Boris Johnson wird Premier.

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Am Ziel. Vielfach totgeglaubt, als Spaßvogel verlacht, als Lügner entlarvt, von Konkurrenten in den Staub getreten, von vermeintlichen Freunden als unfähig denunziert – Boris Johnson hat alle eines Besseren belehrt. An diesem Mittwoch wird Königin Elisabeth II. dem 55-Jährigen das Schicksal ihres Reiches und seiner 66 Millionen Einwohner anvertrauen. Was müssen die Briten, was darf die Welt vom neuen Premierminister erwarten?

Wer ist Boris Johnson, Großbritanniens neuer Premierminister?
DER STANDARD

Vielleicht schadet es nicht, darauf hinzuweisen, was Johnson nicht ist: Er ist weder ein Mini-Trump noch ein Clown. Hinter der Fassade des zerzaust daherkommenden, altgriechische Vokabeln stammelnden Exzentrikers verbirgt sich ein Einzelgänger mit rasiermesserscharfem Verstand.

Johnsons Amtszeit als Bürgermeister Londons hat uns zwei Dinge gelehrt: Er erreichte damals in einer linksliberalen Stadt Bevölkerungsgruppen, die normalerweise einen Tory nicht einmal mit dem Hinterteil betrachten. Und er regierte als Chairman einer Gruppe fähiger Manager. Diese kümmerten sich um die Details und konnten sich auf die Rückendeckung des Chefs verlassen.

Zu Recht weisen Politologen aber darauf hin, dass der Job des in seinen Kompetenzen stark eingeschränkten Rathauschefs nicht mit dem des Londoner Regierungschefs vergleichbar ist. Johnson wird sein Arbeitspensum steigern und sein Privatleben ordnen müssen, wenn er überleben will.

Monsteraufgabe Brexit

Die Aufgaben türmen sich vor dem neuen Premierminister. Ganz zuoberst liegt natürlich die Umsetzung des Brexits, an der Theresa May kläglich gescheitert ist. Eines ihrer Probleme war, dass sie den Ultras in der eigenen Partei und den nordirischen Fundamentalisten zu keiner Zeit Paroli bot und die kompromisswillige Opposition viel zu spät einzubinden versuchte. Johnson hat zwar im Nachfolgerennen als sein Ziel angegeben, er wolle "das Land vereinen". Darauf deutet aber bisher nichts hin – im Gegenteil: Der neue Mann kann sich, wie die zahlreichen Rücktritte vom Wochenbeginn verdeutlichten, nicht einmal auf die Rückendeckung seiner eigenen Partei verlassen.

Viel wird von der Kabinettsbildung abhängen. Dabei richtet sich das Augenmerk besonders auf einen Namen: auf Jeremy Hunt, Johnsons hölzernen Rivalen. Sollte der Sieger, wie es seine Kampagnenmanager angedeutet haben, den Außenminister mitten in der Krise am Persischen Golf entlassen, wäre dies ein katastrophales Signal an die parteiinternen Johnson-Skeptiker, vom Rest der Welt ganz zu schweigen.

Die Konservativen haben den Repräsentanten eines "merry old England" auch wegen seines sonnigen Optimismus gewählt – aber vor allem wegen seiner Beteuerung, er werde den EU-Austritt Ende Oktober durchsetzen, "komme, was da wolle". Als klarer Favorit im Bewerberfeld hätte sich Johnson kompromissbereit zeigen und als Realist positionieren können. Anstatt seinen Parteifreunden ein paar unangenehme Wahrheiten zu sagen, gab Johnson dem Affen des englischen Nationalismus Zucker. Wenn man seine Äußerungen zusammenrechnet, steuert das Land unausweichlich auf den Chaos-Brexit zu.

Gewiss wäre ihm zuzutrauen, dass er den Kurs wechselt, sobald er in der Downing Street angekommen ist. Einstweilen spricht wenig dafür. (Sebastian Borger aus London, 23.7.2019)