mehreren europäischen Ländern wie Italien, Österreich und Deutschland – so wie hier in Frankfurt am Main – gab es Solidaritätskundgebungen für Carola Rackete. Wortwitze mit ihrem Nachnamen waren offenbar unvermeidlich.
Foto: AFP/Boris Roessler

STANDARD: Ein permanenter Verteilungsschlüssel wird seit Jahren diskutiert, eine Einigung ist nicht in Sicht. Auch bei den Fluchtgründen wird es, wenn überhaupt, noch lange dauern, bis die beseitigt sind. Was soll bis dahin passieren?

Rackete: Wir müssen die geschätzt 500.000 Flüchtlinge in Libyen außer Landes schaffen, damit sie sich nicht auf die gefährliche Mittelmeerroute begeben. Die deutsche Regierung hat dies auch gefordert, allerdings wurde nicht gesagt, wie das funktionieren soll. Das ist schwierig, aber es muss sein.

STANDARD: Sie haben von der großen Solidarität gesprochen. Auf der anderen Seite ist Salvini nicht der Einzige, der Sie als Kriminelle und Schlepperin bezeichnet. In Italien wurde etwa eine für Sie geplante Messe wegen Protesten abgesagt. Auch Österreichs Altkanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat es jüngst wieder für falsch erachtet, wenn Hilfsorganisationen gerettete Menschen nach Europa bringen, weil dadurch womöglich weitere Flüchtlinge angelockt werden. Bislang wurde nicht eindeutig widerlegt, dass NGO-Schiffe tatsächlich ein Pull-Faktor sind.

Rackete: Es gibt mehrere Studien, der Pull-Faktor wurde nicht widerlegt, das stimmt. Aber gleichzeitig wurde auch ein direkter Zusammenhang zwischen der Anwesenheit von Rettungsschiffen und dem Ablegen von Flüchtlingsbooten nicht bestätigt. Was meiner Meinung nach bestätigt wurde, ist: Je weniger Rettungsschiffe unterwegs sind, desto mehr Menschen sterben.

STANDARD: Laut Zahlen des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR ist die Todesrate 2018 um das Dreifache gestiegen, die absolute Zahl der Toten aber gesunken – genauso die Ankünfte in Europa. Das ist für Kritiker ein Argument, um gegen NGO-Schiffe vorzugehen. Ihrer Lesart nach werden mehr Menschenleben gerettet, weil sich dann weniger Flüchtlinge in Gefahr bringen.

Es gab aber auch Proteste gegen Carola Rackete. Hier hält ein Mann im sizilianischen Agrigent folgenden Schriftzug in die Höhe: "Salvini, unser einziger Kapitän".
Foto: REUTERS/Guglielmo Mangiapane

Rackete: Das macht man sich so zu einfach. Man weiß nicht, wie viele Menschen in libyschen Lagern gestorben sind. Das ist auch ein Faktor, den man auswerten müsste. Abgesehen davon ist das grundsätzlich eine verquere Logik. Dann könnte man auch sagen: Je weniger Personal es für die Bergrettung gibt, desto weniger Unfälle gibt es.

STANDARD: Geht einem die geballte Kritik durch den Kopf, wenn man auf hoher See Menschen rettet oder so wie Sie tagelang mit Geretteten an Bord vor Lampedusa wartet?

Rackete: Mir nicht, weil ich mich um das Geschehen an Bord kümmern musste, vor allem um die Geretteten. Das sind keine Zahlen, sondern richtige Menschen mit einem Namen, einem Gesicht, einer Lebensgeschichte. Du bist mit diesen Menschen auf einem Schiff. Das ist nicht abstrakt, sondern ganz konkret, und die müssen in einen sicheren Hafen. Zusätzlich hatte ich auch die Verantwortung für die Crew.

STANDARD: Was waren die größten Herausforderungen, als Sie gewartet haben?

Rackete: Es gab natürlich physische Erkrankungen, die wir an Bord nicht behandeln konnten. Zum Teil konnten wir nur Schmerzmittel verteilen. Wir hatten in der Zeit auch zwei Gerettete, die an Land gebracht wurden, weil es ihnen physisch plötzlich schlechter ging. Das andere ist der psychologische Druck, der immer größer wurde. Wir konnten den Geretteten immer nur sagen: Habt Geduld, wir arbeiten an einer politischen Lösung – die ganz zum Schluss immerhin möglich schien. Diese Menschen waren an Bord praktisch eingesperrt, hatten keine Privatsphäre, sie konnten ihren Familien nicht Bescheid geben, wo sie sind. Und sie wussten nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Dazu kamen posttraumatische Belastungsstörungen. Fast alle hatten eine Kombination aus Haft, Kidnapping, Folter oder Versklavung hinter sich. Das konnten wir nicht behandeln. Weder hatten wir Psychologen an Bord, noch gab es einen geschützten Raum, um das aufzuarbeiten.

STANDARD: Wie war in dieser Zeit der Kontakt zu den italienischen Behörden?

Rackete: Der Kontakt lief hauptsächlich über die Seenotrettungsleitstelle in Rom. Abgesehen von den zwei medizinischen Notfällen hat diese kaum auf unsere E-Mails reagiert. Sie haben sich praktisch tot gestellt. Wenn sie sich einmal gemeldet haben, haben sie sich für nicht zuständig erklärt. Alles werde ans Innenministerium weitergeleitet. Das war extrem frustrierend. Denn Seenotrettung sollte Seenotrettung sein, damit hat das Innenministerium nichts zu tun.

In Wien wurde kurz nach Carola Racketes Festnahme auch für die deutsche Kapitänin demonstriert.
DER STANDARD

STANDARD: Die Hafeneinfahrt haben Sie damit begründet, dass es sonst Tote geben könnte, durch Suizide oder den Versuch von Geretteten, ins Meer zu springen, um ans Festland zu schwimmen. Die italienischen Behörden gehen aber nicht von einer Notlage an Bord aus und verweisen darauf, dass medizinische Notfälle sofort an Land gebracht wurden, wie Sie es geschildert haben.

Rackete: Auf die physischen Notfälle haben sie Rücksicht genommen. Aber auf die psychologische Situation wurde nie reagiert, sie hätten auch ein entsprechendes Ärzteteam schicken können. Gerettete, die schon Suizidversuche hinter sich hatten, haben sich wegen ihrer Situation an unsere Medizinerinnen gewandt. Die haben das ernst genommen und die Personen speziell betreut. Aber auf Dauer wäre das nicht gegangen.

STANDARD: Haben Sie in gewisser Weise Verständnis für das Verhalten Salvinis? Schließlich haben Sie einmal gesagt, die EU lasse die Mittelmeeranrainerstaaten im Stich. Salvini könnte mit seinem Verhalten bezweckt haben, mehr Hilfe zu erhalten.

Rackete: Ob er das macht, um im Amt zu bleiben, oder ob er tatsächlich das Problem an sich lösen will, kann ich nicht sagen. Es geht nicht – und das ist wohl allen klar -, dass die südeuropäischen Länder alle Geflüchteten im Rahmen des Dublin-Systems registrieren und aufnehmen. Es wird seit Jahren darüber diskutiert, aber die Staaten, die davon profitieren, wollen natürlich nichts ändern. Es gibt eben keine echte Solidarität in der EU. Den Ärger der Südeuropäer kann ich total verstehen. Das ändert aber nichts daran, dass wir die Menschen retten müssen.

STANDARD: Zu den Ländern, die vom Dublin-System profitieren, gehört auch Österreich. Altkanzler Sebastian Kurz kritisiert regelmäßig die im Mittelmeer aktiven Hilfsorganisationen, Stichwort "NGO-Wahnsinn", und hat sich zuletzt wieder hinter Salvini gestellt. Ist das etwas, was Sie auf Ihren Missionen mitbekommen?

Rackete: Das bekommt man schon mit. Genau wie bei Salvini wundere ich mich bei Kurz über die Wortwahl und die Art und Weise, wie argumentiert wird. Denn da mangelt es an Fakten. Das Thema ist ein Problem, das ist klar, aber ich erwarte von Spitzenpolitikern wie Kurz oder Salvini, dass sie sich anders dazu äußern: dass sie mit Fakten arbeiten und nicht Leuten etwas vorwerfen, was nicht wahr ist. Sie sollten Vorbilder sein, aber weder der Ton noch der Inhalt sind bei Kurz und Salvini vorbildlich.

STANDARD: Am 18. Juli steht für Sie die nächste Anhörung an, wegen des Vorwurfs der Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Was erwarten Sie bei dem Termin?

Rackete: Für mich ist es eine Möglichkeit, noch einmal zu erklären, wie es zu meiner Entscheidung gekommen ist, in Lampedusa einzufahren. Die Staatsanwaltschaft wird das auswerten, das kann mehrere Monate dauern. Wir gehen davon aus, dass es für mich keine weiteren Gerichtstermine geben wird und die Ermittlungen eingestellt werden. Wir haben recht, das ist der wichtigste Punkt. Und selbst wenn es zu einer Anklage kommen sollte: Wir setzen geltendes maritimes Recht um. Wir sind uns sicher, dass das Retten von Menschenleben und das Sichern dieser Menschen Priorität hat.

Carola Rackete, hier noch an Bord der Sea-Watch 3. Vermutlich wird sie vorerst nicht mehr auf Rettungsmission gehen.
Foto: AP/Matteo Guidelli

STANDARD: Wie geht es dann für Sie weiter?

Rackete: Das ist derzeit schwer zu sagen. Ich muss abwarten, wie sich die mediale Aufmerksamkeit entwickelt.

STANDARD: Vielleicht eine neue Mission?

Rackete: Das muss ich erst mit meinen Anwälten klären. Ich bin nun in einer ähnlichen Situation wie Pia Klemp, der aufgrund des Prozesses davon abgeraten wurde, weiter auf Mission zu sein. Während die Ermittlungen laufen, werde ich wohl kein Rettungsschiff steuern.

STANDARD: Gab es Momente, jetzt, aber auch auf der Sea-Watch 3, in denen Sie sich gedacht haben: Wieso tue ich mir das an?

Rackete: Nein. Es ist absolut notwendig, dass wir das machen. Die Menschen flüchten nicht ohne Grund. Wir sind an unserer Außengrenze dafür verantwortlich, Schaden abzuwenden, weil wir es eben können. Wir haben die technischen Kapazitäten, es ist einfach, diese Menschen zu retten.

STANDARD: Wie kommt man eigentlich dazu, sich im Mittelmeer zu engagieren, um Menschenleben zu retten?

Rackete: Eine Freundin von Greenpeace, wo ich einmal gearbeitet habe, hat mir von dem Projekt erzählt. Ich fand das Problem so dringend, dass ich mich 2015 als Freiwillige gemeldet habe. Sea-Watch war damals noch sehr klein und überlastet, sodass meine Kontaktaufnahme nicht wirklich angenommen wurde. 2016 war es dann so weit mit meiner ersten Mission. Genauso wie dieses Mal ist auch damals ein Kapitän ausgefallen. Und ich hatte einfach Zeit. (Kim Son Hoang, 13.7.2019)