Die Gelbwesten verbarrikadierten die Champs-Élysées in Paris anlässlich des französischen Nationalfeiertages am 14. Juli.

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"Oh, Champs-Élysées", singt Joe Dassin in seinem Chanson: "Ich flanierte auf der Avenue, das Herz für Neues offen, und hatte Lust, alle zu grüßen."

Farid zum Beispiel. Der junge Ray-Ban-Träger lehnt sich an seinen Ferrari und schlürft an einer Cola mit zermanschtem Eis. Cool hört er einem Inder zu, der an einer Spritztour mit dem himmelblauen Boliden interessiert ist und forsch 200 Euro bietet, um das Heft der Feilscherei gleich an sich zu reißen. Farid lächelt milde: "Der Preis ist fix, Monsieur. 150 Euro."

Für diesen Tarif brummt man eine halbe Stunde lang im offenen Cabrio über die Champs-Élysées und die umliegenden Viertel, inklusive Invalidendom und Eiffelturm. Notabene mit deutschen Nummernschildern, um allfällige Geschwindigkeitsbußen nicht bezahlen zu müssen. Aber gut, einmal im Leben ...

Denn wer weiß, wie lang das noch möglich sein wird? Am letzten Sonntag musste Farid seinen Sportwagen Hals über Kopf in Sicherheit bringen. Es war der französische Nationalfeiertag, 4000 Soldaten waren zur Truppenparade des "Quatorze Juillet" über die Champs-Élysées marschiert. Die Polizei räumte gerade auf, als ein paar Hundert Gelbwesten aus heiterem Himmel die "Champs" stürmten. Die noch nicht verräumten Metallgitter benützten die Vermummten zum Bau improvisierter Barrikaden, E-Roller gingen in Flammen auf.

Übliche Randale

"Randale, Brandstiftung, Tränengas – das Übliche", erzählt Farid schulterzuckend. "Das geht nun schon seit einem halben Jahr so. Wenn die Jungs in Gelb anrücken, verlasse ich mit meinem Wagen den Standort."

Besser so: Die "Gilets jaunes" mögen keine Symbole des Reichtums. Sie haben es sogar darauf abgesehen: Seit letztem November versammeln sie sich vorzugsweise auf den Champs-Élysées, der unangefochtenen Luxusmeile der Lichterstadt. Die Spuren ihres Besuchs bleiben sichtbar. Beim Schmuckverkäufer Bulgari klebt ein Handwerker gerade eine Schutzfolie auf die Schaufenster. Der Lederwarenhändler Longchamp renoviert die ganze Boutique, die im März ausgebrannt war. Der Laden bleibt derweil offen: Die Monatsmieten von 1100 Euro pro Quadratmeter – die dritthöchsten der Welt nach der 5th Avenue in New York und dem Causeway Bay Hongkong – erlauben keine Geschäftspause.

Auch das im Frühling von den Gelb westen zerstörte Nobelrestaurant Fouquet’s hatte am Sonntag wieder geöffnet. Um wegen der neuen Attacke nur Stunden später wieder zu schließen. Die junge Sicherheitsfrau am Eingang seufzt: "Es ist wirklich ein Unglück für uns alle – 128 Beschäftigte insgesamt, wochenlang auf Kurzarbeit gesetzt." Die anderen Adressen entlang der Champs-Élysées mussten am Sonntag hastig die Rollläden runterlassen. Wie der McDonald’s gegenüber dem Fouquet’s. Auch so ein Symbol. "Aber heute sind wir schon wieder voll", freut sich Verkäuferin Manon mit einem Minimikro vor dem Mund. Gerammelt voll sogar: Fastfood zieht hier mehr als eine Sterneküche für die Happy Few.

Wie selbstverständlich

Bei der Revueshow Lido bleibt man ebenfalls guter Dinge. "Unsere Gäste kommen abends, die Schläger hingegen meist schon am Samstagnachmittag." Nicht immer: Am letzten Sonntag enterten um Mitternacht die Fußballfans das neuralgische Pflaster der Republik. Das algerische Nationalteam hatte gerade den Einzug ins Finale des Afrika-Cups geschafft. Aus den Vorstädten strömten zehntausende Maghrebiner in die Innenstadt. Wie selbstverständlich versammelten sie sich auf den Champs-Élysées.

So tun es heute alle. Das angestammte Pariser Volk begeht auf der Prachtstraße den Nationalfeiertag, die Gelbwesten aus der Provinz kämpfen für ihre Sozialrechte – und die Banlieue-Jugend feiert dort ihre Wurzeln. "One, two, three, viva l’Algérie" schrien sie im Überschwang der Gefühle. Die Polizei nahm 280 Fans fest, teilweise wegen Rebellion gegen die öffentliche Autorität. Am Nachmittag waren 180 Gelbwesten wegen ähnlichen Verhaltens in Gewahrsam gekommen. Sie skandierten dazu "Révolution!"– vor der Kulisse globalisierter Luxusmarken wie Louis Vuitton, Apple, Disney, Nike oder Swatch.

Die Champs-Élysées sind selbst ein Kondensat der französischen Widersprüche: schick wie die Pariser Bourgeoisie der mondänen Nachbarschaft, die über die Ladenstraße nur die Nase rümpft; volkstümlich wie die Banlieue- und Touristenmassen, die täglich in einer Zahl von bis zu einer halben Million über die "elysischen Felder" promenieren.

Majestätische Achse

Und die auch sehr politisch wird, wie alles in Frankreich. Die Gelbwesten destabilisieren die Staatsführung. Ein Bonmot besagt: Wer die majestätische Achse zwischen Concorde-Platz und Arc de Triomphe beherrscht, beherrscht Paris und damit Frankreich. Die Champs sind ein sozialpolitisches Kraftfeld geworden, ein Kampfplatz. Als Präsident Macron am Sonntag im offenen Militärwagen die Truppenparade eröffnete, erhielt er Applaus, doch gellten ihm auch – was die Fernsehsender ausblendeten – Pfiffe und Buhrufe entgegen.

Die Gelbwesten zerren an den Nerven vieler Bürger. "Diese Deppen gehören hinter Gitter", schimpft Julien, der Kioskbesitzer vor dem Fouquet’s, der wegen der Krawalle zwanzig Prozent des Umsatzes eingebüßt hat. Als sich der ältere Mann dann etwas beruhigt hat, räumt er ein, das alles sei eigentlich gar nichts Neues. Vor einem Jahr, als Frankreich Fußballweltmeister geworden sei, hätten ihm besoffene Fans den Kiosk in Brand gesteckt. "Wo endet das noch, diese ständige Gewalt?", fragt Julien.

Aber eben, Frankreichs Politik war noch nie die Ruhe selbst, das lehren auch die Champs-Élysées. Napoleon baute oben seinen Triumphbogen hin, während die nach unten geneigten "Felder" ein Ausflugsort des Volkes wurden und wegen Dieben und Prostituierten bereits einen miesen Ruf genossen. 1940 zeigten die deutschen Besatzer mit einem Truppenumzug über die Avenue, wer ab sofort Herr im Land war. Nach dem Mai 1968 versammelte sich eine Million De-Gaulle-Anhänger auf den Champs, um wieder Ordnung im Land herzustellen. Ebenso viele waren es 1998, als Frankreich erstmals Fußballweltmeister wurde und Zinédine Zidanes Truppe feierte.

Grüne Zukunft

Jetzt ist auf der "schönsten Avenue der Welt" – darüber herrscht in Paris immerhin Einigkeit – Grün angesagt. Laut einem neuen Projekt des Architekten Philippe Chiambaretta soll die heute achtspurige Fahrbahn halbiert werden. Dreißig Meter breite Promenaden zu beiden Seiten werden zum Flanieren statt Shoppen einladen, die heute streng beschnittenen Baumalleen schattenspendenden Platanen weichen. Und die Vöglein sollen wie bei Joe Dassin nur noch von Liebe singen. (Stefan Brändle aus Paris, 19.7.2019)