Gottlob, man ist nicht Immobilienhändler im Lavaschatten des Ätna geworden!

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Folgt man dieser Tage den löcherigen Straßen, die das Eiland Sizilien für uns Festlandeuropäer erschließbar machen und deren Benutzung dennoch den Steiß erschüttert, so dankt man Gott dem Herren: Man ist nicht Immobilienhändler im Lavaschatten des Ätna geworden! Jeder Makler, der eine der leerstehenden, bis auf die Paradontose-Knochen abgenagten Villen im Weichbild von Syracusa oder Catania losschlagen muss, steht vor einem Rätsel biblischen Ausmaßes. Wie soll so jemand mitten in der Wüste stehen – und dennoch die Menschheit für den Erwerb von Sandkörnern erwärmen?

In den Kindheitstagen eines Babyboomers schien ganz Italien, vor allem der touristische Norden, aus mindestens vierstöckigen Hochhäusern zu bestehen. Die Pensionszimmer in diesen Wimmelbuden glichen dem, was ein ostdeutscher Dichter – mit Blick auf Plattenbauparadiese – einst "Fickzellen mit Fernheizwärme" nannte. An der ferialen Ausübung ihrer Ehepflichten wurden die Kreisky-Wähler nicht nur von ihren Lendensprossen gehindert ("Mama, ich kann nicht schlafen! Krieg’ ich morgen wieder ein Eis?"), sondern vom Verbrennungsgrad ihrer Pellen.

Sonnenbrand als Kriegsverletzung

Man trug als stolzer Mitteleuropäer im Juli oder August den Sonnenbrand wie eine geringfügige Kriegsverletzung mit sich herum. Die Ausgeheilten wurden sofort frühmorgens für ein weiteres Sonnenbad einbestellt. Es war alles gleichgültig geworden: Man wurde ohnedies dunkelbraun, und jeder Mittag brachte in der Vollpension die immer gleiche Schöpfkelle verkochten Gemüses. Wie gut, dass die Patrona, eine resolute Frau mit proletarischem Hintergrund, bei der Zubereitung ihrer herzhaften Speisen sicherheitshalber immer eine Kippe im Mundwinkel stecken hatte!

Erst an Ferragosto, dem Feiertag, wurde ein Zauber bemerkbar: Dürre Piepmätze schwammen, nackt und gar, in einer dicken Pampe, deren sich jedes anständige Stück Wild geschämt hätte. Der Sohn des Hauses schlich durch den Saal und küsste wehrlose Urlauberinnen. Man genoss Spumante und stieß ihn sofort wieder auf. Den Damen wurde, und das in Anwesenheit ihrer Gatten, sofort pfingstig ums Heil. Dabei war es doch schon August geworden. (Ronald Pohl, 24.7.2019)