"Der Teufel hat E-Mail", konterte Siemens-Chef Joe Kaeser eine Morddrohung.

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Angst vor einem Shitstorm im Netz scheint Siemens-Chef Joe Kaeser nicht zu haben. Seit seiner auf Social Media geäußerten Kritik an der ausländerfeindlichen, bisweilen rechtsextremen Politik der deutschen Rechts-außen-Partei AfD ("lieber Kopftuch-Mädel statt Bund Deutscher Mädel") im Vorjahr könnte man fast meinen, Kaeser finde Gefallen an der Auseinandersetzung.

Denn er legte nach, kritisierte die Verhaftung von Carola Rackete. Die Kapitänin der Sea-Watch 3 hatte – mit 40 Geretteten an Bord – trotz Verbots der Behörden in Lampedusa angelegt. Menschen, die Leben retteten, sollten nicht verhaftet werden, postulierte Kaeser via Kurznachrichtendienst. Das brachte ihm nun eine Morddrohung ein: "Typen wie Dich brauchen dringend eine Behandlung wie Lübcke."

Anzeige gegen diesen unter dem Pseudonym adolf.hitler@nsdap.de getwitterten Aufruf zur Tötung – CDU-Politiker Walter Lübcke war im Juni in seinem Garten erschossen worden – erstatteten weder Siemens noch Kaeser. Die Verfolgung der mutmaßlich im rechtsextremen Milieu verfassten Hasspostings übernahm die Justiz.

Kein Kommentar zur Tagespolitik

Kaesers Vorgängern wäre so etwas nie passiert. Nicht weil es Facebook und Co noch nicht gab, sondern weil sich die Geschäftsdiplomaten in München eher die Zunge abgebissen hätten, als die Tagespolitik zu kommentieren. Schließlich ist der auf Staatsaufträge wie Elektrizität, Krankenhäuser und Verkehr spezialisierte Elektromulti auf politische Nähe angewiesen.

Ganz sicher scheint sich auch Kaeser nicht gewesen zu sein, ob seine Kommentare gut ankommen. Der Vater zweier erwachsener Töchter ließ über den hauseigenen Social-Media-Kanal die Resonanz unter den weltweit 400.000 Siemensianern abklopfen.

Einen menschlicheren Touch verleiht die Aktivität dem "Renditekönig Joe I." (© Manager Magazin) allemal, vor allem seine Antwort: "Der Teufel hat E-Mail." Denn bis dahin schien der 1957 als Josef Käser in einem niederbayerischen Dorf geborene Betriebswirt nur eines zu fürchten: angloamerikanische Investoren. Ihnen versprach der Sohn eines Fabrikarbeiters Erträge, die seit seinem Aufstieg 2014 an die 27.000 Stellen gekostet haben. Der Abverkauf machte selbst vor Kraftwerken und Glühlampen nicht halt. Ist bald auch die Bahnsparte weg – die Fusion mit Alstom scheiterte zum Ärger Kaesers an der EU-Kommission -, dann besteht die "Bank mit angeschlossener Elektroabteilung" aus nicht viel mehr als Automation und IT. (Luise Ungerboeck, 16.7.2019)