Der französische Nationalfeiertag im Video
DER STANDARD

Man wolle keineswegs "den Weltraum militarisieren", hatte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg noch Ende Juni vor den Verteidigungsministern des Nordatlantikpakts erklärt. Doch in Wahrheit läuft der neuste militärische Trend genau darauf hinaus: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat am Wochenende bekanntgegeben, dass sein Land die nationale Militärdoktrin ändern werde, "um uns im Weltraum und aus dem Weltraum besser verteidigen zu können".

Der "fliegende" Soldat war nur eines der neu vorgestellten Tools der französischen Armee.
Foto: REUTERS/Charles Platiau

Schon im September werde er ein Kommando für den Weltraum schaffen. Es werde vorerst der Luftwaffe zugeordnet sein, später dann in eine eigene Heereseinheit umfunktioniert. Entsprechende Investitionen würden getätigt, kündigte Macron an, ohne einen Geldbetrag zu nennen. Experten gehen davon aus, dass die vorwiegend digitalen Spitzentechnologien aus bestehenden Heeresabteilungen zusammengezogen werden sollen.

Schutz vor Satellitenangriffen

Hauptziel der Operation ist es, französische Satelliten gegen Attacken zu schützen. Armeeministerin Florence Parly berichtete am Sonntag in einem Zeitungsinterview, ein französischer Militärsatellit sei bereits einmal Ziel einer "unfreundlichen Operation" geworden. Ein fremder Militärsatellit habe sich ihm auf unübliche Weise "genähert". Auf die Journalistenfrage nach der Herkunft gab Parly bekannt, es sei ein russischer Flugkörper gewesen. Man wisse aber nicht, ob dieser es darauf abgesehen habe, sein Ziel auszuspionieren oder dessen Laufbahn zu beeinflussen.

Mosieur le President war selbstverständlich auch auf einem Militärwagen.
Foto: APA/AFP/LIONEL BONAVENTURE

Auf jeden Fall werde Frankreich sämtliche militärische Satelliten binnen sieben Jahren ersetzen, fügte die Ministerin an. Der Weltraum sei ein "neuer Ort der Konfrontation" geworden, und die 1500 im All befindlichen Satelliten diverser Länder könnten zu "umkämpften" Zielen werden.

Alle wichtigeren Armeen seien heute von Informationen durch Militärsatelliten abhängig. Das gelte namentlich auch für die französischen Anti-Jihad-Einsätze im westafrikanischen Mali. Experten zufolge sind die Satelliten heute das schwache Glied in der Informationskette zwischen Generalstäben und Fronteinsätzen.

Bei diesen etwas skurril anmutenden "Waffen" handelt es sich um Drohnen-Abwehrgeräte.
Foto: REUTERS/Charles Platiau

Frankreich reagiert mit der Bekanntgabe auf entsprechende Bemühungen der USA, Chinas, Russlands und Indiens. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat schon Ende 2018 ein "Space Command" gebildet, um die militärischen Aktivitäten seines Landes im Weltall zu bündeln. Sein Vize Mike Pence hatte präzisiert, die amerikanische Präsenz im Weltraum genüge dabei nicht: "Was wir brauchen, ist die amerikanische Vorherrschaft im Weltraum."

Ohne Tricolore kein 14. Juli
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Diese Erklärung relativiert doch Stoltenbergs Versprechen, die neue Nato-Strategie im All werde ein "Forum zum militärischen Austausch". Die USA scheinen zumindest laut französischen Offizieren nicht unbedingt an einem Austausch unter Gleichen interessiert zu sein.

Soldaten im feinen Zwirn.
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Macron machte seine Ankündigung nicht zufällig im Umfeld der Truppenparade des 14. Juli, des französischen Nationalfeiertags. Der Umzug über die Champs-Élysées stand im Zeichen der europäischen Sicherheit: Dabei waren Truppenvertreter aus zehn Ländern, die an der "Europäischen Interventions-Initiative" (EI2) mitmachen.

Auch die Hunde putzten sich heraus.
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Merkel in Paris

Unter den zahlreichen Staatsgästen nahm auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel auf der Ehrentribüne zwischen Amtskollegen aus den Niederlanden und Portugal Platz. Die scheidende britische Ministerpräsidentin Theresa May ließ sich vertreten.

Am "Quatorze Juillet" wird traditionell die Champs-Élysées abgeschritten.
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Der europäische Ansatz, ja Anspruch des Militärumzugs täuscht nicht über zum Teil grundlegende Kursdifferenzen hinweg. Die Interventionsinitiative geht auf Macron zurück, der die Briten trotz des wahrscheinlichen EU-Austritts eingebunden hat. Merkel will dagegen eher die "Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik" (GASP) der EU stärken. Die anpackenden französischen Generäle halten diese Brüsseler Instanz für schwerfällig und ineffizient.

Der Ehrentribüne entkam bei dieser Tarnbekleidung das eine oder andere Schmunzeln.
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Deutschland, Frankreich und Spanien haben zwar im Juni die gemeinsame Entwicklung eines Kampfjets bekanntgegeben; zugleich haben Paris und Berlin aber sehr unterschiedliche Vorstellungen über eine – an sich von Macron wie Merkel gewünschte – europäische Armee. Die Beteiligung einer deutsch-französischen Brigade und sogar deutscher Hubschrauber am "Quatorze Juillet" vermochten nicht darüber hinwegzutäuschen.

Im Anschluss an den Militärumzug, als sich auch die Zaungäste bereits verzogen hatten, drangen überraschend hunderte von Gelbwesten auf die Champs-Elysées. Die Polizei, einmal mehr auf dem falschen Fuss erwischt, nahm im Verlauf des Nachmittags über 150 Personen fest. Die übrigen skandierten Parolen gegen Macron und schrien "révolution!".(Stefan Brändle aus Paris, 14.7.2019)