Als der Street-Art-Künstler Banksy vergangenen Oktober auf einer Auktion sein soeben für rund 1,2 Millionen Euro versteigertes Werk Girl with Balloon per Fernsteuerung durch einen Schredder jagte, war zuerst die Aufregung im Saal und in den Medien groß. Ist das Bild nun hin? Entwarnung kam aber prompt, die Käuferin wollte das Kunstwerk behalten. Sein Wert war durch die geplante Zerstörung gestiegen, inzwischen hängt es als Love is in the Bin in einem deutschen Museum.

Ob die ÖVP aus dem am Wochenende bekannt gewordenen Schreddern einer Druckerfestplatte aus dem Bundeskanzleramt kurz nach Bekanntwerden des Ibiza-Videos einen Gewinn oder nur ein PR-Desaster davonträgt, wird sich vielleicht einst weisen. Der Datenträger ist hinüber und damit möglicherweise wichtige, möglicherweise entlastende, möglicherweise belastende Hinweise.

2018 schredderte Banksy per Fernsteuerung während der Sotheby's-Auktion von "Girl with Balloon" das Werk.
Foto: APA/AFP/BEN STANSALL

Dass umsichtige Schaffenskraft das Stückchen Speicherkapazität dem Reißwolf zugeführt hat, darf man indes getrost verneinen. Der Weg zu den Technoschnipseln erinnert eher an Alexander den Großen und dessen Legende gewordenen Umgang mit dem Gordischen Knoten. Das kunstvoll geknüpfte Seil, Sprichwort geworden für ein kniffliges Problem, schlug er plump mit dem Schwert durch. Die gelehrte Welt war entsetzt, aber durch war das Ding – erinnert heute an Opposition und die ÖVP.

Schluss mit Illusionen

In der Kunstgeschichte hat Feingeist immer wieder die feine Klinge geführt. Schon lange vor Banksys – je nach Lesart – Marketingcoup oder Stinkefinger ins Gesicht des Kunstkapitalismus.

Lucio Fontana bearbeitete Leinwände mit Löchern und Schnitten, um mit visuellen Täuschungen Schluss zu machen.
Foto: Jack Taylor/Getty Images

Zu den berühmtesten Schlitzen an Museumswänden zählen jene Lucio Fontanas. Der italienische Künstler fertigte zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts von Löchern perforierte und mit Messern aufgeschlitzte Leinwände an, die er Concetto spaziale nannte. Durch die Löcher und Schnitte gibt die Leinwand Blicke hinter sich frei. Fontana wollte mit der traditionellen Kunst, die mit Farben visuelle Wirkung schafft, brechen: Schluss mit Illusionen also.

Schreddern, um zu enthüllen, davon kann im aktuellen Fall der ÖVP nicht die Rede sein.

Es zeigen sich indes andere Parallelen von Politik und Kunst. Der Bruch zwischen aufeinanderfolgenden Regierungen wird laut Rechtfertigung der Volkspartei nicht selten mit tatsächlichen Verwüstungen der Büros betont. Das klingt, als hätte Kurz' ÖVP sich beim italienischen Futurismus schlaugemacht, der ab 1909 martialisch kultureller Neuerung um jeden Preis huldigte: "Wir wollen den Krieg verherrlichen, diese einzige Hygiene der Welt."

Messer und Menschen, ohje

Eine Art Schreddern war auch der Bruch mit der Zentralperspektive bei den Kubisten. Picasso und Braque "zerstörten" die zweidimensionale Wiedergabe der Welt, indem sie zwecks Pluralisierung des Blicks mehrere Ansichten eines Objektes in einem einzigen Bild miteinander verschnitten. Für konventionelle Schauende wurden sie so hingegen unlesbar. Das sollte aber niemanden ausbooten, sondern fordern.

Das Konstruktive im Akt der Zerstörung boomte mit den 50ern überall. Mit schtzngrmm drehte Ernst Jandl die Sprache durch den Reißwolf, mit den musikalischen Parametern tat selbiges der Free Jazz. In der Performance stellte sich Yoko Ono zum Zerschnittenwerden aus: Mit einer Schere zwischen sich und dem Publikum saß sie auf einem Podium und ließ das Publikum in Cut Piece ihre Kleidung wegschneiden. Während die Künstlerin stoisch blickte, durchtrennte ihr ein Beherzter sogar die Träger des BHs. Ono gab später zu, dabei Angst gehabt zu haben. Messer und Menschen, man weiß nie.

Everything has its first time

Selbst zum Schneidinstrument griff dagegen US-Künstler Gordon Matta-Clark. Mit der Motorsäge machte er sich in den 70ern an zum Abbruch freigegebenen Häusern zu schaffen. Er durchquerte mit den Cuttings ihre Fassaden und Böden, um deren Inneres zu zeigen. Mit diesen neuen Durchblicken prangerte er die konservative Architektur der Zeit an.

Ein ganzes großes Haus! Was ist dagegen eine kleine Festplatte.

Trister grauer Staub

Und als der Künstler Ai Weiwei in der Fotoserie Dropping a Han Dynasty Urn 1995 eine antike chinesische Vase fallen ließ, verwies er damit auf den zerstörerischen Umgang seines Heimatlandes mit dessen Erbe und Geschichte.

Blendtec's Will It Blend?

Nicht jede Zerstörung braucht ästhetischen oder politischen Überbau. Die Nonsens-Serie Will It Blend? stellt auf Youtube Produkten des Alltags die einfache Frage. Ein iPad kann viel, kann es auch gemixt werden? Spoiler: Alles lässt sich kleinhacken. Von der Murmel bis zum Turnschuh ist unsere bunte Welt im Inneren oft trister grauer Staub. Darüber klärt Schreddern auf. Nun also die fesch türkise ÖVP.

Wo wären wir ohne Müllzerkleinerung. Schreddern ist, was man draus macht. (Michael Wurmitzer, 23.7.2019)