"Es wird heute sogar noch mehr diskutiert": Auch das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden widmet Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Ausstellung.

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Es wird an diesem Wochenende ein wenig bunter werden im grauen Hof des Berliner Bendlerblocks. Dort, wo Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitverschwörer vor 75 Jahren auf einem Sandhaufen erschossen wurden, sind frische Blumen zu erwarten. Ansonsten erinnert nebst einer Tafel immer ein Kranz an der Wand an das Geschehen.

"Natürlich ist dies ein Ort, an dem einen der Hauch der Geschichte anweht", sagt Stauffenbergs Enkelin Sophie von Bechtolsheim zum STANDARD. "Aber eigentlich ist es selbst hier schwer vorstellbar, so nahe mit diesem Menschen verwandt zu sein. Denn sein Bild steht ja nicht nur für die Familie zur Verfügung, sondern für die ganze Welt."

Sophie von Bechtolsheim ist Historikerin sowie stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung 20. Juli 1944 und hat gerade ein Buch über ihren berühmten Vorfahren herausgebracht. Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter heißt es (erschienen im Herder-Verlag). Lange habe sie gebraucht, um sich dem Stoff als Historikerin anzunähern, sagt sie. Aber: "Ich wollte den Leserinnen und Lesern ermöglichen, diesen Mann als Menschen kennenzulernen."

Sie stützt sich nicht nur auf Dokumente, sondern auch auf Erinnerungen ihrer Großmutter Nina (1913-2006) an den "Opapa", und sie ist "überzeugt, dass das Vermächtnis es wert ist, auch heute noch erzählt zu werden". Vor allem "aus Verantwortung gegenüber jungen Menschen" hat sie das Buch geschrieben.

Stauffenberg, geboren 1907 im Königreich Bayern, Vater von fünf Kindern, Offizier, Patriot, Nationalist, Oberst, zunächst Anhänger von Hitler, dann Kopf der Verschwörer, die ihn beseitigen wollten, gestorben am 21. Juli kurz nach Mitternacht – er fasziniert und polarisiert immer noch.

Doch Hitler überlebt

"In den Achtzigerjahren hieß es, nach dem 40. Jahrestag wird das Interesse abflauen, kaum jemand wird sich noch für ihn interessieren", erklärt Johannes Tuchel, Politologe und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, und fügt hinzu: "Das Gegenteil ist der Fall: Es wird heute sogar noch mehr diskutiert."

Für den Theologen und Psychiater Manfred Lütz ist Stauffenberg, der mit 37 Jahren starb, "die Grundlage dafür, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in der Völkergemeinschaft anerkannt wurde". Er war das sichtbare Zeichen dafür, dass es eben doch auch die anderen Deutschen gab, nicht nur glühende Nationalsozialisten.

Zunächst war Stauffenberg ja regimetreu und auch ein Anhänger von Hitler gewesen. Im Jahr 1939 berichtete er seiner Frau Nina in einem Feldpostbrief von seinen Eindrücken aus Polen. In der Bevölkerung gebe es "unglaublichen Pöbel", "viele Juden" und "Mischvolk", schrieb er. Es sei ein Volk, das sich nur "unter der Knute wohlfühlt".

Doch je länger Hitler herrschte, je länger der verheerende Krieg dauerte, desto mehr zweifelte Stauffenberg. Im April 1944 schließlich sagte er: "Wenn das, was im Gange ist (...), so weitergeht, kann niemand von uns mehr leben, und dann ist auch Familie sinnlos, ist Familie nicht mehr möglich, gibt es sie nicht mehr."

Es gelang ihm am 20. Juli 1944, in einer Aktentasche eine Bombe im Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg/Ostpreußen (heute Polen) zu deponieren und auch zu zünden.

Doch Hitler überlebte leicht verletzt, Stauffenberg und seine engsten Mitstreiter wurden wenige Stunden später in Berlin hingerichtet. Dorthin war Stauffenberg noch geflogen, im Glauben, Hitler sei tot. Es war ihm nach der Landung auch noch gelungen, das Unternehmen "Walküre", also den Staatsstreich nach dem Attentat, in Gang zu setzen, doch er scheiterte.

Dass man an Stauffenberg erinnern soll, das hielten viele Deutsche nach dem Krieg für unnötig. 1951 fragte das Allensbacher Institut für Demoskopie die Bundesbürger, was sie über den 20. Juli 1944 dachten. Nur ein gutes Drittel der Befragten hatte eine positive Meinung über die Männer und Frauen, die versucht hatten, das NS-Regime zu stürzen.

Noch im Jahr 1956 war die Mehrheit dagegen, eine Schule nach dem gescheiterten Hitler-Attentäter Stauffenberg zu benennen. Viele sahen den Verrat und das Attentat im Vordergrund, nicht aber den Widerstand gegen ein Terrorregime.

Erst in einer Umfrage des Spiegel im Jahr 2004 erklärte zum ersten Mal eine Mehrheit der Deutschen, dass der Widerstand gegen Hitler für die demokratische Kultur Deutschlands wichtig sei.

75 Jahre nach seinem Tod wird Stauffenberg allerdings eine Verehrung zuteil, die nicht einmal seine Nachkommen gutheißen. "Stauffenberg ist ein Held deutscher Geschichte", hat AfD-Chef Alexander Gauland klargestellt, als der Nachwuchs-AfDler Lars Steinke ihn als "Verräter" bezeichnete – wofür er auch aus der Partei ausgeschlossen wurde.

Gern preist man in der AfD den "ehrlichen, wahren Patriotismus" Stauffenbergs, er sei ein "konservativer und deutscher Held", ein "deutscher Patriot". Die Thüringer AfD-Fraktion unter Führung von Björn Höcke schrieb unter ein Stauffenberg-Konterfei: "Der echte Antifaschismus hat keine bunten Haare."

Und in Sachsen-Anhalt legten Vertreter der AfD beim 20.-Juli-Gedenken einen Kranz mit den Worten "Es lebe das heilige Deutschland" nieder. Dies sollen die letzten Worte gewesen sein, die Stauffenberg vor seiner Hinrichtung ausgerufen hat.

"Es ist übergriffig, wenn Parteien versuchen, meinen Großvater für ihre Zwecke vereinnahmen zu wollen", sagt von Bechtolsheim. Dass ausgerechnet die AfD nicht davor zurückschreckt, findet sie "unanständig". Denn: "Hier behauptet eine Partei, dass unser Staatssystem so zu sehen ist wie das Unrechtsregime von damals."

"Wir sind keine Berufshinterbliebenen", hat Stauffenbergs Ehefrau Nina ihren Kindern und Enkeln immer wieder gesagt. Zu Hause, so schildert es von Bechtolsheim in ihrem Buch, wurde der Name des Großvaters auch nicht ständig ehrfurchtsvoll ausgesprochen. Aber, so die 51-Jährige: "Wir haben immer Antworten bekommen, wenn wir gefragt haben." Doch wenn ihr Großvater so vereinnahmt werde, dann sei das "schmerzlich und regt Widerspruch".

Opposition heute ist anders

Das gilt auch für einen weiteren Nachkommen. "Selbst wenn ich mit der Politik Merkels nicht einverstanden bin, ich kann die Opposition dagegen doch nicht mit dem Widerstand in einer Diktatur und dem NS-Unrechtsregime vergleichen. Und das macht jetzt ausgerechnet eine Partei, die in ihren Reihen Funktionäre hat, die genau so hetzen wie damals", kritisiert Karl Stauffenberg, ein Enkel des Obersts. Er hat den Verein "Mittendrin statt extrem daneben" gegründet, um jede Art von Extremismus zu bekämpfen.

Dass sein Großvater von Rechten auch verehrt wird, weil er kein Verfechter der Demokratie war und eine vorübergehende Militärdiktatur anstrebte, findet der Enkel ebenfalls absurd: "Es ist richtig, er war kein Demokrat. Aber er hat auch nie eine erfolgreiche Demokratie erlebt. Seine Zeit war eine, in der der Nationalstaat das Nonplusultra war. Das kann man mit den heutigen Verhältnissen nicht vergleichen."

Als Held sieht er seinen Großvater auch nicht: "Ich bin mit den Marvel-Comics aufgewachsen. Helden sind für mich Figuren in blauen Strumpfhosen, die durch Wände gehen können. Mein Großvater ist im besten Sinne eine Art Vorbild."

Wenn die Feierlichkeiten am Wochenende vorüber sind, dann kehrt für die Familie Stauffenberg wieder etwas mehr Ruhe ein. Doch zu Ende ist die Erinnerungsarbeit nie. Es soll sich jetzt jedoch nach dem 75. Jahrestag der Fokus ein bisschen ändern, sagt Gedenkstättenleiter Tuchel.

Noch immer sei in vielen deutschen Köpfen verhaftet, was Hitler nur wenige Stunden nach dem gescheiterten Attentat in einer Rundfunkansprache erklärt hatte: "Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen."

Doch, so Tuchel: "Es war keine kleine Clique, wir wissen heute, dass an die 200 Menschen eingeweiht waren – aus allen gesellschaftlichen Schichten, den Reihen der Sozialdemokraten, des Militärs, der Kirche, der Gewerkschaften, der Offiziere." Das sei die Aufgabe der Zukunft: "Wir wollen sie sichtbarer machen – vor allem die Frauen unter ihnen." (Birgit Baumann, 20.7.2019)