Jubel am Lord’s Cricket Ground.

Foto: Reuters/Andrew Boyers

London – Selbst über die Mauern des Buckingham Palace schwappte die Euphoriewelle um Englands Cricket-Könige mühelos hinweg. Während auf dem proppevollen Trafalgar Square in London Tausende den ersten WM-Titel für das Mutterland des altehrwürdigen Sports ausgelassen feierten, schickte Queen Elizabeth höchstpersönlich ihre "herzlichsten Glückwünsche". Und sogar das schwelende Brexit-Chaos geriet in Brüssel für kurze Zeit in den Hintergrund. "Cricket's coming home", gratulierte EU-Kommissionssprecher Margaritis Schinas in Anlehnung an den Fußball-Klassiker.

In England sorgte der dramatische Sieg im Tiebreak (sogenanntes Super Over) über Neuseeland für einen regelrechten Ausnahmezustand. Die scheidende Premierministerin Theresa May feierte den Triumph mit einem ihrer flotten Freudentänzchen, und die Post im Königreich kündigte umgehend eine Sonderbriefmarke an. Die Online-Liveberichterstattung der BBC erreichte eine Rekordmarke von knapp 40 Millionen Seitenaufrufen, 8,3 Millionen Fans fieberten vor den TV-Bildschirmen mit, 30.000 im legendären Londoner Lord's Cricket Ground.

"Wer hat behauptet, Cricket wäre langweilig?"

Und so bestimmte weder das nicht weniger dramatische Tennis-Finale auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon zwischen Novak Djokovic und Roger Federer, noch die nächste Machtdemonstration von Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton beim Heimrennen in Silverstone die Titelseiten der englischen Presse. Von Seite eins grüßten die Cricket-Helden. Die Daily Mail schrieb von "einem der nervenzerreißendsten Sportmatches aller Zeiten", der Daily Telegraph fragte: "Wer hat behauptet, Cricket wäre langweilig?"

Tatsächlich dauert in der kompakten Turnierform ein einziges Spiel – unterbrochen von einer Mittagspause – durchschnittlich acht Stunden. Die Millionen Liebhaber im gesamten Commonwealth vergleichen Cricket mit einem guten Roman – kompliziert im Aufbau, verzwickt in der Handlung und großartig in der Auflösung. Dazu garniert mit ganz viel Drama.

ICC

Davon gab es im Endspiel am Sonntag reichlich, Englands Kapitän Eoin Morgan gingen nach dem engsten aller möglichen Ausgänge die Superlative aus. "Das war das unglaublichste Cricket-Spiel überhaupt", sagte der 32-Jährige: "Ich glaube nicht, dass es in der Cricket-Geschichte jemals wieder so ein Spiel geben wird."

Lange hatten die Engländer auf ihren ersten Titel warten müssen. Seit 1975 wird der Weltmeister im Cricket ausgespielt, nie ging die Trophäe ins Mutterland des Sports. Erstmals seit 27 Jahren schafften es die Engländer vor eigenem Publikum überhaupt wieder in ein WM-Endspiel, und am Sonntag in London brachen sie auch endlich den Finalfluch: Bei ihren bisherigen drei Endspielteilnahmen (1979, 1987, 1992) hatten sie jeweils den Kürzeren gezogen.

Der Titel ist Balsam auf die zuletzt geschundene englische Cricket-Seele. 2015 war die Nationalmannschaft bereits in der WM-Vorrunde gescheitert, sinkende Spielerzahlen bereiteten zudem Sorgen – auch, weil der Sport hinter eine Bezahlschranke verfrachtet wurde.

4,3 Millionen Zuschauer im Free-TV

Seit 2005 waren Cricket-Spiele auf der Insel nur im Pay-TV zu sehen, das Finale gegen Neuseeland wurde nun zusätzlich im frei empfangbaren Fernsehen übertragen und lockte alleine dort 4,3 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme – auch eine potenzielle neue Generation von Cricket-Spielern. "Ich hoffe auf jeden Fall, dass die Beteiligung wieder steigt", sagte Kapitän Morgan. Die Ausgangslage für einen Boom könnte jedenfalls besser nicht sein. (sid, 15.7.2019)