Im Sommer 1969 sind mein Bruder und ich wochenlang mit den Töchtern unserer Nachbarn im Garten unter dem Nussbaum gesessen und haben DKT gespielt. Die Susi und die Anneliese haben sich nämlich die Ohren operieren lassen, genauer gesagt ihre angeblich abstehenden Ohren. Das ist damals gerade in Mode gekommen, dass man sich die Ohren operieren ließ, egal ob die Ohren jetzt abstehend waren oder nicht.

Jedenfalls ist uns das so vorgekommen, weil die Susi vielleicht ein wenig mehr abstehende Ohren gehabt hat als andere Mädchen, die Anneliese aber ganz normale, und nur weil die Schwester die Operation bezahlt bekommen hat, musste sie unbedingt auch noch eine bekommen. Die ersten im Ort, von denen wir gehört haben, dass man sie operiert habe, waren aber die Sprutzinger-Zwillinge, die neben abstehenden Ohren auch noch den Makel der rothaarigen Sommersprossigkeit hatten, von der man damals geglaubt hat, man könne ihr mit dem Auftragen von Zitronensaft im Sommer begegnen. Das hat bei den beiden Buben regelmäßig dazu geführt, dass sie rot im Gesicht waren wie die saftigen Paradeiser in Omas Garten. Analog zu dem etwas unschönen Ausdruck Ohrwaschlkaktus haben wir sie dann Ohrwaschlparadeiser genannt, was natürlich auch nicht besonders nett war.

Unscharfe Bilder aus dem Mutterschiff, noch unschärfere aus der Mondfähre, dazu gab es dann noch die Kommentare von den Moderatoren des ORF ...
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Die Sprutzinger hatten genug Geld, bei denen waren die Kosten für die Operation kein Problem, bei unseren Nachbarn hingegen schon. Die Mädchen mussten sich entscheiden. Mit dem Geld, das sie im Laufe der letzten Jahre in ihren Sparbüchsen gesammelt und immer am Weltspartag zur örtlichen Bank getragen hatten, sollten sie den Spitalsaufenthalt mitfinanzieren, und mit dem Plattenspieler, auf den sie ursprünglich gespart hatten, wurde wieder nichts.

Die Susi und die Anneliese

Deshalb sind die Susi und die Anneliese dann den ganzen Sommer bei uns im Garten gesessen, haben mit uns DKT gespielt und dabei mit dem billigen Donauland-Plattenspieler, den der Bruder und ich zu Weihnachten ein Jahr zuvor bekommen hatten, die Singles von den Herman's Hermits, den Lovin' Spoonful und von Steppenwolf angehört.

Das waren die ersten Platten, die wir bekommen haben, und zu Ostern, zum Zeugnis und zu den Geburtstagen sind dann immer mehr Singles dazugekommen und die ersten Langspielplatten. Die allererste war allerdings ein ziemlicher Reinfall, wieder ein Angebot von der Donauland-Vertreterin, die einmal im Monat ins Haus kam, eine Platte mit all den gängigen Hits darauf. Die Vorfreude war groß, wie wir sie dann aber bekommen haben, hat uns schon Ungutes geschwant, weil das Cover so seltsam ausgesehen hat, gar nicht wie man sich ein Cover mit all den Songs der Kinks, der Move, der Rolling Stones und von Drafi Deutscher vorgestellt hat. Und beim Hören wurden wir dann endgültig vom Grauen gepackt. Da war wirklich alles drauf, was man aus dem Bravo und aus der Hitparade mit der Eva-Maria Kaiser kannte, aber leider gespielt vom Orchester James Last. Eine herbe Enttäuschung.

Und wie, sagte ich also, wie können die da oben im luftleeren Raum eigentlich fliegen? Wenn da nichts ist, nur die Leere?
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Manchmal ließen wir nebenbei auch das Radio laufen, und jedes Mal, wenn ich am Gewinnen war, kam in Beschwingt um Elf der Marrakesh Express von Crosby, Stills & Nash. Als wir einmal eine Pause beim Kaufmännischen Talent machten, fuhren der Bruder und ich mit der Graz-Köflacher-Bahn nach Deutschlandsberg und fragten bei einem Elektrogeschäft nach der Single, ernteten aber nur Kopfschütteln. Man konnte zwar mit Adamo dienen, mit Mireille Mathieu, sogar Mendocino vom Sir Douglas Quintet war im Angebot, aber von einem Marrakesh Express hatte man noch nie gehört. In der Wühlkiste gab es noch ein paar Platten von unbekannten Bands, die im Abverkauf zwar nur fünf Schilling kosteten, uns aber nicht das Geringste sagten. Während der Bahnfahrt sind wir daran erinnert worden, dass das Wochenende ein denkwürdiges werden würde. Ein älterer Herr, der uns wegen unserer Mittelscheitel-Frisuren, Blumenmusterhemden und lilafarbenen Socken keines Blickes würdigte, sagte dem Schaffner gehörig seine Meinung. Die Amerikaner seien an allem schuld, dass wir den Krieg verloren hätten, dass die Bevölkerung mit Kaugummis, Negermusik und Gangsterfilmen absichtlich verblödet würde, und jetzt landen die angeblich auch noch auf dem Mond. Der aber gehöre ganz bestimmt nicht den Amerikanern. Außerdem werde das alles eh nur in Hollywood gefilmt, und weil wir alle schon von den Kaugummis, der Negermusik und den Gangsterfilmen verblödet seien, würden wir diesen Betrug auch noch glauben.

Höchstens bis Mitternacht

Das machte uns neugierig, nur hatten wir damals, weil der Vater ein Operettenliebhaber war, zwar schon einen Plattenspieler, aber noch keinen Fernseher. Immer zu besonderen Anlässen, zu Silvester etwa, besuchten unsere Eltern die Nachbarn, und dann wurde halt dort gemeinsam ferngesehen.

Darauf hofften wir jetzt natürlich. Dass wir uns das ganze Spektakel im Haus von Susi und Anneliese, die inzwischen von ihren Mullbindenturbanen befreit worden waren, anschauen könnten. Der Vater, den das alles überhaupt nicht interessierte, und unser Nachbar – die Mütter spielten, was Verbote und Erlaubnisse betraf, nur eine untergeordnete Rolle – machten gleich einmal klar, dass wir alle, die Mädchen und die beiden Buben, höchstens bis Mitternacht aufbleiben durften. Sollten die Amerikaner es bis dahin geschafft haben, wären wir live bei der ersten weltweiten Fernsehübertragung dabei gewesen. Wenn nicht, wäre der Schlaf wichtiger. Schließlich konnten die Astronauten nicht darauf Rücksicht nehmen, wie spät es irgendwo auf der Welt war.

Gammler und Langhaarige

Junge Menschen bräuchten, so meinte der Nachbar, auf jeden Fall genug Schlaf, damit sie sich körperlich gesund entwickeln könnten, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, das käme nicht infrage, das wäre was für Gammler, Tagediebe, Langhaarige. Im Übrigen sei es für den Bruder und mich wirklich wieder einmal an der Zeit, die Haare in eine gewisse Form zu bringen. Er habe ja nichts gegen lange Haare, wenn sie eine ordentliche Fasson hätten und gewaschen seien. Wenn er in Fahrt war, konnte er stundenlang dozieren, und an diesem Tag war er sehr gut drauf. Seine Frau hatte es schon längst aufgegeben, ihn in solchen Situationen zu bremsen; im Grunde redete er eine Zeitlang und schlief dann vor dem Fernseher ein. Das würde an diesem Tag nicht anders sein.

Die Live-Berichterstattung dauerte ewig, mit den Kommentatoren Hugo Portisch (Bild), Peter Nidetzky und dem Prof. Dr. Herbert Pichler.
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Die Live-Berichterstattung dauerte dann ewig. Unscharfe Bilder aus dem Mutterschiff, noch unschärfere aus der Mondfähre, und dazu gab es dann noch die Kommentare von Peter Nidetzky als Moderator und vom Weltraumexperten des ORF, dem Professor Dr. Herbert Pichler, der immer über alles Bescheid wusste. Der konnte alles erklären, was sich da technisch abspielte, was eventuell passieren könnte, welche Probleme es gab und noch geben würde, er wusste einfach alles.

Eigentlich fanden wir es stinklangweilig, dass er alles wusste, aber weil es schon den ganzen Tag geheißen hatte, das sei das wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte seit der Erfindung des Rades, blieben wir vor dem Fernseher sitzen, damit wir nachher nicht sagen mussten, wir hätten das wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte seit der Erfindung des Rades verpasst. Der Vater von Susi und Anneliese schlief allerdings ziemlich bald ein und erwachte erst wieder gegen neun Uhr, als wir den Fernseher lauter stellen mussten, weil er so gewaltig schnarchte, dass wir beinahe den berühmten Spruch The eagle has landed versäumt hätten.

Das ewige Geschwafel

Natürlich wussten der Bruder, die Susi, die Anneliese und ich nicht, dass das einmal ein sehr berühmter Spruch werden würde, aber er kam uns damals schon irgendwie bedeutungsvoll vor, vor allem weil er zuerst vom Peter Nidetzky übersetzt und dann vom Professor Pichler auch noch wiederholt wurde. Wir Kinder stopften uns die ganze Zeit Goldfischli und Soletti rein, weil wir uns nicht recht entscheiden konnten, ob das alles sehr aufregend war oder nur ermüdend.

Gott sei Dank war es eine laue Julinacht. Wenn wir das Fenster öffneten, kamen zwar die Gelsen und die Nachtfalter ins Zimmer, aber die Blähungen des Nachbarn, die ihm im Schlaf auskamen, konnten wenigstens entweichen. Die Susi, die genau wie ihre Mutter gerne auf feine Dame machte und jetzt wegen ihrer ausgesprochen elegant anliegenden Ohren auch noch einen zukünftigen höheren Marktwert auf dem Heiratsmarkt hatte, schimpfte sonst immer mit dem Vater, aber weil er jetzt schlief, rümpfte sie nur die Nase und schüttelte murmelnd den Kopf über dessen Anstandslosigkeiten.

Mein Bruder, die Anneliese und ich versuchten währenddessen krampfhaft den technischen Erklärungen des Professors zu folgen. Aber als der Nachbar dann wieder wach wurde und der Adler gelandet war, meinte seine Frau, die kurz ins Wohnzimmer schaute und uns Nachschub an Zitronenlimonade brachte, dass der Briefträger am Vortag gemeint hätte, das alles sei gar nicht echt, das würde irgendwo in Amerika gefilmt und live übertragen. Der Nachbar grunzte nur, und keiner wusste recht, ob das jetzt ein Zustimmungsgrunzen oder ein Ablehnungsgrunzen gewesen war. Das war in der Nachbarsfamilie der allgemeine Zustand. Der Vater grunzte, wenn die Töchter etwas von ihm wollten, die Mutter interpretierte es nach ihrem Willen.

Luft gibt es dort keine

Jetzt war es so, dass sie der Meinung war, ihr Ehemann stimme dem Briefträger zu, die Susi und ich aber waren uns sicher, dass er das ebenso für einen Blödsinn hielt wie wir. Er war zwar in vielem sehr altmodisch, aber auf den technischen Fortschritt hielt er sehr viel. Und weil mir das ewige Geschwafel vom Nidetzky und vom Pichler auch schon langsam auf die Nerven ging, wollte ich auch etwas Gescheites sagen, etwas, das mich schon die ganze Zeit beschäftigt hatte.

Und wie, sagte ich also, wie können die da oben im luftleeren Raum eigentlich fliegen? Wenn da nichts ist, nur die Leere? Dort ist das Gas, antwortete unser Nachbar, was glaubt ihr, wo all das Gas hinkommt? Welches Gas? Luft gibt es dort keine, das ist klar, meinte er. Aber die Ausdünstungen von vier Milliarden Menschen. Und dann noch all das Verbrannte, die Wellen aus dem Radio, vom Fernseher und vom Radar und die Seelen der Toten. Und seit neuestem gab es auch noch die Mikrowelle. Das war der letzte Schrei aus Amerika, den die Familie sich hatte kommen lassen, obwohl niemand wirklich wusste, wofür man den Mikrowellenherd überhaupt brauchte. Das alles jedenfalls, erklärte er uns Kindern und seiner Frau, steigt auf in den Weltraum und trägt die Astronauten bis zum Mond. Und wir alle leisteten täglich unseren Beitrag.

Dafür haben sie Helme auf

Ich war völlig verunsichert. Schließlich hatte ich ihn noch nie im Leben lachen gesehen, einen Witz erzählen oder einen Spaß machen. Er war die Ernsthaftigkeit in Person, selbst wenn er betrunken war, wurde er immer ernster. Die Susi neben mir rümpfte schon wieder die Nase, weil sie auch nicht recht wusste, was sie davon halten sollte.

Und wie halten die Amerikaner das aus da oben? All die Ausdünstungen, all das Verbrannte und all die Wellen? Ganz einfach. Dafür haben sie die Helme auf.

Und wie zur Bekräftigung entspannte er sich, indem er ein langes Schnaufen von sich gab. Die Nachbarin wandte sich wieder ihrer Hausarbeit zu, die Anneliese gähnte, mein Bruder war längst eingeschlafen, und Susi tat so, als ginge sie das Geschwafel ihres Vaters rein gar nichts an. Ich hingegen starrte zuerst auf den Fernseher, wo dem Peter Nidetzky ein Nachtfalter auf der Nase flatterte, ging dann zum Fenster, das noch immer weit offenstand, und schaute hinauf zu den Männern im Mond.

Der Armstrong und der Aldrin

Ja, er wirkte irgendwie verschwommen, war irgendwie von trüber Farbe. Vielleicht war es wirklich so, dass all die Ausdünstungen unseres Nachbarn und von den anderen vier Milliarden Menschen es geschafft hatten, die Amerikaner dort hinaufzutragen.

Irgendwann vor Mitternacht sind wir dann alle schlafen gegangen. Die Mondfähre stand stundenlang auf dem Mond herum, und der Armstrong und der Aldrin wollten einfach nicht aussteigen. Die noch berühmtere Szene mit dem noch berühmteren Spruch vom Armstrong haben wir erst am nächsten Tag gesehen. Es war der 21. Juli 1969, die Väter verließen früh am Montagmorgen das Haus, um ihren Geschäften nachzugehen, die Frauen werkten irgendwo im Keller und in der Küche, und wir Kinder fuhren mit dem Zug zum Baden.

Die Welt und die Menschheit hatten sich kein bisschen verändert, alles war wie immer, nur zwei Menschen hüpften irgendwo da oben herum. Auf dem Weg sahen wir vor der Auslage des Elektrogeschäfts eine kleine Traube von Passanten, die sich die Szenen vom Mond anschauten. Wir aber freuten uns auf einen Sommertag im Freibad, wo wir in den Umkleidekabinen durch die heimlich gebohrten Gucklöcher spähten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. (Wolfgang Pollanz, 20.7.2019)