Patronen (links) sind seit langem das Erkennungsmerkmal von Hirtenberger. Damit soll nun Schluss sein.

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Es soll die größte Umstrukturierung der Unternehmensgeschichte werden – und die ist recht lang. Vor 159 Jahren wurde Hirtenberger gegründet; ein aus Schwaben zugewanderter Drechsler eröffnete eine kleine metallverarbeitende Werkstatt im niederösterreichischen Hirtenberg, die alsbald als "Patronenfabrik" bekannt werden sollte.

Noch heute wird Hirtenberger in erster Linie mit Munition assoziiert – obwohl die unter dem Dach der Hirtenberger Holding stehende Gruppe in ihrer Sparte "Defence" (Munition und Produkte für die Rüstungsindustrie) nur noch rund zehn Prozent ihres Umsatzes von zuletzt 280 Millionen Euro macht. Die Kleinkaliberproduktion war 2004 verkauft worden, ab Mitte der 1990er-Jahre setzte man auf den Einsatz von Pyrotechnik im zivilen Bereich, vor allem für Sicherheitseinrichtungen in Fahrzeugen (Sparte Automotive) und in Bergbau und Metallbearbeitung.

Keine Munition, mehr Profit

Nun zieht die Gruppe, die seit 1996 der Unternehmerfamilie Schuster gehört (Helmut Schuster hat damals das insolvente Unternehmen dem Staat abgekauft) munitionsmäßig einen Schlussstrich. Die Hirtenberger Defence Europe GmbH mit ihren rund 30 Millionen Euro Jahresumsatz wird verkauft. Die Due Diligence sei vorbei, es gebe mehrere Interessenten, sagt Holding-Geschäftsführer Markus Haidenbauer zum STANDARD.

"Wir sehen im Defence-Bereich kein Wachstumspotenzial, die Sparte passt nicht mehr zu uns. Wir wollen profitabler werden und den Fokus auf Pyrotechnik im zivilen Bereich legen. Alle Tochtergesellschaften, die sich mit anderem beschäftigen, werden wir verkaufen." Flapsig ausgedrückt: Hirtenberger wird friedlich.

Verkauf und Liquidierung

Konkret trennt sich die Gruppe, die zuletzt rund sieben Millionen Euro Gewinn gemacht hat, von vier Gesellschaften. Was, neben der Munitionstochter, noch verkauft wird: die Sparte chemische Oberflächenbearbeitung (Hirtenberger Engineered Automation Austria), "weil sie nicht mehr zum Konzern passt", wie es Techniker Haidenbauer erklärt. Liquidiert werden die Töchter, die sich mit dem Reinigen und Testen von Filtern für die Automobilindustrie bzw. mit Planung, Design und Wartung von Maschinen befassen.

Haidenbauer sitzt seit etwas mehr als einem Jahr im Chefsessel und hat sich die "völlige Neupositionierung und Öffnung des Unternehmens" auf die Fahnen geheftet – mit entsprechender Zustimmung der Eigentümer. Wachstumspotenzial sieht er im Bereich Bergbau, aber auch bei den Sicherheitsprodukten im Automotive-Bereich, mit denen Hirtenberger rund ein Drittel seines Umsatzes erwirtschaftet, also circa 100 Millionen Euro.

Das 159 Jahre alte Unternehmen setzt nun nur noch auf Ziviles, wie die Erzeugung von Mikrogasgeneratoren für Airbags.
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Unfallschutz

"Passive Sicherheit" nennt man diese Sparte im Konzern: Es geht um Produkte, die dann wirken sollen, wenn ein Unfall bereits passiert. Hirtenberger stellt sogenannte Aktuatoren her, die mittels Pyrotechnik zum Beispiel dann auslösen, wenn ein Auto mit einem Fußgänger kollidiert. In Blitzesschnelle ("Das dauert ein Drittel so lang wie ein Wimpernschlag", so Haidenbauer) reagiert der Aktuator, löst aus und hebt die Motorhaube an, um den Abstand zum Motorblock zu vergrößern und so den Aufprall abzumildern.

Weitere Anwendungsgebiete für solche Aktuatoren sind beispielsweise Nackenstützen, Lenkradsäulen oder Pedalentriegelungen. Rund 70 Prozent Marktanteil haben sich die Niederösterreicher bei Aktuatoren bereits erkämpft. Airbags erzeugen sie nicht – dafür aber Mikrogasgeneratoren, die im Airbag gezündet werden.

Wachstum im Agrarbereich

Nach der friedlichen Strategieänderung wird es unter der Holding nur noch zwei Divisionen geben: die Hirtenberger Group mit ihrer zivilgenützten Pyrotechnik und die Komptech Group. Komptech, den ehedem deutsch-österreichischen Hersteller von Umwelt- und Agrartechnik, hat Hirtenberger 2015 gekauft. Erzeugt werden Maschinen fürs Schreddern oder Kompostieren, aber auch für den Transport in Land-und Forstwirtschaft.

Da, quasi im grünen Bereich, ist Hirtenberger zuletzt auch stark gewachsen. Insgesamt legte der Umsatz des Unternehmens zwischen 2016 und 2018 um rund 66 auf 280 Millionen Euro zu.

Name Hirtenberger zur Disposition

Und was erwartet man sich vom Strategiewechsel in Zahlen ausgedrückt? Die Gruppe mit ihren 2000 Beschäftigten (je zur Hälfte in Österreich sowie Slowenien und Ungarn) und 90 Prozent Exportquote soll 2020 rund 300 bis 350 Millionen Euro umsetzen.

Und wird Hirtenberger dann überhaupt noch Hirtenberger heißen? Muss nicht sein. Haidenbauer: "Da gibt es kein Tabu; denn der jetzige Name wird schon sehr mit Munition assoziiert." Und: "Es ist Zeit, dass unsere Geschichte Geschichte wird." (Renate Graber, 15.7.2019)