Neuer Tag, neue Eskalation am Golf: Von einer "noch ernsteren und noch gefährlicheren" Situation sprach Deutschlands Außenminister Heiko Maas angesichts der Festsetzung der Stena Impero, eines unter britischer Flagge fahrenden Öltankers, in der Straße von Hormus durch den Iran. "Es geht darum, Krieg zu verhindern."

Großbritannien bezeichnete "die Bedrohung der freien Schifffahrt" als "inakzeptabel und eskalierend" und drohte dem Iran mit "ernsthaften Konsequenzen". Außenminister Jeremy Hunt will die Maßnahmen heute, Montag, bekanntgeben. Im Raum stehen offenbar das Einfrieren iranischer Vermögen und ein Drängen seitens Londons, dass die 2016 aufgehobenen UN- und EU-Sanktionen gegen den Iran erneut verhängt werden.

Zahlreiche Eskalationen

Es ist die jüngste einer Reihe von Eskalationen am Golf, die mit der Festsetzung des unter der Flagge Panamas fahrenden Supertankers Grace 1 mit Öl aus dem Iran in Gibraltar begann – doch eigentlich im Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran vor einem Jahr ihren Ursprung hat (siehe Chronologie).

Aufzeichnung des Funkverkehrs zwischen einem britischen Kriegsschiff und den iranischen Revolutionsgarden.
BBC News

Der Tanker Stena Impero gehört der schwedischen Reederei Stena, an Bord waren für die Leerfahrt von Fujairaha (Vereinigte Arabische Emirate) nach Saudi-Arabien 23 Besatzungsmitglieder, darunter Inder, Russen und Filipinos. In der Straße von Hormus forderten Boote der iranischen Revolutionsgarde den Kapitän zur Kursänderung auf, später seilte sich eine Einsatzgruppe auf den Tanker ab. Er wurde zum iranischen Hafen Bandar e-Abbas geleitet.

Der unter britischer Flagge fahrende Öltanker Stena Impero wurde vom Iran in der Straße von Hormus festgesetzt. Großbritannien drohte mit "ernsthaften Konsequenzen".
Foto: AP/Hasan Shirvani/Mizan News Agency

Zuvor hatte die britische Fregatte HMS Monrose die Iraner noch per Funk vor dem Aufbringen des Schiffes gewarnt. "Bitte bestätigen Sie, dass Sie nicht internationales Recht verletzen wollen", lautete die vergebliche Forderung. Um aktiv einzugreifen, war das einzige britische Kriegsschiff in der Region zu weit weg – anders als vor zehn Tagen, als es einen früheren Kaperversuch vereiteln konnte.

Standbild aus dem von dern iranischen Revolutionsgarden veröffentlichten Video.
Foto: APA/AFP/SEPAH NEWS

Nachdem iranische Stellen zunächst von einer Kollision der Stena Impero mit einem Fischerboot gesprochen hatten, gab ein Regierungssprecher am Samstag als Grund die Vergeltung für die Beschlagnahme eines iranischen Tankers zu Monatsbeginn an. Die Grace 1 mit Rohöl im Marktwert von rund 100 Millionen Dollar (89 Millionen Euro) an Bord war vor der Küste der britischen Kronkolonie Gibraltar durch Royal Marines aufgebracht worden. Zur Begründung sagte London damals, die angeblich geplante Lieferung des Öls an Syrien verstoße gegen EU-Sanktionen.

Bitte aus den USA

Die Briten hatten mit der Beschlagnahme, anders als der Nato-Verbündete Spanien, einer Bitte aus den USA entsprochen. US-Sicherheitsberater John Bolton sprach von "einer großartigen Neuigkeit". Seit der Aufkündigung des Atomdeals mit dem Iran durch Präsident Donald Trump verschärft Washington zunehmend die Gangart gegenüber Teheran. Erst vor wenigen Wochen hatte Hunt beide Seiten vor einem "Krieg aus Versehen" gewarnt.

Als Vermittler versuchte sich am Wochenende der Oman: Man stehe mit mehreren Stellen in Kontakt, um die sichere Fahrt des Schiffes durch die Straße von Hormus zu garantieren, hieß es vom Außenministerium. Der Oman rief zur Zurückhaltung und zu einer diplomatischen Lösung auf.

Gudrun Harrer erklärt: Die Straße von Hormus.
DER STANDARD

Durch die Straße von Hormus, den Zugang zum Persischen Golf zwischen Iran und Oman, wird ein Drittel des weltweiten Ölhandels abgewickelt. Die Meeresenge weist an der schmalsten Stelle eine Breite von nur 38,3 Kilometern auf. Teheran hat bei früheren Streitigkeiten mit den USA immer wieder mit der Sperrung gedroht.

Seit der Beschlagnahme rät die britische Regierung Schiffen unter britischer Flagge, die Wasserstraße zu meiden. Außerdem wurden ein Navy-Tanker sowie der Zerstörer HMS Kent in die Region entsandt. Die verspäteten Maßnahmen könnten nicht über die Machtlosigkeit der Brexit-Nation hinwegtäuschen, glaubt Professor Lawrence Freedman vom Londoner King's College: "Großbritanniens Möglichkeit zu unabhängigem Handeln sind sehr begrenzt."

Das diplomatische und militärische Schlamassel wird am Montag das Unterhaus beschäftigen: Verteidigungsministerin Penelope Mordaunt und Außenminister Jeremy Hunt sehen sich mit unangenehmen Fragen konfrontiert. Das Lager von Hunts Rivale um die May-Nachfolge, Boris Johnson, distanziert sich mit aller Macht von der eigenen Regierung. Johnsons Unterstützer Iain Duncan Smith sprach am Sonntag von "einem erheblichen Versagen".

Rücktritte angekündigt

Johnson selbst sah sich vor der Wahl zum Tory-Chef mit Gegenwind aus dem Kabinett konfrontiert. Mehrere Minister haben für den Fall seines Sieges am Dienstag ihren Rücktritt angekündigt, darunter Finanzminister Philip Hammond und Justizminister David Gauke. Hammond sagte der BBC am Sonntag, er stimme beim Thema Brexit nicht mit Johnson überein und wolle lieber selbst gehen, bevor er hinausgeschmissen werde. (Sebastian Borger aus London, Noura Maan, 21.1.2019)