Es hat Seltenheitswert – doch wenn es um Zypern geht, dann sind sich türkische Opposition und Regierung meist einig. Zu Wochenbeginn kritisierte auch der Anführer der Oppositionspartei CHP, Kemal Kılıçdaroğlu, die Europäische Union und stellte sich hinter die Politik der Regierung von Tayyip Erdoğan. Die hat soeben trotz der EU-Sanktionen ein weiteres Bohrschiff in die Region entsandt.

Der Zypern-Konflikt ist für die Türkei eine offene Wunde und reicht weiter zurück als nur bis zur Teilung der Insel 1974. Die moderne Türkei entstand im Abwehrkampf gegen griechische Truppen, die damals den Plan verfolgten, ein großgriechisches Reich zu errichten, das große Teile des anatolischen Festlandes umfasst hätte. Staatsgründer Kemal Atatürk vertrieb die griechischen Truppen.

Das Schiff Fatih auf der Suche nach Erdgas.
Foto: Turkish Defence Ministry via AP, Pool

20. Juli 1974

Mit dem Vertrag von Lausanne 1923 wurde zwar die staatliche Souveränität der heutigen Türkei garantiert, gleichzeitig kam es zu einem großen Bevölkerungsaustausch. Tausende Türken mussten die Ägäis-Inseln verlassen, fast alle Griechen wurden aus Anatolien vertrieben – ein Trauma, das sich 1974 zu wiederholen drohte, als griechische Putschisten Zypern an Griechenland anzuschließen gedachten. In der Folge landeten türkische Truppen und besetzten – vor genau 45 Jahren – den Nordteil. Wieder kam es zu einem Bevölkerungsaustausch, türkischstämmige Zyprioten zogen in den Norden, griechischstämmige in den Süden.

Während der Südteil als eigenständiger Staat Mitglied der EU werden konnte, wird der Nordteil bis heute nur von der Türkei anerkannt. 2004 scheiterte ein UN-Plan, der eine Wiedervereinigung und eine EU-Mitgliedschaft der gesamten Insel vorgesehen hätte, an den Stimmen der griechischen Zyprioten. Das Ergebnis wiederum dämpfte in Ankara die Euphorie einer möglichen EU-Mitgliedschaft der Türkei deutlich.

Nicht nur die Insel ist geteilt, auch durch die Hauptstadt – auf Türkisch Lefkoşa und auf Griechisch Lefkosía – geht ein Riss. Grenzer, Soldaten, Passkontrollen.

Während der griechische Teil der Stadt alle Insignien einer europäischen Fußgängerzone inklusive H&M, Starbucks und McDonald's aufweist, prägen nur wenige Meter weiter Kebabläden und syrische Flüchtlinge das Straßenbild. Das Pro-Kopf-Einkommen im Nordteil lag 2014 bei 15.000 US-Dollar, das im Süden bei 25.000.

Formal unabhängig, hängt Nordzypern am Tropf Ankaras, das sich als Schutzmacht der muslimischen Bevölkerung versteht. Mehr als 30.000 Soldaten sind auf der Insel stationiert. Geschichte und Wirtschaftsstruktur erklären die Sensibilität, mit der in der Türkei auf alles reagiert wird, was mit Zypern zu tun hat.

Das Bohrschiff Yavuz sucht vor Zypern nach Öl- und Gasvorkommen.
Foto: APA/AFP/BULENT KILIC

Seitdem Anfang der Nullerjahre Gas im Mittelmeer gefunden wurde, hat sich ein Streit um die Vorkommen entsponnen. An und für sich liegen alle bisherigen Funde südlich der Inselküste. Nikosia hat deswegen zusammen mit Ägypten, Israel und Griechenland ein Abkommen zur gemeinsamen Ausbeutung der Vorkommen geschlossen. Beauftragt wurden die Energiekonzerne Eni, Exxon Mobil und Total.

Eine Frage der Auslegung

Aus der Perspektive Ankaras hingegen liegen die Vorkommen auf dem türkischen Kontinentalschelf, weswegen Nordzypern auch an den Erträgen der Felder beteiligt werden sollte. Ein Vorschlag des nordzyprischen Präsidenten Mustafa Akıncı zur Einrichtung eines gemeinsamen Komitees wurde vom griechischen Teil dieser Tage abgewiesen.

Stattdessen verhängte die EU am Montag Sanktionen gegen die Türkei, um gegen die Bohrungen türkischer Schiffe zu protestieren. Ankara zeigte sich unbeeindruckt. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu tönte selbstbewusst, die Sanktionen seien "nicht ernst zu nehmen", sie würden die Türkei nicht aufhalten. "Die EU braucht uns – sei es bei der Migrationsfrage, sei es bei anderen Themen. Sie müssen zu uns kommen. Sie müssen Gespräche führen."

Für Erdoğan dürfte die aktuelle Eskalation zudem den Vorteil haben, dass er damit zu Hause von wirtschaftlichen Problemen des Landes und der jüngsten Wahlniederlage in Istanbul ablenken kann. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 19.7.2019)